Plötzlich stellten sich viele Mandatare unwissend und geloben spontan freiwilligen Verzicht
Wer den Schaden hat, braucht sich um den
Spott nicht zu sorgen. An dieses alte Sprichwort werden sich einige
Europaabgeordnete wohl erinnern, wenn sie in den kommenden Tagen und Wochen
durch ihre Wahlbezirke reisen und dort von ihren Wählern auf die Gehaltserhöhung
für die EU-Beamten angesprochen werden. Die Kommentare dazu dürften kaum
sachlich, und schon gar nicht positiv ausfallen, seit Journalisten diese Woche
aufgedeckt haben, dass auch die Abgeordneten von der Erhöhung voll profitieren werden.
Plötzlich stellten sich viele der überraschten Mandatare ganz unwissend und
geloben spontan freiwilligen Verzicht – auch der EU-Aufdecker der Nation, Hans-Peter
Martin.
Man kann davon ausgehen, dass wohl neun von
zehn Leuten sich über eine vorliegende Maßlosigkeit der Brüsseler Beamtenschaft
entrüsten werden, über Traumgagen und eine ebenso traumhafte Erhöhung in Zeiten
der Krise, in der alle den Gürtel enger schnallen müssen und viele um ihren Job
bangen.
Nicht nur die EU-Abgeordneten, durch die
Bank haben sich das die Regierungspolitiker quer durch Europa selber
zuzuschreiben, wenn die Emotion in diesem Fall jetzt über das nüchterne Kalkül so
glatt siegt: wenn die umstrittene Erhöhung der Gehälter – um 3,7 Prozent,
rückwirkend mit Juli 2009, und für alle Beamten gleich – kaum jemand als „normal“
und vor allem als gesetzeskonform einordnen kann. Dabei ist sie das durchaus.
So absurd das manchen erscheinen mag.
Österreicher kriegen mehr
Zum Vergleich: Es ist ein statistisches
Faktum, dass die Bezüge der Beamten in Österreich in den vergangenen
konjunkturstarken Jahren stärker angehoben wurden als die Gagen der
EU-Bürokratie.
Der Kardinalfehler der doppelt
„betroffenen“ EU-Politiker aus Österreich: Sie haben alles getan, damit diese
Zusammenhänge kaum jemand versteht. Und sie haben, so wie alle Regierungen, in
den vergangenen Monaten absolut nichts
unternommen, um die sich abzeichnende Erhöhung abzuwenden. Jetzt ist es zu spät
für 2009, das Jahr ist vorbei. Man hätte den Gewerkschaftern zum Beispiel schon
im Herbst Verhandlungen darüber anbieten können, wie man vom gesetzlich
verankerten Anpassungsautomatismus im Kompromiss abrücken könnte. Aber das
geschah nicht.
Denn selbstverständlich gibt es gute
Argumente, einem hochrangigen Beamten, der in Brüssel sagen wir 10.000 Euro pro
Monat zwölf Mal im Jahr brutto verdient, Einschnitte zuzumuten. Meinetwegen sogar
Kürzungen. Aber die Union wie auch Österreich ist immer noch eine
Rechtsgemeinschaft. Man kann Arbeitnehmern nicht so ohne weiteres ihre Rechte einfach
wegnehmen, auch Beamten nicht, auch wenn die Massen darüber johlen würden. Alle
Rechtsexperten, die man fragt, sind sich sicher: Kommt die Erhöhung nicht, wird
es Klagen beim Europäischen Gerichtshof geben, und der wird den Beamten Recht
geben.
Gesetzwidriger Eingriff
Einen gesetzeswidrigen Eingriff in Löhne
würde ja niemand akzeptieren, schon gar nicht im Sozialpartnerösterreich, wo um
jedes Prozentpunkterl monatelang gefeilscht wird und sogar „wohl erworbene
Rechte“ quasi Verfassungsstatus haben. Insofern kann ich die EU-Beamten
durchaus verstehen.
Was ist der Hintergrund der Erhöhungsregeln
im Beamtenstatut? Der Gesetzgeber der Union wollte vermeiden, dass es jährliche
Lohnauseinandersetzungen gibt. Für alle eine befriedigende Lösung zu finden war
angesichts der vielschichtigen Herkunft der EU-Beamten, den verschiedenen
Traditionen in ihren Heimatländern, gar
nicht so einfach, wie es heute scheint.
