"Exorzismus der Vergangenheit durch Aufklärung"

17. Dezember 2009, 19:28
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In Rumänien hat niemand Verantwortung für den Kommunismus übernommen, sagt der Historiker Vladimir Tismaneanu im STANDARD-Interview

Problematisch sei heute die Verklärung des Kommunismus, die Kommunostalgie, sagte er zu Laura Balomiri.

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STANDARD: Wie funktioniert das Netzwerk der alten Nomenklatura?

Tismaneanu: Anders als in Ungarn und Polen identifizierte sich in Rumänien keine Partei als Nachfolgerin der Kommunistischen Partei, und niemand übernahm Verantwortung für das, was im Kommunismus geschehen war. Es ist, als hätte es die KP nicht gegeben. Alles verdunstet in einer Wolke aus Nebel und Lügen und bewirkt einen Zustand der permanentenkollektiven Neurose. Die Amnesie wird fortgeführt. Von 1990 bis 2006 gab es überhaupt keine Vergangenheitsbewältigung. Es geht um eine unmoralische Erbschaft. Dem Kommunismus gelang es nicht, den versprochenen "neuen Menschen" zu erschaffen, aber deninneren Menschen zu zerstören und das Abnormale zu normalisieren.

STANDARD: Welches Ziel hatte die Kommission zur Untersuchung der kommunistischen Diktatur?

Tismaneanu: Wichtig war für uns nicht, dass jemand hinter Gitter gelangt. Das Ziel war eher der Exorzismus der Vergangenheit durch Aufklärung. Wir wollten wissen, welches die wichtigsten Institutionen, Methoden und Persönlichkeiten waren, die die kommunistische Diktatur möglich machten. Eine der wichtigsten Auswirkungen war die Öffnung der Geheimdienstakten. Bis 2006 wurden vom Geheimdienst zwischen sieben und 10.000 Akten jährlich an die Behörde für die Untersuchung des Securitate-Archivs (CNSAS) übergeben. Das heißt, dass es 150 Jahre oder länger gedauert hätte, bis sie alle untersucht worden wären. Im Sommer 2006 wurden dann auf Anforderung von Präsident Basescu 1,5 Millionen Akten übergeben.

STANDARD: Gab es Widerstand gegen diese Aufklärungsarbeit?

Tismaneanu: Parteien, die kein Interesse an der Wahrheitsfindung haben, allen voran die Sozialdemokraten, haben ein Gesetz verabschiedet, wonach die CNSAS keine Urteile mehr über die Mitgliedschaft bei der Securitate treffen kann. Das Urteil muss von einem Gericht kommen, was problematisch ist, weil der Richter ja selbst Informant der Securitate gewesen sein könnte. Es ist wichtig, die Verwaltung der Erinnerung zu institutionalisieren, weil sich dann die neue alte Nomenklatur diesen Prozessen nicht mehr so hartnäckig widersetzen kann. Ein Problem ist heute auch nach der Ostalgie die Kommunostalgie. Junge Leute glauben, dass es im Kommunismus leichter war, weil der Job sicher war. Sie haben aber keine Ahnung von den Demütigungen, denen sie ausgesetzt worden wären. Man wurde etwa gezwungen, wochenlang für Feierlichkeiten zu üben, bei denen man zu einem Plakat entmenschlicht wurde, das man hochzuheben hatte, um in einem Stadion als einer von hunderten Teilnehmern das Gesicht Ceauºescus entstehen zu lassen.

STANDARD: Ist die Revolution nun abgeschlossen?

Tismaneanu: Ich glaube, dass die Revolution in Rumänien durch die Wahlen 1996 passiert ist, als Iliescu abgewählt wurde. Das war der Abschied vom Kommunismus. (DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2009)

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    Zur Person
    Vladimir Tismaneanu lehrt an der Universität Maryland in den USA, wo er das Zentrum für das Studium postkommunistischer Gesellschaften leitet. Er stand der Kommission zur Analyse der kommunistischen Diktatur vor, deren Endbericht 2006 zur Verurteilung des Kommunismus als Verbrechen führte.

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