"Tetro": Genial ist, wer sich nicht ganz so ernst nimmt

17. Dezember 2009, 18:24
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Ein Alterswerk im Zeichen jugendlichen Übermuts: New-Hollywood-Veteran und Weinbauer Francis Ford Coppola betreibt mit seinem Familiendrama "Tetro" Schwarzweißmalerei auf hohem Niveau

Wien - "In dieser Familie ist nur für ein Genie Platz." Diesen Platz beansprucht der Patriarch naturgemäß für sich. Sein älterer Sohn hat schon vor langem das Weite gesucht. Der jüngere hat nun Sehnsucht nach dem Bruder. Die Ankunft von Bennie (Alden Ehrenreich) in Tetros (Vincent Gallo) argentinischem Exil setzt eine Erzählung in Gang, in deren Verlauf sich etliche Mysterien und Blockaden lösen.

"Tetro" ist ein Film wie aus der Zeit gefallen. Sein Thema gehört zu den Universalien der Kulturgeschichte: ein Konflikt zwischen Vater und Sohn, der den Ödipus-Mythos variiert, tiefe Konkurrenz zwischen Brüdern und zwischen den Generationen eines Künstlerclans. Eine alte Geschichte, deren aktuelle Relevanz man durchaus in Zweifel ziehen kann - allerdings würde man sich dann um ein rares Kinovergnügen bringen.

Francis Ford Coppola hat seine Version dieses Männerdramas nämlich in ausgeklügelt komponierten Bildräumen voller Spiegelungen und Schatten angesiedelt. Er erzählt es in intensiven Schwarzweiß-Sequenzen, in die mitunter Erinnerungen, Traumbilder in leuchtenden Farben einbrechen. Sein Film ist getragen von Lust am Fabulieren (und manchmal auch an Albernheiten) und von einem motivierten Ensemble, in dem ein Routinier wie Klaus Maria Brandauer, ein Unberechenbarer wie Vincent Gallo und ein Newcomer wie der junge Alden Ehrenreich unterschiedslos gute Figur machen.

Er habe, antwortet Francis Ford Coppola per Mail auf die Frage des 'Standard', den Wunsch gehabt, etwas zu erzählen, das ihn selbst emotional berühre. Das habe recht schnell zu Erinnerungen und Gefühlen seine eigene Familie betreffend geführt: "Das sind Urgeschichten und Anliegen, die noch immer nicht gelöst scheinen. Ob es nun um griechische Tragödien geht, um das persische Buch der Könige, um Shakespeare oder den Paten - die Geschichten, die sich in den Familien abspielen, sind der Samen, aus dem fast alles Übrige erwächst."

Wechselvolle Laufbahn

Mit dem "Paten" hat sich Coppola einst, nach Anfängen im Sold von B-Movie-Tycoon Roger Corman, nachdrücklich bemerkbar gemacht. Auf den Auftakt zur Mafia-Saga folgten nachmalige Klassiker wie "Apocalypse Now", aber auch legendäre Flops wie "One From The Heart". Für "Tetro" hat der inzwischen 70-jährige Coppola erstmals seit "The Conversation" (1974) wieder eine eigene Originalvorlage verfilmt. Bis zu seinem Comeback als Regisseur vor zwei Jahren ("Youth Without Youth") hatte er sich für gut ein Jahrzehnt überhaupt vom Selber-Filmemachen verabschiedet.

Stattdessen gründete er unter anderem die Literaturzeitschrift "Zoetrope All-Story", die viermal im Jahr erscheint und "dem anhaltenden Interesse" des Herausgebers "an der Form der Kurzgeschichte" Rechnung trägt - sowie dem Umstand, dass solche erzählerischen Miniaturen oft die Grundlage für Spielfilme liefern - so hat er etwa Eileen Changs "Lust, Caution" oder F. Scott Fitzgeralds "The Curious Case of Benjamin Button" (wieder-)veröffentlicht, Texte von Filmemachern wie Wes Anderson, Mike Mills oder Woody Allen sind erschienen.

Coppolas inzwischen moderat budgetierte Filme (rund 15 Millionen US-Dollar soll "Tetro" gekostet haben) hängen von den Erträgen jener Unternehmungen ab, die unter der Formel "Francis Ford Coppola Presents" zusammengefasst sind: Produktion und Vertrieb von Weinen und anderen Lebensmitteln sowie mehrere Erholungsressorts in Zentralamerika. Ein Filmgeschäftsmodell mit Zukunft?

Keine Kunst ohne Brotberuf

"Es scheint so, dass man einen Brotberuf braucht, um ein persönliches künstlerisches Anliegen verfolgen zu können. Ich denke an all die russischen Komponisten, die in der übrigen Zeit Chemiker waren, Ärzte oder Marineoffiziere - an Melville und andere, die sich irgendwie durchbringen mussten. Oder an den armen Edgar Allen Poe, der versucht hat, sich mit Schreiben zu erhalten, allerdings um den Preis, dass er und seine Frau in tiefster Armut lebten."

In diesem Zusammenhang steht auch, was Coppola für die größte Schlappe von New Hollywood hält: "Unserer Generation ist es nicht gelungen, die Möglichkeiten für ein Kino mit nichtkommerziellen Interessen voranzutreiben. Nicht dass es per se unsere Schuld gewesen wäre, aber ich würde mir wünschen, dass all die talentierten Filmemacher es heute leichter hätten, Finanzierung und Distribution für ihre Projekte aufzustellen als wir - und wir fanden das ja schon unmöglich." Francis Ford Coppola ist eben doch ein guter Vater. (Isabella Reicher/ DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2009)

 

  • Vergangenheit liegt bedeutungsschwer über familiärer Gegenwart: Maribel Verdu, Alden Ehrenreich und der Schatten von Vincent Gallo in einer Szene aus Francis Ford Coppolas "Tetro"
    foto: stadtkino

    Vergangenheit liegt bedeutungsschwer über familiärer Gegenwart: Maribel Verdu, Alden Ehrenreich und der Schatten von Vincent Gallo in einer Szene aus Francis Ford Coppolas "Tetro"

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