Denn das neue Beamtenstatut wurde vor der
großen Erweiterung 2004 konzipiert. Es brachte nicht nur Vorteile, sondern zum
Beispiel auch niedrigere Einstiegsgehälter für neue Beamte. Die waren für
Osteuropäer noch immer hoch, verglichen mit dem Salär in jenen Ländern, aus
denen sie kamen. Die relativen Lohnzuwächse in den neuen EU-Ländern waren in
Boomjahren aber viel stärker als in den alten Ländern. Also vereinbarte man auch
eine Regelung, die die Beamtenerhöhungen in (acht) traditionellen EU-Ländern
erfasst, bereinigt um einen Preisindex für das (meist teurere) Leben in
Brüssel, wohin die Beamten in der Regel ziehen müssen. Die Erhöhungen
entsprechen statistischen Durchschnittswerten.
Die Schwächen des Automatismus
Ein solcher Automatismus hat den Vorteil,
dass nicht ständig gefeilscht werden muss. Aber auch den gravierenden Nachteil,
dass es in außerordentlichen Situationen große Schwankungen gibt; wenn es zum
Beispiel eine Rezession von 4 Prozent gibt wie in der Weltwirtschaftskrise
2009. Genau das ist der Auslöser des Streits. Die EU-Beamten bekommen ihre
Erhöhungen stark zeitverzögert. Ihr Pech ist heute, dass früher in der Hochkonjunktur niemand aufgeschrien hat, als eine
Erhöhung deutlich kleiner ausfiel als für die Beamten auf nationaler Ebene. Erst
langfristig gleicht sich das aus.
(Fast) alle EU-Abgeordneten zusammen sind
aus Angst vor den Boulevardzeitungen in die Hans-Peter-Martin-Falle getappt. In
eine reine Neiddebatte. Nur Othmar Karas und Karin Kadenbach nicht, die darauf
hinwiesen, dass man Regeln ändern müsste, um die Gehaltserhöhungen etwa sozial
splitten zu können.
Martin verdankt den Großteil seines
politischen Erfolges im Anprangern von Privilegien im EU-Parlament – von wirklichen
und von vermeintlichen, was bei seinen Rundumschlägen meist ins Destruktive
kippt, wenn er ein Bild der Union als einziges Skandalmonster zeichnet.
Martin sieht sich zu wenig gewürdigt
Darüber hat Martin mit mir diese Woche in
Straßburg am Telefon heftig debattiert. Er sagt, er leide darunter, dass seine Leistungen
beim Aufdecken und Spesenverzichten nicht ausreichend anerkannt werden. Aber
das ist eine andere Geschichte. Ich musste ihn daran erinnern, dass er, als ich
als Europakorrespondent 1999 die üppige Spesenpraxis und manche Missbräuche im
EU-Parlament in einer ganzen Serie aufgedeckt habe, selber trotz Einladung dazu
eben nicht offengelegt hat. So wie 19 andere österreichische EU-Abgeordnete
damals auch nicht.
Das Anprangern der Spesenpraxis in
Straßburg machte Martin erst viel später publikumswirksam zum politischen
Geschäft, als es Richtung Wiederwahl 2004 ging, nachdem er sich mit seiner
SPÖ-Delegation unüberbrückbar zerstritten hatte und wusste, dass er nicht
wieder aufgestellt werden wird. Das hört er gar nicht gern. Da wird er dann
patzig.
Nur Johannes Voggenhuber war schon 1999 bereit,
seine Abrechnungen auf den Tisch zu legen, zu demonstrieren, was man aus
lockeren Verrechnungsregeln machen kann, wenn man es ganz aufs Abkassieren
anlegt (was der Grüne übrigens selber nicht tat). Das war damals ein großes
Thema, ein Skandal – dem später Reformen folgten.
Ich habe Martin also angeboten, dass er jetzt
endlich einmal selber offenlegen soll, was er der Nation meist nur per E-Mail
bzw. Krone und News verkündet, was objektiv schwer nachprüfbar ist. Dass er mit
mir in die Parlamentsdirektion geht und dort veranlasst, dass ich seinen
Abrechnungsakt seit 1999 genau studieren kann. Dass er den Auszahlungen aus dem
Parlament die entsprechenden eigenen Ausgabenbelege gegenüberstellt. Nur so
kann man nämlich wirklich beurteilen, ob ein Abgeordneter „sauber“ agiert oder
nicht.
