Emanzipation der Assistenten

17. Dezember 2009, 17:05
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Rundgang durch die Rollengeschichte des Jazz: Anhand von Pianist Oscar Peterson und Schlagzeuger Paul Motian kann man den Wandel des Modells "Solist und sein Begleiter" studieren

Aus der im CD-Bereich auch gehörig leidenden Klassik kam in Form von Dirigent Christian Thielemann unlängst ein Vorschlag zur "Rettung" der noch lebenden, veröffentlichungswilligen Künstler. Man möge doch für eine Weile die schönen alten Aufnahmen aus dem CD-Geschäft nehmen und den Konsumenten auf diese Art und Weise zu aktuellen Produktionen hinführen, die natürlich vermehrt zu veröffentlichen wären. Einen Versuch wäre dies wert; wird wohl aber ein frommer Wunsch bleiben. Im Jazz jedenfalls ist der Trend ungebrochen, als Label in der Geschichte zu graben, das eine oder andere Vergessene oder Übersehene zu puschen oder Bekanntes schon wieder in einer neuen Verpackung herauszugeben.

Vom Erkenntnisstandpunkt des Hörers aus ist es natürlich immer interessant, in historisches Material einzutauchen. Man erlebt Entwicklungsstufen eines Künstlers und kann auch durch Vergleiche mit der Gegenwart die Wandlungen eines Genres nachvollziehen. Es ist also eine schöne Sache, Oscar Peterson, dem verstorbenen Kaiser des virtuosen Mainstream-Klaviers in einer 3-CD-Box (Universal) wieder zu begegnen, die den für seine damaligen Verhältnisse jungen Wilden (die Aufnahmen umfassen die Jahre 1949 bis 1951 und bringen auch Neuheiten) nur in Begleitung von Bassisten (Ray Brown und Major Holley) zeigen. Da wird schon gewaltig viel Dampf gemacht. Da ist der Bebop mit seinen rasanten Linien präsent, schon zu hören Petersons Blockakkord-Improvisationen.

Historisch interessant: "Duo" hieß in jener Zeit vor allem, dass ein Solist im Vordergrund steht. Der Begleiter (hier Bassist) hatte quasi als Walking-Bass-Stichwortgeber für den entsprechenden Groove zu sorgen. Ansonsten gab es keine wirklichen Entfaltungsmöglichkeiten für den Assistenten.

Das hat sich geändert. Seit dem Free Jazz ist sowieso jede Trennung zwischen Begleiter und Solist aufgelöst. Aber auch in Formationen, die noch tonal und irgendwie formal geordnet agieren, ist längst Demokratie ausgebrochen, der einzelne Spieler ist der Dienerrolle entwachsen. Einer, der die Entwicklung mit vorangetrieben hat, war Schlagzeuger Paul Motian. Im Trio mit dem Klavierpoeten Bill Evans schaffte er die Emanzipation des Schlagwerks, und gottlob ist er dabei geblieben, aus dem Bewusstsein des gestaltenden Solisten heraus zu agieren. Auf On Broadway (Winter & Winter / Edel) kann man dies schön nachhören. Motian ist der unberechenbare, rhythmisch abstrakte, dann konkrete Kommentator des Geschehens. Er organisiert den Fluss der Musik, gibt Richtung vor, kann sich aber auch dienstbar zurückhalten.

Jener markante Satz von Joe Zawinul, mit dem er einst die Gruppenarbeit bei Weather Report charakterisierte ("Keiner spielt solo, jeder spielt solo"), passt auch hier sehr gut. Auch die alte strikte Rollenaufteilung lebt natürlich fröhlich vor sich hin und macht auch Sinn, wenn die Einzelstatements das gehörige Charisma aufweisen. Pianist Jean-Marie Machado und der Meistersaxofonist Dave Liebman etwa sind auf Caminado (Pao Records) ganz diszipliniert, Solist und Begleiter sind klar voneinander abgegrenzt. Aber welch Poesie und Intensität hier dominieren. Beeindruckend. Wie beim jungen Oscar Peterson. Nur stilistisch natürlich doch ganz anders. (Ljubisa Tosic / DER STANDARD, Printausgabe, 18.12.2009)

 

  • Oscar Peterson
    foto: universal

    Oscar Peterson

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