Musik & Krankheit

Heftige Hörner, gefährliche Geigen

20. Dezember 2009, 18:47

Musik machen ist wie Leistungssport. Viele Musiker leiden an berufsbedingter Gelenkabnutzung, an Hörschäden oder unter psychischen Problemen. Hilfestellung gibt es in einer Wiener Spezialambulanz

Musik ist Therapie - etwa für Wachkomapatienten, Frühgeborene und Personen mit Migräne. Und Musik ist Vergnügen - nicht nur für Freunde von Weihnachtsoratorien und dem Neujahrskonzert. Die Produzenten der Klänge, also die Handwerker im Orchestergraben und auf der Bühne, macht die Ausübung ihrer Kunst allerdings häufig krank. Hörschäden, Gelenksentzündungen und psychische Probleme sind typische Musikerleiden. Schätzungen zufolge nehmen bis zu 75 Prozent der Orchestermusiker im Laufe ihrer Karriere Schaden an Körper oder Seele.

Kein Wunder, meint der Mediziner und Klarinettist Michael Peschka von der Medizinischen Universität Wien: "Musizieren auf professionellem Niveau ist durchaus mit Leistungssport vergleichbar." Die Anforderungen an junge Musiker im Kampf um eine Orchesterstelle sind enorm. Vielen Nachwuchstalenten wird schon während der Ausbildung vermittelt, "dass man unter allen Umständen zu funktionieren hat", berichtet Peschka.

Zudem: Instrumente sind oft sehr unergonomisch gebaut, die Folge sind Schmerzen. Durch verdrehte Haltung und einseitige Belastung bekommen Querflötisten und Violinisten Verspannungen im Nacken- und Schulterbereich. Klarinettisten überfordern das rechte Daumengelenk, auf dem fast das ganze Gewicht des Instruments lastet. Sänger riskieren bei Überlastung verhärtete Knötchen auf den Stimmbändern, und Bläser wiederum sind gefährdet, Lippen-, Kiefer- und Zahnprobleme zu entwickeln, oder Grünen Star als Folge von erhöhtem Augeninnendruck durch den Anblaswiderstand.

Der Musikerkrampf

Manche Pianisten leiden unter dem "Musikerkrampf", ein neurologisches Leiden, bei dem sich einzelne Finger unwillkürlich einrollen. Kurzfristig helfen da zwar Injektionen mit dem Nervengift Botulinumtoxin, langfristig ein Neuerlernen einzelner Bewegungen, um die Finger zu entlasten.

Berufsbedingte Leiden sind also häufig. Matthias Bertsch von der Universität für Musik und darstellende Kunst in Wien erklärt, dass "der Körper ein Teil des Instruments" ist und Musiker ihren Körper oft vernachlässigen. Bei einer von Bertsch durchgeführten Umfrage unter 350 Musikstudenten und -schülern gaben 50 Prozent an, dass sie im vergangenen Jahr Schmerzen gehabt hätten.

Dabei ließen sich viele Beschwerden vermeiden. Zum Beispiel: "Schlagzeuger und Blechbläser sollten einen speziellen Gehörschutz tragen", meint Musikphysiologe Bertsch. Denn die dauerhafte Lärmbelastung im Orchester kann Tinnitus, Schwerhörigkeit und Hörsturz nach sich ziehen.

Auch an der Übungstechnik kann im Sinne der Gesundheit gefeilt werden. Bertsch setzt statt stundenlang sturem Wiederholen auf gezielte Aufwärmübungen vor dem Musizieren, auf Entspannung und Körpertherapie wie Feldenkrais oder die Alexander-Technik. Und Musiklehrer, so Bertsch, sollten nicht nur auf die richtigen Töne ihrer Schützlinge, sondern auch auf die Haltung und die Bewegungsökonomie achten.

Die Realität ist anders. Musiker ignorieren die Alarmsignale ihres Körpers, auch psychische Probleme werden verdrängt. In Musikerkreisen sind Alkohol und Psychopharmaka weit verbreitet, um mit Stress, Überforderung und Depressionen fertig zu werden.

Und wenn ein Musiker etwas gegen seine Beschwerden unternehmen will, dann findet er schwer Ärzte, die sich auf Musikerleiden spezialisiert haben. Dabei steht viel auf dem Spiel: Kann ein Musiker seine Erkrankung nicht ausheilen, geht es schnell um die Existenz; schon kleine Einschränkungen bedeuten unüberhörbare Leistungseinbußen.