Offenlegen, offenlegen, offenlegen
Martin soll für uns seine (Abgeordneten)Konten
öffnen – und zum Beispiel herzeigen, was er mit der Millionen-Parteienförderung
der vergangenen Jahre ganz konkret gemacht hat. Damit kein Missverständnis
entsteht: Die übrigen Parteien tun das auch nicht. Aber wenn jemand so sehr
Transparenz fordert wie der frühere gar nicht so zimperliche Spiegel-Journalist
Martin, wäre es durchaus angemessen ganz offenzulegen. Den
Parteienförderungsforscher Sickinger bringen wir als Experten gerne mit.
Zurück zum Thema Beamtenerhöhung. Auf die
Gefahr hin, als Verteidiger von EU-Gehaltserhöhungsprivilegien verhöhnt zu
werden, könnte man sogar noch einen Schritt weitergehen: Im Vergleich zu dem
Zustand, der bei Gagen, Zulagen, Pensionsregelungen, Spesenpauschalen und
Sonstigem für EU-Beamte und Abgeordnete noch vor zehn Jahren galt, haben wir es
heute durchaus mit einem wesentlich angemesseneren, der europäischen
Wirklichkeit entsprechenden System zu tun als zuvor.
Ein paar Beispiele: Seit jeher wurden die
(rund 1500) Assistenten der EU-Abgeordneten aus einer pauschal vergebenen
Assistentenpauschale bezahlt. Ob das ein Bettellohn war, ob der Abgeordnete
seinen Mitarbeiter versichert hat oder nicht, das spielte keine Rolle. Ein
unwürdiger Zustand. Manche Assistenten mussten gegen ihre EU-Abgeordneten sogar
Prozesse führen.
Seit der letzten EU-Wahl im Juni 2009, seit
also nicht nur das neue Beamtenstatut, sondern auch das neue Abgeordnetenstatut
gilt, ist das nicht mehr so. Die Assistenten sind vom Parlament angestellt, der
Abgeordnete hat keinen direkten Zugriff mehr auf die Assistentengelder, und die
jährlichen Erhöhungen sind gesichert. Zum Glück. Der Zustand zuvor war ein
Skandal.
Verbesserungen seit 1999
Zweites Beispiel: Bis vor kurzem wurden
Dienstflüge vom Heimatland nach Brüssel oder Straßburg mit einer
Pauschalregelung (nach Entfernung etc.) bezahlt. Indem man billig flog (etwa
ohne Umbuchungsmöglichkeit), aber vom Parlament den Economy-Normaltarif kassierte,
der ein vielfaches höher ist, konnten sich viele ein nettes Körberlgeld
verdienen. Das geht jetzt nicht mehr. Gott sei dank. Ideal ist die Lösung für
den Steuerzahler dennoch nicht, nur für die Fluglinien. Jetzt fliegen die
meisten eben teuer, das Parlament bezahlt die Tickets.
Drittes Beispiel: Bis Juli wurden
Europa-Abgeordnete von ihren Herkunftsländern bezahlt. Das war von Beginn der
Union an so. Das führte nach der Erweiterung nach Osteuropa dazu, dass in
Brüssel und Straßburg Abgeordnete nebeneinander saßen, von denen der eine
10.000 Euro pro Monat plus Zulagen hatte, der andere aber nur 1500 Euro, wenn
er aus einem neuen „armen“ EU-Land kam. Die Italiener waren die absoluten
Spitzenreiter, die Österreicher lagen mit rund 8500 Euro pro Monat (vierzehnmal
im Jahr, 13. und 14. praktisch steuerfrei, das gibt es nur bei uns und macht
die Gagen in Europa so schlecht vergleichbar) im vorderen Feld.
Auch das ist jetzt vorbei. Jetzt verdienen
EU-Abgeordnete rund 7500 Euro pro Monat, zwölfmal im Jahr, allerdings mit einem
geringeren Steuersatz belegt als in Österreich. Unterm Strich ergab sich eine
leichte Einbuße, berichten mir einige Abgeordnete.
Nur für den FPÖ-Mandatar Andreas Mölzer
scheint das nicht zu gelten. Er entschied sich offensichtlich dafür, im „alten
System“ zu bleiben. Das ist in der laufenden Legislaturperiode aufgrund einer
Übergangsregelung noch möglich. Und es bringt Vorteile, beim Nettobezug wie
auch bei der Pensionsregelung. Nähere Auskünfte dazu wollte Mölzer der Austria
Presse Agentur nicht erteilen.
Ab 2014 ist es auch damit vorbei. Dann verdienen alle
EU-Abgeordneten gleich viel, und das ist gut so. Was nichts daran ändert, dass man die Gehälter- und Spesenusancen in der Union genau im Blick halten wird müssen.