"Da wird bewusst ein Flaschenhals geschaffen"

16. Dezember 2009, 18:49
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Wenig deutet darauf hin, dass in Kopenhagen ein ambitionierter Vertrag zustande kommt

Daran ist schlechte Organisation ebenso schuld wie die Partikularinteressen der einzelnen Staaten.

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Stefan Schleicher sitzt bequem in einem kleinen Raum des Bella Center in Kopenhagen und (video)konferiert mit Wien und Zürich. Um in einer halbwegs vernünftigen Zeit in das Konferenzzentrum zu kommen, hat der Ökonom vom Wirtschaftsforschungsinstitut und Wegener Center das Gebäude, in dem ein neuer Klimavertrag verhandelt wird, schon um halb sieben aufgesucht.

"Da wird bewusst ein Flaschenhals geschaffen" , sagt er. Stundenlang müssen Konferenzteilnehmer vor den Sicherheitsschleusen in endlosen Schlangen warten, um ins Bella Center zu kommen. Das Gebiet ist großräumig abgeriegelt; die nächste U-Bahn-Station geschlossen. Die Organisatoren befürchten, dass die sich draußen aufheizenden Demonstrationen ins Gebäude verlegt werden könnten und die Lage dann außer Kontrolle gerät.

Die dänische Regierung wird für die Organisation der Klimakonferenz keinen Preis bekommen, so viel ist sicher. Doch zeigten die letzten Tage grundsätzlich die Grenzen des internationalen Wanderzirkus, bestehend aus Diplomaten, Politikern, Klimatologen, Journalisten.

Ironie bei den Verhandlungen ist, dass beim Flugverkehr zwei bis zweieinhalb Mal mehr Treibhausgase emittiert werden als beim Zurücklegen der Strecke mit einem Auto. Doch die wenigsten der mehr als 15.000 Delegierten aus über 192 Ländern sowie der mehr als 3000 Medienvertreter in Kopenhagen kommen mit Bus, Bahn oder Auto. Beim Einfachflug Wien-Kopenhagen gelangt in etwa so viel CO2 in die Atmosphäre, wie der Pro-Kopf-Verbrauch eines Bewohners von Bangladesch im ganzen Jahr beträgt, rechnet Hildegard Aichberger, Geschäftsführerin von WWF Österreich vor. Sowieso wurde der Flugverkehr bzw. seine Emissionen bei den Kopenhagener Verhandlungen bis dato ausgespart. Auch im Kioto-Protokoll war die Branche, die für etwa fünf Prozent der weltweiten Emissionen steht, außen vor gelassen worden. Anders beim EU-Emissionshandel der energieintensiven Industrie. Da ist geplant, dass ab 2013 auch Fluglinien Emissionszertifikate ziehen müssen.

Kopenhagen zeigt, wie niedrig die Problemlösungskapazität von Großverhandlungen unter Zeitdruck ist. In den meisten Klima-Prognosen wird davon ausgegangen, dass bereits 2017 weltweit der höchste Treibhausgasausstoß erreicht und danach immer weniger emittiert werden sollte. Nur dann, so die Klimatologen, lässt sich die Erderwärmung auf zwei, zweieinhalb Grad Zunahme einschränken.

Unter diesem Zeitdruck und mit diesen Vorzeichen sind die Zeichen schlecht, dass es, wie beim Kioto-Protokoll, zu einem völkerrechtlich verbindlichen Vertrag kommt, meinen Vor-Ort-Beobachter wie Markus Niedermair vom WWF Österreich. Dies wäre aber notwendig, denn ohne völkerrechtliche Verbindlichkeit gebe es keine internationale Kontrolle über das Treibhausgas-Einsparen: "Ohne Verbindlichkeit kommt es da nur zu Betrug."

Die Entwicklungsländer, zusammengefasst in der Gruppe G-77, haben mit einem Scheitern gedroht und am Montag die Verhandlungen auch unterbrochen. Die armen Länder pochen auf fixe Finanz-Zusagen der Industrieländer, mit denen die Entwicklungsländer die Klimafolgen abfedern wollen. Kommt es zu keinen solchen Zusagen, wollen die G-77 die Verhandlungen abbrechen. (Johanna Ruzicka, DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2009)

  • Der autoritäre Präsident von Simbabwe, Robert Mugabe, hat eigentlich Einreiseverbot in die EU. Zum Klima-Gipfel durfte er aber kommen.
    foto: epa/keld navntoft

    Der autoritäre Präsident von Simbabwe, Robert Mugabe, hat eigentlich Einreiseverbot in die EU. Zum Klima-Gipfel durfte er aber kommen.

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