Fünfzig Messerstiche - und kein Motiv: 13 Jahre Haft

17. Dezember 2009, 17:09
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17-Jähriger, der seine Exfreundin erstach, wird in Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher eingewiesen

Wien - Betty hatte es geschafft - und sie hatte es wahrlich nicht leicht gehabt. Das Mädchen mit chinesischen Wurzeln musste ihre Jugend in Wien ohne Familie verbringen. Das Jugendamt half, und sie half sich selbst, schaffte eine Lehre und bekam einen Job als Schneiderin.

Vergangenen Silvester aber kam Betty mit Richard zusammen, einem, der es nicht geschafft hatte. Als er neun Jahre alt war, hatte der Vater die Familie verlassen, was er nie verwand. Mit zwölf Jahren begann er regelmäßig Alkohol zu trinken. Bald kam Marihuana dazu. Vor dem Schulabbruch war er in einem Jahr gerade einmal drei Wochen in der Klasse. Mit der Mutter stritt er ständig, Interventionen des Jugendamtes verweigerte er - der "Richi" kam fast nicht mehr nach Hause, übernachtete immer öfter auf der Straße.

In den Alkohol abgedriftet

Nur Anfang dieses Jahres ging es leicht bergauf. Ab Silvesterabend war der damals 16-Jährige mit der 19 Jahre alten Betty zusammengekommen. Sonst zog er sich zwar Musikvideos mit rechtsradikalen Texten rein, aber "ich hab nicht mit allen Ausländern Probleme" , sagt er. Betty, die Tochter von Chinesen, war anders. Richard schaffte in zwei Monaten den Hauptschulabschluss. Aber doch nur mit Ach und Krach - immer wieder driftete er in den Alkohol ab.

Genau das war ein Grund, weshalb das junge Paar immer öfter in Streit geriet. Sie sagte, er solle mit dem Saufen aufhören, er erwiderte: "Das ist mein Leben. Wenn ich trinken will, will ich trinken."

Anfang März war die kurze Beziehung zu Ende. Freunde berichten, dass sie Schluss gemacht habe. Richard sagt, sie hätten sich einvernehmlich getrennt - "wir haben uns nicht mehr geliebt" .

Und doch muss da mehr gewesen sein, was Richard aber nicht eingestehen kann. Nur mit Mühe kann ihm Richter Norbert Gerstberger entlocken, dass er schon gekränkt gewesen sei.

Richard beschloss, sein Leben zu beenden. Das erzählte er der einzigen erwachsenen Bezugsperson, die er hatte: seinem Stiefvater. Der reagierte sofort, ging mit ihm ins AKH und danach ins Neurologische Zentrum am Rosenhügel.

Doch der Jugendliche riss auch von dort wieder aus, besorgte sich ein Küchenmesser und betrank sich eine Nacht lang im Hugo-Wolf-Park. Er sagt: um sich Mut für den Selbstmord anzutrinken. Doch dann beschloss er, zuvor "noch einen chilly Tag" mit seiner Exfreundin zu verbringen.

Er holte sie von der Arbeit ab, sagte, er wolle noch Wäsche abholen, die er bei ihr vergessen hatte. Kaum waren sie in der Wohnung, setzte er ihr das Messer an den Hals an, fesselte sie mit einem Gürtel.

30 Stunden blieb er bei ihr. Die Fesseln nahm er ihr ab, als sie versprach "brav" zu sein. Er sagt, sie hätten freundschaftlich geplaudert. Die Fesseln, die später auch an der Heizung der Wohnung gefunden wurden, erzählen aber eine andere Geschichte.

Endlich sagte Richard, er wolle gehen. Doch als Betty die Wohnungstüre aufsperrte, stach er mit seinem Messer in ihren Rücken. Immer wieder, 50 Mal. Er hörte nicht auf, als sie zum Bett kroch, machte weiter, als die Klinge abbrach - er holte ein zweites Messer. Danach sagte er zur Toten, es tue ihm leid und ging zurück zur Neurologie am Rosenhügel.

Verschobene Hassgefühle

Im Wiener Straflandesgericht sagt Richard am Donnerstag: "Es gibt einige Menschen, wo ich mir vorstellen könnte, sie umzubringen. Aber warum Betty?" Nur die psychiatrische Gutachterin Gabriele Wörgötter gibt darauf eine Antwort: Richard weise "enorme Sozialisationsdefizite im familiären Milieu" auf; er habe nie gelernt, mit Enttäuschungen umzugehen. Und er habe "Hassgefühle gegenüber seiner Mutter verdichtet auf das Opfer verschoben" . Wörgötter attestiert Richard eine kombinierte Persönlichkeitsstörung sowie eine "geistige und seelische Abartigkeit höheren Grades".

Das Geschworenengericht folgt der Expertenempfehlung, verurteilt Richard zu 13 Jahren Haft und einer Einweisung in eine Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher. Richard nimmt das Urteil sofort an - er selbst hatte schon vor dem Prozess eine Einweisung gewünscht. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 18. Dezember 2009)

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