Klimakater bei Frankreichs Top-Winzern

16. Dezember 2009, 18:57
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Sorge um Wein wegen Erderwärmung: "Weinbaugebiete würden nicht überleben"

Es war ein schöner Sommer in der Provence. Ein bisschen zu warm für Marcel Richaud: "Ich ernte die Trauben heute fast einen Monat früher, als das mein Vater getan hat" , sorgt sich der Biowinzer aus Cairanne. Früher fuhren die Richauds die Ernte im September ein - heuer begann die Lese in der Côtes du Rhône, dem südfranzösischen Rhônetal, schon im August. Oft fand sie nachts statt, wenn es weniger heiß war.

Nicht nur die Erntezeit hat sich geändert. "Mein Großvater, der gewohnt war, leichte Weine mit zwölf Prozent Alkoholgehalt zu trinken, fand den Wein in den letzten Jahren vor seinem Tod zu stark" , erzählt Richaud, dessen Cuvée Ebrescade heute bis zu 15 Prozent erreicht. Mehr Alkohol bedeutet aber weniger Finesse, weniger Reichhaltigkeit. Zu "heiße" Weine werden süßer und verlieren an Aroma und Frische. Australische Winzer fügen deshalb heute schon Weinsäure bei.

Das ist - noch - undenkbar in Frankreich, wo jede Weinsorte eine spezielle Note, Geschichte und Eigenart hat, beruhend auf der natürlich gewachsenen Harmonie von Rebsorte, Weinberg - dem "Château" - und Reifdauer. Doch dieses innere Gleichgewicht, das die bisher unerreichte Qualität von Bordeaux- oder Burgunderweinen ausmacht, ist in Gefahr. "Wenn sich das Klima erwärmt, wird der Weinbau-Zyklus kürzer, und damit ändert sich auch der Charakter des Weines" , sagt Olivier Poussier, weltbester Sommelier des Jahres 2000.

Besonders hart trifft es den Burgunderwein. Er wird vor allem mit der hochwertigen Traube des Pinot Noir hergestellt, die Sonne und Hitze scheut. Die Temperaturen in Zentralfrankreich haben seit 1980 um 1,2 Grad zugenommen. Ein Grad Zunahme bedeutet, dass die Bedingungen um 180 Kilometer nach Norden wandern.

Revolutionäre Experimente

Was nordeuropäischen Regionen wie England oder gar Skandinavien plötzlich die Aussicht auf Weinberge verschafft, macht im Bordelais und dem Burgund vor allem Angst. Einige wie Château Cheval-Blanc experimentieren mit neuen Kombinationen von Weinsorten. Eine Revolution für den berühmten Grand Cru nahe von Bordeaux.

Auf die Dauer werden sich die Nachteile des Klimawandels brutal bemerkbar machen. Zur verfrühten Reifung kommt die Gefahr von Dürre und Hagelstürmen, die eine ganze Ernte zerstören können. Die Trauben verlieren an Widerstandskraft und treffen auf neue Schädlinge aus dem Süden.

Mehrere französische Winzer ziehen nach Protesten gegen ihre schlechten Lebensbedingungen Ende November in Montpellier nun bei der Uno-Klimakonferenz die Alarmglocke. Während große Handelshäuser aus Imagegründen lieber schweigen, hat der Präsident der Unabhängigen Winzer Frankreichs (VIF), Michel Issaly, einen Aufruf an Präsident Nicolas Sarkozy erlassen. Frankreich müsse bei den Verhandlungen in Kopenhagen durchsetzen, dass der CO2-Ausstoß bis 2020 weltweit um 40 Prozent gesenkt werde.

Im Sommer hatten bereits 50 bekannte französische Winzer, Köche und Sommeliers an Sarkozy geschrieben: "Wenn nichts unternommen wird, um die Treibhausgase zu reduzieren, sieht sich unser Weinbau radikal infrage gestellt. Unsere Weinbaugebiete würden nicht überleben."

Der von der Umweltschutzorganisation Greenpeace mitunterzeichnete offene Brief erinnert an den Pariser Antrag, die Unesco solle die französische Gastronomie als Ganzes zum Weltkulturerbe erklären. Dann sei es unerlässlich, die natürlichen und damit auch klimatischen Bedingungen dafür zu erhalten. "Wenn nicht" , droht Issaly, "werden die Engländer bald besseren Wein als wir machen" .

Und das wäre für die Franzosen wohl noch schlimmer als der Klimawandel selbst. (Stefan Brändle aus Paris, DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2009)

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    Proteste französischer Winzer im November in Montpellier.

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