Spezialambulanz

Im deutschsprachigen Raum gibt es immer mehr Angebote für kranke Musiker, etwa spezielle Sprechstunden oder Musikerambulanzen. In Deutschland zählt man vier Lehrstühle für Musikermedizin; in den USA gibt es sogar eigene Kliniken für Künstler. Eine neue Anlaufstelle in Wien ist die jüngst gegründete Österreichische Gesellschaft für Musik und Medizin: Die Plattform gibt Hilfestellung bei der Suche nach Ärzten und Therapeuten, die selbst musizieren. Warum das so wichtig ist? "Mit eigener musikalischer Erfahrung ist es einfacher, diese spezielle Klientel richtig verstehen", erläutert Michael Peschka. (Julia Harlfinger, DER STANDARD, Printausgabe, 21.12.2009)

 

Kommentar posten
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mowgli 78
02
21.12.2009, 14:33

Warum den Chellohoden wiedermal keiner erwähnt ist mir rätselhaft.

mowgli 78
00
21.12.2009, 14:34

Cello selbstverständlich...

Wie das Streichinstrument, nicht wie der Breitbandanbieter...

ChesneyB
00
21.12.2009, 10:05
Gehörschutz

Der mag bei Schlagzeugern und -werkern funktionieren, aber nicht bei Bläsern. Herr Bertsch spielt selber sicher kein Blasinstrument, sonst wüßte er, warum Bläser so ungern einen Gehörschutz verwenden.

Ristretto1
00
22.12.2009, 10:40

Nur zur Information, Herr Bertsch ist sogar studierter Trompeter und demnach mit den Gebräcuhlichkeiten des Profimusikerlebens bestens vertraut!

Zinnmo
 
00
21.12.2009, 14:19

Bin selber Bläser (Trompeter) und kenne genug Profikollegen, die speziele Ohrstöpsel (gleichmässige Dämpfung aller Frequenzen) verwenden. Das ist nicht so selten.

contains sugar
10
21.12.2009, 15:27

die gibts ja jetzt schon um einen erschwinglichen preis. zum glück.

hawkwind -
51
21.12.2009, 09:23
Kann schon sein,

dass Musiker speziellen Abnützungserscheinungen ausgesetzt sind. Andererseits gibt es kaum einen anderen Beruf, bei dem Harmonie (im wahrsten Sinn des Wortes) so große Bedeutung hat. Und das dürfte sich wiederum äußerst positiv auf die Gesundheit der Betroffenen auswirken. (Wie sonst könnte ein Keith Richards immer noch so agil auf der Bühne stehen - gesehen in "Shine A Light".)

Manahmanah
00
21.12.2009, 22:41

... gibt es kaum einen Beruf, in dem DISSONANZ (im wahrsten Sinn des Wortes!) so große Bedeutung hat.

Na, wenn sich das auf die Gesundheit auswirken würde, sollten wir alle nur noch Primen, Oktaven, oder vielleicht noch Quinten hören. Dann wäre uns ewiges Leben zu teil.

A Voice
01
21.12.2009, 14:26
Harmonie

in den Klängen, das ja. In der Interaktion schaut's meistens a bissl anders aus.

contains sugar
11
21.12.2009, 13:46

ich glaub, den hat auch nicht das gitarrespielen so kaputt gemacht. ;)

bibliothekar
01
21.12.2009, 09:50

Keith Richards ist reich und hat eine truppe von privatärzten.

Die bedeutung des wortes harmonie scheint ihnen auch nicht so ganz klar zu sein. In der musik wird darunter das gleichzeitige erklingen mehrerer töne verstanden. Mit einem okkulten konzept von wohlklang hat das wenig zu tun.

erich1963
01
21.12.2009, 07:48
Die physischen Probleme der Musiker sind das eine.

Laut einer anonymen Umfrage in einem bekannten Orchester nehmen 80% der Musiker Betablocker, um zu verhindern, dass die Hände und Finger zittern. Und über die Burnout-Rate gibt es sicher auch Untersuchungen, die in eine ähnliche Richtung deuten.

contains sugar
12
21.12.2009, 13:50

kein wunder. als musiker ist man in österreich ungefähr so populär wie ein bettlers oder sandler. der beruf des musikers ist kein "anständiger" beruf. der musiker muss dauernd um engagements kämpfen, kunstförderung wie in der bildenden kunst gibts für musiker so gut wie keine.
weil aber jeder musik hört und will, dass musik gratis ausm ipod rauskommt, wird der überlebenskampf der musiker immer größer. viele musiker können von der musik nicht leben und müssen zweit- und drittjobs annehmen. dass das der musik nicht dienlich ist, ist logisch und dass dieser enorme druck irgendwann krank macht, auch.

erich1963
01
21.12.2009, 22:19
Nicht nur das.

