Der (Windows-) Mensch hat nun Browser-Wahlfreiheit

17. Dezember 2009, 10:30
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Zehn Jahre und rund eineinhalb Milliarden Euro später - Microsoft hat offenbar gelernt

Zehn Jahre und rund eineinhalb Milliarden Euro später: Microsoft und die EU einigen sich auf das, was bereits vor neun Jahren ein US-Kartellgericht verfügt hat: Der Mensch hat Wahlfreiheit, welchen Browser er verwenden will.

Netscape völlig aus dem Feld gedrängt

Das war, sehr verkürzt dargestellt, Anlass und Ergebnis des Kartellprozesses, der im April 2000 in den USA zu Ende ging. Der damalige Hintergrund: Microsoft hatte mit dem Explorer seinen Konkurrenten Netscape völlig aus dem Feld gedrängt, erstens weil der Explorer gratis war, zweitens weil er so eng mit Windows verknüpft war, dass Netscape keine Chance hatten.

Diese historische Schlacht setzte die EU-Kommission im Jänner 2008 wieder in Szene, nachdem sich der norwegische Browser-Entwickler Opera über Microsoft beschwerte. Seit 2000 hat sich der Markt jedoch völlig gewandelt: Seit Jahren ist Microsofts Marktanteil (einst weit über 90 Prozent) im Sinkflug, vor allem zugunsten von Firefox, aber auch Apples Safari und zuletzt Googles Chrome. Mehr als ein Dutzend andere Browser, darunter Opera, bleiben exotische Nischenplayer.

Firefox vor IE

In manchen europäischen Ländern hat es Firefox bereits geschafft, Microsofts Explorer zu überholen. Die Wahlfreiheit ist also längst Realität, warum die EU diese Causa nochmals aufgriff, einigermaßen rätselhaft. Vor allem aber ist die Lösung an bürokratischem Denken nicht zu überbieten: Wenn man das erste Mal ins Netz will, erhält man einen Stimmzettel, um zu entscheiden, welcher Browser installiert wird.

Über die Gestaltung dieses Stimmzettels wurde monatelang gerungen: Alphabetisch nach Hersteller, alphabetisch nach Browser-Namen, Reihung nach Marktanteil. Irgendwer war immer dagegen, jetzt generiert der Computer eine Zufallsreihung. Fehlen noch EU-Wahlbeobachter, um sicherzustellen, dass nicht womöglich der Ehemann für die Ehefrau die Entscheidung trifft.

Die Behauptung von EU-Kommissarin Neelie Kroes, dass "Millionen europäischer Konsumenten von dieser Entscheidung profitieren, weil sie ihren Browser frei wählen können", fällt jedenfalls unter das Kapital Populismus pur: Millionen haben schon längst frei entschieden - und für Millionen andere, die nicht wissen, was ein Browser ist, wird es tendenziell komplizierter.

Microsoft hat offenbar aus seinen früheren Niederlagen gelernt

Die Karawane ist jedoch schon längst weitergezogen. Microsoft hat offenbar aus seinen früheren Niederlagen gelernt und will in Zeiten von Umsatz- und Gewinnrückgängen nicht schon wieder Milliarden in einem sinnlosen Verfahren verbrennen. Ohnedies ist es fraglich, wie wichtig es ist, den Browsermarkt zu beherrschen. Die einstige Annahme, dass damit andere Dienste (Online-Shopping, Suche) dominiert werden können, ist nicht eingetreten: Suche gehört Google, Online-Shopping Amazon, und das trotz Explorer.

Die aktuelle Front ist Online-Suche, und da hat Google in Europa höhere Marktanteile als in den USA. Die europäische Lösung dafür wäre wohl, jedes Mal, wenn jemand bei Google einen Suchbegriff einträgt, erst einen Stimmzettel zu präsentieren, mit welcher Suchmaschine gesucht werden soll. (helmut.spudich@derStandard.at, DER StaNDARD Printausgabe, 17. 12 2009)

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