Körper und Seelen machen keine Pause

20. Dezember 2009, 17:00
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Krankenschwestern, Ärzte, Pfleger und Pädagogen müssen auch am 24. für die Menschen da sein - unter verschärften Bedingungen

Am 24. Dezember verglühen die Neonröhren in den Büros spätestens ab dem frühen Nachmittag und ein Großteil der Büromenschen hat sowieso frei. Viel zu tun gibt es an diesem Tag ja ohnehin nicht: die Weihnachtskarten sind verschickt, die Weihnachtsfeiern längst vorbei und die Kunden sind auch schon im Urlaub. Doch nicht nur das Büro allein dient als Arbeitsplatz: Menschen in medizinischen, pflegenden oder sozialen Berufen sind gerade am 24. Dezember extrem gefordert. derStandard.at/Karriere hat sich für den ersten Teile von "Richtig viel zu tun" in Spitälern und Sozialeinrichtungen umgehört und herausgefunden, dass es dort gerade am Heiligen Abend hoch her geht.

In den Spitälern und Pflegewohnhäusern des Wiener Krankenanstaltenverbundes muss auch am 24. rund um die Uhr gearbeitet werden. Ärzte, Pflege-, Küchen-, Technisches Personal und Portiere sind wie gewohnt im Einsatz, reduziert ist lediglich das Verwaltungspersonal. In den Spitälern und Pflegewohnhäusern der Stadt Wien (exklusive AKH) leisten heuer zu Weihnachten in Summe 391 Ärzte und 979 Pflegepersonen Nachtdienst - nicht mehr und auch nicht weniger Personen als in anderen Nächten.

"Berufung in unserem Beruf"

"Dienst am Heiligen Abend oder über den Jahreswechsel bringt Ärzte und Pflegepersonen in ein Spannungsfeld mit der Familie oder dem Partner. Dank gebührt in diesem Zusammenhang Kollegen anderer Konfessionen, welche an den christlichen Feiertagen fast automatisch Dienste übernehmen", erzählt ein Arzt auf der 1. Internen Lungenabteilung im Otto-Wager-Spital. Während durch den Wegfall vieler geplanter Aufnahmen im stationären Bereich etwas Ruhe einkehre, könne der Ambulanzbetrieb zur Herausforderung werden: "Der 25. und 26. Dezember haben es in sich: viele Kranke haben ihre Symptome ignoriert und sich mit letzter Kraft über den Heiligen Abend geschleppt."

In den Spitalsambulanzen muss allgemein mit deutlich erhöhtem Patientenaufkommen gerechnet werden. Viele Ordinationen sind auch zwischen den Feiertagen nur eingeschränkt geöffnet oder ganz geschlossen. Stress im Krankenhaus ist also vorprogrammiert. "Letztlich führt uns der Betrieb an diesen wichtigen Tagen des Jahres näher an die Berufung in unserem Beruf: für kranke Menschen da sein - jederzeit", meint der Mediziner.

Dienst in der Notaufnahme

"Feiertagsdienste - mit dem stärksten Patientenaufkommen - stellen eine enorme Belastung dar", erklärt ein Arzt der Internistischen Notaufnahme im Wilhelminenspital. Eine Patientenuntersuchung nach der anderen müsse abgewickelt werden und dies über Stunden hinweg. Diese müssten medizinisch, sozial oder organisatorisch gelöst werden. "Wenn man nach diesen Diensten nach Hause kommt, freut man sich umso mehr auf seine Familie." Aber auch er sieht Dienste an Weihnachten und Feiertagen als Teil des Arztberufs.

"Schicksale schwer zu vergessen"

Dienste in der Weihnachtzeit fordern auch vom Pflegepersonal besonders viel Einfühlungsvermögen und Individualität, sie stellen eine psychische Belastung dar: "Die ältere Generation der Patienten, die keine Angehörigen mehr haben, brauchen sehr viel Wärme, Nähe und Zuspruch von uns. Nicht jedes Schicksal kann man nach der Arbeit vergessen. Es belastet einen die gesamten Feiertage und auch noch darüber hinaus", erzählt eine Diplomierte Gesundheitskrankenschwester der Internistischen Notaufnahme im Wilhelminenspital.

Mit beeinträchtigten Kindern feiern

Auch Kinder ohne Familie müssen zu Weihnachten betreut werden. "Weihnachten mit Kindern zu feiern, ist immer schön und bereichernd. Natürlich berührt mich das Schicksal der Kinder, aber die positiven Seiten stehen im Vordergrund", erzählt eine Sozialpädagogin aus einem Heim für beeinträchtigte Kinder in Kärnten - sie hat sich für den Dienst am 24.12. freiwillig gemeldet. Der Weihnachtsdienst sei schon stressig, da ja die ganzen Vorbereitungen gemacht werden müssen, die auch zuhause an diesem Tag anstehen: das Essen vorbereiten, den Christbaum schmücken, den Kindern die Wartezeit möglichst angenehm gestalten. Aber es sei angenehmer Stress.

Die Sozialpädagogin muss aber nicht auf das private Weihnachtsfest verzichten: "Es geht einfach um eine andere, flexiblere Zeiteinteilung, ich feiere nach meinem Dienst, der um 19:30 Uhr endet, zu Hause mit meiner Familie Weihnachten." Die Arbeit vorher sei im gewissen Sinne sicher eine persönliche Bereicherung, da "ich das Fest aus einem anderen Blickwinkel sehen kann, weit weg von Konsumzwang etc. und ich wirklich dankbar sein kann für das, was ich habe. Somit kann ich den für mich wahren Sinn von Weihnachten aktiv leben."

Weihnachten im Wilhelminenspital

Auch in den Spitälern der Stadt Wien wird gefeiert. Es gibt Weihnachtsdekoration und Christbäume auf allen bettenführenden Stationen. Im Wilhelminenspital wird ein Festtagsessen angeboten. Auf die Wünsche beziehungsweise Bedürfnisse der Patienten mit Migrationshintergrund wird ebenfalls eingegangen, so Victoria Moritz vom Wiener Krankenanstaltenverbund.

Thomas Brezina besucht die Kinderabteilung und liest den kleinen Patienten weihnachtliche Geschichten vor. Individuell organisieren die Stationen kleine Weihnachtsfeiern für die Patienten - manche organisieren einen Chor oder eine Lesung. "Unser Pfarrer hält in der Kirche eine Messe ab, die jeder Patient über die Spitalsrufanlage mithören oder persönlich besuchen kann." Die Krankenschwestern servieren bettlägerigen Patienten Kekse und alkoholfreien Punsch auf Wunsch sogar manchmal zum Bett. (Marietta Türk, derStandard.at, 21.12.2009)

Siehe

Teil 2: Warum Mitarbeiter beim Roten Kreuz, der ÖBB und in der Gruft in Wien "richtig viel zu tun" haben: "Wichtig ist, dass wir für sie da sind"

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    In Notaufnahmen herrscht gerade am 24. Dezember Hochbetrieb

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    In Kinderheimen müssen sich Pädagogen besonders viel Mühe geben um diese Augen trotz meist schwieriger Lebensgeschichte zum Strahlen zu bringen

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