Helden des normalen Lebens

16. Dezember 2009, 19:15
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Respekt vor Würde und Rechten des Einzelnen, Rechtsstaatlichkeit: Erst wenn beides gewährleistet ist, kann es jenes "normale" Leben geben, das sich die Russen so wünschen

"Mit der Zeit wollen die Menschen nicht nur Brot, sondern auch Freiheit: Teilnahme an Entscheidungsprozessen, das Recht, ihr Leben selbst zu bestimmen." Das sagte der einstige russische Chefreformer Jegor Gaidar vor zwei Jahren in einem Standard-Interview.

Gaidar ist am Mittwoch gestorben, am Tag, als die Vertreter der russischen Bürgerrechtsorganisation Memorial in Straßburg den Sacharow-Preis für Gedankenfreiheit des Europa-Parlaments entgegennahmen. Dabei ermahnte Memorial-Mitbegründer Sergej Kowaljow die Europäer, zu Menschenrechtsverletzungen in Russland nicht zu schweigen.

Russland ist noch weit von Verhältnissen entfernt, in denen die Menschen ihr Leben und Zusammenleben selbst bestimmen können. Angeblich wollen die meisten Russen das auch gar nicht: Sie wollten nichts mit Politik zu tun haben, sondern nur ein ruhiges Dasein führen, heißt es immer wieder unter Hinweis auf Umfragen. Das gilt auch als Grund für die Popularität Wladimir Putins, der nach den Wirren der Jelzin-Jahre für Ruhe und Ordnung sorgte.

Symptomatisch für diese "Ordnung" sind ständig wiederkehrende Katastrophen wie zuletzt der verheerende Brand in einem Nachtklub in Perm. Sie sind logische Erscheinungen eines Systems, in dem persönliche Verantwortung nichts, Beziehungen und Korruption alles bedeuten. Der Respekt vor Würde und Rechten des Einzelnen, für den Gruppen wie Memorial kämpfen, setzt Rechtsstaatlichkeit voraus. Erst wenn beides gewährleistet ist, kann es jenes "normale" Leben geben, das sich die Russen so wünschen. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2009)

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