Maria Fekter als Wilderin im Bildungsressort?

16. Dezember 2009, 19:19
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Eine Partei, die sich gerne mit "Wirtschaftskompetenz" brüstet, hätte längst dafür sorgen müssen, dass Frau Fekter wieder Zeit für ihre Schottergrube hat

 Oder Mithridates in der Schottergrube. Notizen aus einem typischen Ausländerghetto in Reaktion auf den "Aktionsplan" der Innenministerin, Zuwanderern ohne Deutschkenntnisse die Niederlassung zu verwehren

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Man kann ja über unsere Bundesregierung im Allgemeinen und das Innenressort im Besonderen sagen, was man will, aber sie/es erfährt eindeutig nicht die öffentliche Würdigung, die sie verdient. Dabei kann ich doch nicht der einzige sein, der aus persönlicher Erfahrung weiß, wovon Fekter spricht, wenn sie davon spricht, Migranten nur mehr nach Österreich einwandern zu lassen, wenn sie bereits Deutschkenntnisse besitzen:

Ich wohne in einem Haus mit nur zwei anderen Parteien, von denen niemand Deutsch kann. Der Mann im obersten Stock scheint zwar ein wenig zu verstehen, spricht aber nicht und ist überhaupt kaum im Hause zu sehen; seine Frau, meist allein daheim, kann auf Deutsch nicht einmal grüßen, der kleine Bub wächst ohne eine Silbe Deutsch auf. Die andere Familie, gleich neben mir, hat zwei schon ziemlich große Kinder, die in die Schule gehen, von denen ich aber ebenfalls noch nie ein Wort Deutsch gehört habe. Hier sorgt die Mutter für den Unterhalt; sie ruft stets freundlich "Grüß Gott", und damit sind ihre Deutschkenntnisse erschöpft. Der Mann kocht das Abendessen, ansonsten spielt er den ganzen Tag Saxophon. Er hat einen Deutschkurs besucht; der Erfolg ist zwar nicht gerade gleich null, aber kaum viel größer als null Komma zwei. Gibt es unter Nachbarn etwas zu besprechen, muss ich also deren Sprache benutzen.

Nein, ich kann auch kein Türkisch; wie kommen Sie denn auf Türkisch? Der Mann im obersten Stock ist Kanadier und im Vorstand eines - sehr erfolgreich international tätigen - heimischen Unternehmens, das der ÖVP näher steht, als es Frau Fekter lieb sein kann; seine Gattin ist übrigens EU-Bürgerin, wäre von den sprachpolizeilichen Plänen der Frau Ministerin also ohnehin nicht betroffen. Die Leute nebenan sind Amerikaner, die Dame ist Chefin der (in Wien ansässigen, aber für ganz Mitteleuropa zuständigen) Niederlassung eines großen US-Konzerns, die Kinder gehen in eine internationale Schule. - Daraus lässt sich mancherlei ableiten:

1. Nein, derlei Migranten sind absolut nicht atypisch. Seit Jahr und Tag haben einzig und allein so genannte Schlüsselkräfte noch eine realistische Chance, der Gnade einer österreichischen Zuwanderungserlaubnis teilhaftig zu werden; und vor allem sollte sich Österreich, gäbe es in der hiesigen Politik nur einen Funken wirtschaftspolitischen Sachverstand, um derlei "Schlüsselkräfte" aktiv bemühen, bevor andere Länder sie uns wegschnappen.

2. Apropos Sachverstand: Eine Partei, die sich gerne mit ihrer "Wirtschaftskompetenz" brüstet, hätte längst dafür sorgen müssen, dass Frau Fekter wieder unbegrenzt Zeit für ihre Schottergrube hat.

3. Preisfrage: Werden US-Konzerne, falls die Lex Fekter wirklich kommt, künftig eher ihre Spitzenkräfte samt Angehörigen zum Deutschlernen vergattern, um ihre Mitteleuropa-Zentrale mit freundlicher Erlaubnis der örtlichen Schottergrubendirektion personell bestücken zu dürfen? Oder werden sie die Mitteleuropa-Zentrale im Zweifelsfall nach Prag verlegen? Zu gewinnen: ein Taschenwörterbuch Deutsch-Englisch/Englisch-Deutsch.

4. In Nigeria sind 434 Sprachen heimisch. Ein Glück noch, dass Frau Fekter nicht nigerianische Innenministerin ist.

5. Zu befürchten ist, in Kenntnis hiesiger politischer Standards, dass am Ende ohnehin eine Ausnahmeregelung für Spitzenkräfte herauskommt. Werden wir also grundsätzlich: Wenn jemand nach Österreich kommt, um hier zu arbeiten, muss er sich am Arbeitsplatz verständigen können; wenn seine Sprachkenntnisse dem Arbeitgeber reichen (etwa Englisch in einem US-Konzern, oder Ungarisch in Oberpullendorf), dann reichen sie eben. Den Staat geht das im Prinzip nichts an. Das gilt für amerikanische CEOs ebenso wie für türkische Bauarbeiter.

6. Wieso eigentlich gerade Deutsch? Das fragt sich sogar bei uns im Gutmenschenghetto, wo ja als einzige Medien Ö1 und der Standard zugelassen sind. In letzterem war kürzlich von einer Mozart-Oper die auf Ö1 die Rede, die die Geschichte "des Königs Mithridates dem Sechsten" erzähle; und eher wird wohl Frau Fekter der KPÖ beitreten, als sich beim Standard die Erkenntnis durchsetzen, dass die Apposition stets im Fall des durch sie beschriebenen Nomens zu stehen hat, dass also eine Apposition im Dativ zu einem Nomen im Genitiv alles, nur nicht Deutsch ist. Von den "Krone"- und Gratisblattlesern in der U-Bahn, wie immer bei uns Gutmenschen, ganz zu schweigen ... Wieso also Deutsch? Vermutung: Frau Fekter bezweckt eigentlich, dass die Eingeborenen Deutsch von den Neuzuwanderern lernen - kurzum: Sie wildert im Bildungsressort!

7. Ich wohne im beschriebenen Haus seit mehr als 43 Jahren und habe viele Bewohner kommen und gehen gesehen. Bis zu den aktuellen Nachbarn waren sie, mit Ausnahme einer philippinischen Familie (ja, die sprach Deutsch), allesamt Österreicher. Und abgesehen von einer lieben alten Wienerin, die irgendwann Mitte der 70-er Jahre gestorben sein muss, waren sie allesamt irgendwo zwischen abweisend-gleichgültig und widerwärtig-verhaltensgestört einzuordnen. Seit der alten Frau aus den 70-er Jahren habe ich also jetzt zum ersten Mal wieder nette Nachbarn. Das ist doch das bisserl Radebrechen auf Englisch wert.(Robert Schlesinger, DER STANDARD Printausgabe 17.12.2009)

Robert Schlesinger ist Historiker und Publizist und pendelt als Teilzeitmigrant zwischen Wien und Venedig.

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