Kopenhagen als letzter Weckruf für Unternehmer

16. Dezember 2009, 18:09
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Nachhaltigkeit mutiert von der PR-Übung zum Herzstück künftiger Geschäftsmodelle

Wer an den Gipfel hohe Erwartungen (ge)stellt (hat), wird voraussichtlich, wenn die jüngsten Signale nicht trügen, eher enttäuscht werden. Doch wer daraus umgekehrt den Schluss zieht, dass das Thema Klimaschutz mit einem Misserfolg von Kopenhagen an Bedeutung verliert oder gar vom Tisch ist, der wird sich noch mehr täuschen.

Denn die radikalen Veränderungen der Zukunft vor keinem Unternehmen halt machen. Und wer zuerst reagiert, sichert sich einen wichtigen Vorsprung. Umgekehrt gilt: Die Unternehmen, die nicht darauf vorbereitet sind, wird es hart treffen.

Das gilt nicht nur für Unternehmen mit hohen Emissionen, hier sind die Auswirkungen gewaltig, sondern auch für Unternehmen mit wenigen oder gar keinen Emissionen. So können manchen Industrien trotz geringer Emissionen durchaus Opfer von Rechtsvorschriften werden, die etwa auf die Produktperformance abzielen. Ein Beispiel dafür können Vorgaben für den Stromverbrauch von Elektrogeräten sein. Zudem müssen alle Unternehmen überprüfen, welchen Einfluss Emissionskosten auf ihre Betriebs- und Rohstoffkosten haben können. Für Brauereien etwa - nur als Beispiel - werden nicht nur die Verpackungskosten von größerer Bedeutung, sondern auch die Kosten für den Rohstoff Gerste, der auf einmal mit Raps und Soja in Konkurrenz um Anbaugebiete steht, die vermehrt für die Produktion von Biodiesel benötigt werden.

Und auch Investoren bewerten, ausgehend von den abzusehenden Umweltrichtlinien das Chance-Risiko-Profil von Firmen neu. Denn klar ist: Hohe Emissionswerte werden zu einem Risikoaspekt. Sie belasten nicht nur die Umwelt, sondern auch die Bilanz. Unternehmen werden daher gezwungen sein, explizit zu kommunizieren, wie der Aspekt der Emissionskosten sich in ihren Wachstumsstrategien widerspiegelt.

Das eröffnet auch viele Chancen. Unternehmen mit nachhaltigem Management werden verbesserten Zugang zu Kapital haben. Das ist teilweise bereits Realität, wie der Verlauf des von Arthur D. Little erstellten "Carbon Winners Index" zeigt. Den Anstoß für diesen Index gab das unabhängige italienische Finanzunternehmen ECPI. Die ECPI-Manager sind der Überzeugung, das Emissionsmanagement zunehmend eine Quelle von Wettbewerbsvorteilen für Unternehmen mit bedeutender Kohlenstoffbelastung darstellt. ECPI wollte die in dieser Hinsicht am besten positionierten Unternehmen im Vergleich mit dem Branchendurchschnitt und den Konkurrenten auswählen und darstellen.

Sowohl in Wachstumsmärkten als auch Industrieländern werden Unternehmen, die mit innovativen Konzepten das Problem angehen, einen Wettbewerbsvorteil haben. Dies gilt nicht nur für lokale, sondern auch für global expandierende Unternehmen. Die Entwicklung zu umweltbewussteren Lebensweisen und zu einer emissionsarmen Wirtschaft kreieren mehr und mehr Möglichkeiten für innovative Technologien, Produkte und Services - und somit gewaltige Wachstumsmöglichkeiten.

Voraussetzung dafür ist allerdings, dass Unternehmen überdenken, was Nachhaltigkeit für Ihre Geschäftsmodelle wirklich bedeutet. Dazu gehört, herauszufinden, wie sie die steigenden Emissionskosten für sich nutzen bzw. die Auswirkungen lindern können. Dazu gehört, die Konsequenzen für die Technologie, Marketing sowie die Strategien in der Wertschöpfungskette zu erkennen. Und dazu gehört auch die Ehrlichkeit, oberflächliches "green washing" von wirklich aufrichtigen Entwicklungen zu unterscheiden.

Unternehmen müssen sich auf Nachhaltigkeitsaspekte konzentrieren, die für Ihr Business von Bedeutung sind und aufhören, sich selbst sowie ihre Stakeholder mit Aspekten abzulenken, die nicht relevant sind. In vielen Unternehmen ist Nachhaltigkeit immer noch ein Parallelthema, das ein Eigenleben neben der herkömmlichen Geschäftstätigkeit fristet. Doch Nachhaltigkeit ist keine PR-Übung, sondern wird langfristig zum Herzstück des eigenen Geschäftsmodells werden. Unternehmen sollten diese Veränderungen als Chance verstehen und sie aktiv gestalten, um sich gut zu positionieren.

Der Klimagipfel in Kopenhagen ist dafür ein guter Anlass und ein - vielleicht letzter - Weckruf. Denn der Name der Stadt ist aus dem Mitteldänischen abgeleitet und bedeutet "Kaufmannshafen" . Deutlicher kann der Bezug zur Wirtschaft nun wirklich nicht sein. (Stefan Hund, DER STANDARD, Printausgabe 17.12.2009)



Stefan Hund ist Nachhaltigkeits-Experte bei der international tätigen Strategie- und Innovationsberatung Arthur D. Little.

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