Wolfgangs Winteralbtraum

16. Dezember 2009, 19:02
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Enthüllungsjournalist Wallraff versuchte in der ZDF-Doku "Unter Null" als "Wolfgang" mit Obdachlosen zu (über)leben

Es ist so eisig, dass man die Kälte förmlich aus dem Fernseher strömen fühlt. Der struppige Mann schleppt einen Sarg, in dem ein Obdachloser liegt. Dafür gibt's 2,50 Euro, genauso viel wie fürs Ausladen von Bier. Das Geld braucht er, denn auch er hat keine Wohnung. Er, das ist Günther Wallraff, der am Dienstagabend in der ZDF-Dokumentation Unter Null als "Wolfgang" in Deutschland mit Obdachlosen zu (über)leben versuchte.

Was Deutschlands bekanntester Enthüllungsjournalist da widerfährt, ist zum Teil haarsträubend. 24 Stunden Hilfe für Menschen ohne Dach über dem Kopf bietet eine katholische Einrichtung. Doch als zwei Halberfrorene nachts um Einlass bitten, meint der Portier, man möge doch "während der Geschäftszeiten" sein Anliegen äußern. Anderswo muss sich ein Hilfsbedürftiger erst als Alkoholiker ausgeben, um überhaupt gehört zu werden. Die mildtätigen Gaben des Kölner Oberbürgermeisters erweisen sich als Kekse, deren Haltbarkeit sechs Monate zuvor abgelaufen war.

Und dennoch: Trotz dieser erschreckend-eindringlichen Szenen - weniger Wallraff hätte der Reportage nicht schlecht getan. "Ich gehe durch die Kälte, ich schlafe schlecht, ich habe im Obdachlosenheim keine Privatsphäre", informiert der Enthüller in gewohnter Wallraff-Manier aus dem Off und hat einigermaßen banale Erkenntnisse. "Mittellos, arbeitslos, wohnungslos" laute der Dreiklang der Hoffnungslosigkeit.

Wirklich Betroffene kommen zu wenig zu Wort. Was Menschen, die seit Jahren auf der Straße leben, zu sagen haben, hätte sicherlich noch mehr aufgerüttelt als Wallraffs Worte. Denn trotz Perücke: Man weiß ja in jeder TV-Minute, dass er nach sechs Wochen wieder in sein warmes Bett kriechen kann. (Birgit Baumann/DER STANDARD; Printausgabe, 17.12.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Günther Wallraff.

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