"Expandierendes Unternehmen fusioniert mit Pleitebetrieb"

17. Dezember 2009, 10:28
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"Man kann die Stimmen nicht einfach addieren" : Der Meinungsforscher Peter Ulram vom GfK-Institut glaubt nicht an ein übermächtiges drittes Lager - In Kärnten könnte sich die FPÖ "das BZÖ-Virus" einfangen

Standard: Kann die FPÖ nach der Fusion stärkste Partei werden?

Ulram: Ja, aber nicht erst seit der Fusion, die die Chancen nicht grundlegend verändert. Vielleicht gewinnt die FPÖ nun ein bis zwei Prozent der noch übrig gebliebenen vier Prozent an BZÖ-Wählern.

Standard: Wieso nicht mehr? Das BZÖ schaffte bei den letzten Nationalratswahlen über zehn Prozent.

Ulram: Diese Wähler kann man nicht einfach mit jenen der FPÖ addieren. Bei den Nationalratswahlen hat JörgHaider Stimmen von der ÖVP kassiert, die unter normalen Umständen nicht zu den Blauen gegangen wären. Er hat sich als eine Art schaumgebremste rechtsbürgerliche Alternative präsentiert - deutlich anders als Heinz-Christian Strache, der vielen von Haiders damaligen Wählern zu radikal und unzuverlässig gewesen wäre.

Standard: Und die nimmt das BZÖ ohne Haider nicht mit?

Ulram: Mit einer populären Führungsfigur wäre ein eigenständiger Weg vielleicht möglich. Aber offenbar ist dem BZÖ das Wasser bis zum Hals gestanden, dass jede Art der Fusion recht war - Hauptsache, es bleiben ein paar Kärntner Landespolitiker übrig. Hier fusioniert ein expandierendes Unternehmen mit einem Pleitebetrieb.

Standard: Trägt die FPÖ ein Risiko?

Ulram: Sie könnte sich in Kärnten das BZÖ-Virus einfangen. Bisher war die FPÖ, die gerne gegen Spekulanten und "die da oben" wettert, nicht in den Skandal um die Hypo Alpe Adria verwickelt. Das hat sich mit der Fusion geändert. Wer eine Bürgschaft übernimmt, die das Neunfache des eigenen Jahreseinkommens beträgt, ist normalerweise ein Fall fürs Gericht - oder für die Entmündigung. Warum seine neue Schwesternpartei das getan hat, muss Strache erst erklären.

Standard: Kann das BZÖ trotz der Spaltung überleben?

Ulram: Nein. Das BZÖ ist außerhalb Kärntens so gut wie chancenlos.

Standard: FPÖ und BZÖ vereint: Hätt's das unter Haider gegeben?

Ulram: Das ist keine Frage an einen Politologen, sondern an einen Psychotherapeuten. Haider war wohl der trennende Faktor, persönliche Animositäten spielten eine entscheidende Rolle. Ob Haider nicht trotzdem seine 95. Volte vollzogen hätte, kann niemand wissen. (DER STANDARD-Printausgabe, 17.12.2009)

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