Vor allem klassische MusikerInnen stehen unter einem ungeheuren Leistungsdruck, der sich in Versagensängsten Luft macht. Die 'Angst vor dem Fehler' ist für viele klassische MusikerInnen ein ständiger Begleiter, der sie fertig macht. Der Perfektionismus, der von ihnen vom Publikum und der Musikindustrie verlangt wird, macht krank, weil er einfach nicht ständig erfüllbar ist.

contains sugar
10
22.12.2009, 14:08

da gehts nicht nur klassischen musikern so. das betrifft alle musiker. (denk nur an barbra streisand!)
die klassischen musiker haben indes aber den vorteil, dass sie gesellschaftlich um einiges anerkannter sind.
generell ist österreich jedenfalls kein musikland.

Manahmanah
01
21.12.2009, 10:03

Ja, leider! Doping im Musikbetrieb!

Studenten, die schon mit Betablockern arbeiten, um die Prüfungen zu bestehen, schmerzstillende Salben für die Lippen der Klarinettisten, Alkoholprobeme bei Berufsmusikern.

Gut, dass diese Tabuthemen einmal Platz bekommen.

contains sugar
31
20.12.2009, 19:57

warum geht es in solchen berichten eigentlich immer nur um musiker der klassischen musik?
ein DJ hat die selben leiden genau wie ein rockmusiker.
dieses ausschließen verschiedener musikstile und die einseitige förderung toter komponisten ist typisch für österreich.
(oder wie falco einst sang: "muss ich denn sterben, um zu leben?")
schade, dass österreich so absolut kein musikland ist.

Jadzia Dax1
20
20.12.2009, 21:52

Musiker der klassischen Musik üben und spielen deshalb mehr- sprich etliche Stunden pro Tag. Außerdem stehen sie beim spielen unter viel größerem Erfolgsdruck.
Als "Rockmusiker" spielt man viel weniger, die Technik ist meist viel weniger gut ausgeprägt. Ein Problem ist sicher, wenn SängerInnen in verqualmten Hallen singen und sich so ihre Stimme ruinieren- oder aussteigen.

terremoto
01
21.12.2009, 16:01
das stimmt nicht.

ein ernsthafter jazzer/rocker übt genauso viel wie ein klassiker.
es gibt genug jazzer, die sich während ihrer studienzeit bis 14 stunden am tag mit der Materie beschäftigen/üben. da hat aber nur bedingt mit fingerübungen und ähnlichem zu tun.

sylvia29
11
21.12.2009, 09:58
was für ein - bestenfalls -

ignoranter bockmist. contains sugar hätte sich keine bessere bestätigung des op wünschen können.

contains sugar
10
21.12.2009, 13:50

richtig!

Kendall Von Tharn
03
21.12.2009, 07:44

hat nichts mit klassischer musik zu tun. auch rockmusiker (leute wie vai, morse, blackmore, clapton etc...) üben/spielen bis zu 8 stunden am tag. die "technik" gibt es nicht, da rockmusik andere anforderungen wie klassik, die wiederum wie jazz, der wiederum wie folk usw... es gibt in jedem genre virtuosen, handwerker und dilettanten. und gitarre unterscheidet sich von der violine, die wiederum vom fagott usw....

AltFreak
10
21.12.2009, 09:28

Und durch den von der vor dem Bauch hängenden E-Gitarre verursachten Elektrosmog wird bei Rockmusikern überdurchschnittlich oft die Leber in Mitleidenschaft gezogen...;-)

Manahmanah
01
21.12.2009, 00:02
Das kann man so nicht pauschaliert sagen.

Die Beanspruchung und das Berufsbild ist bei jeder Instrumentengruppe völlig verschieden.

So können hohe Streicher oder Pianisten durchaus auch 8-10 Stunden pro Tag spielen, während Blechbläser sich so ruinieren würden. Gittaristen könnn auch stundenlang spielen.

Hohe Streicher haben vermehrt Probleme im linken Schulterbereich, Gitarristen kämpfen mit Sehenscheidenentzündungen und Klarinettisten ruinieren sich die Unterlippe, während Oboisten auf ihren Daumen aufpassen müssen.
Es macht einen Unterschied, wo man im Orchester sitzt. In einem Orchester ist mit einem durchschnittlichen Schallpegel von 90db zu rechnen (Spitzen 128 db). So kann nach 10 Wochenstunden im Orchester die als potentiell gefährlich geltende Belastung erreicht werden.

contains sugar
00
21.12.2009, 13:52

und genau das gilt auch für rock-pop-jazz-etc.-musiker.

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