Alkoholisierter erschießt Beamtin im Bezirksgericht

16. Dezember 2009, 18:20
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Sein Ziel war die Richterin, die für seine Scheidung zuständig war - Der Lehrer fand sie nicht - Dann tötete er eine Beamtin, die ihn beruhigen wollte

Hollabrunn - Während im hinteren Teil des Bezirksgerichtes Hollabrunn die Spurensicherer arbeiten, steht die Justizministerin vor dem Eingang des Amtsgebäudes. Und spricht über den Mord an einer 42-jährigen Rechtspflegerin. Dass sich eine Politikerin selbst an einen Tatort begibt, ist außergewöhnlich. Claudia Bandion-Ortner bringt gleich ein Versprechen mit:"Es wird eine mobile Kontrolle installiert werden, damit die Mitarbeiter sich morgen sicher fühlen können" , erklärt sie der Presse. Und dass man den Hinterbliebenen beistehen wolle.

Beamtin versuchte Alkoholisierten zu beruhigen

Was war passiert? Gegen elf Uhr war ein 57-jähriger Niederösterreicher im Gebäude aufgetaucht. Eine Sicherheitskontrolle musste der Mittelschullehrer nicht passieren. Sein Ziel war offenbar jene Richterin, die für seine bereits abgeschlossene Scheidung zuständig gewesen war. Der schwer alkoholisierte Mann fand sie nicht - stattdessen versuchte ihn die 42-jährige Gerichtsangestellte zu beruhigen.

Fühlte sich ungerecht behandelt

Da zog er seine Pistole, die er legal besitzt, und schoss der Mutter zweier Volksschulkinder in den Kopf. Zunächst lief der Mann davon, kehrte aber um und wurde von der alarmierten Polizei im Gerichtsgebäude festgenommen. Bei seiner ersten Einvernahme gab er zu, dass er eigentlich die Richterin töten wollte. Er scheint auch einen generellen Hass auf die Justiz gehabt zu haben, von der er sich ungerecht behandelt gefühlt hatte.

"Da sind viele Emotionen im Spiel"

Für Wilhelm Tschugguel, den Präsidenten des auch für Hollabrunn zuständigen Landesgerichtes Korneuburg, sind es Bezirksgerichte, an denen das Aggressionspotenzial hoch ist. "Da sind viele Emotionen im Spiel. Es geht um Scheidungen, Pflegschaftssachen, Erbschaften und Nachbarschaftsstreitigkeiten" , sagt er im Gespräch mit dem Standard. Auch beim bisher folgenschwersten Vorfall in einem österreichischen Gericht war ein Streit über den Zaun der Auslöser (siehe Artikel unten).

Nur große Gerichte gesichert

Gesichert werden allerdings nur große Gerichte. Arbeiten dort weniger als fünf Richter und etwa 50 Angestellte, gibt es nur fallweise und bei konkreten Bedrohungslagen Kontrollen. Hollabrunn fällt deshalb nicht darunter - es arbeiten nur 20 Personen dort. In der jüngeren Vergangenheit gab es zwar temporäre Kontrollen in Hollabrunn, sagt der Korneuburger Präsident Tschugguel. Mit dem aktuellen Fall habe das aber nichts zu tun gehabt, beteuert er.

Sicherheit ist eine Kostenfrage

Im Justizministerium verweist man wie bereits in der Vergangenheit auf die Kostenfrage. Vier Millionen Euro gibt das Ministerium jährlich für die Sicherung der großen Gerichte aus, sagt Katharina Swoboda, Sprecherin der Justizministerin. "Jede zusätzliche Sicherung kostet rund 100.000 Euro pro Standort" , rechnet sie vor. Da derzeit aber rund 100 der 141 österreichischen Gerichte unkontrolliert sind, würde die totale Überwachung auf rund zehn Millionen Euro zusätzlich kommen. Die aber durchaus notwendig erscheint: Im Vorjahr wurden fast 100.000 Waffen und gefährliche Gegenstände abgenommen - darunter 299 Schusswaffen. (Michael Möseneder, DER STANDARD Printausgabe 17.12.2009)

  • Spurensicherer ermitteln nach dem Mord an einer 42-jährigen Beamtin im Bezirksgericht Hollabrunn.
    foto: standard/christian fischer

    Spurensicherer ermitteln nach dem Mord an einer 42-jährigen Beamtin im Bezirksgericht Hollabrunn.

  • Das Gebäude war ungesichert - eine Kontrolle aller Gerichte würde 14 Millionen Euro kosten
    foto: standard/christian fischer

    Das Gebäude war ungesichert - eine Kontrolle aller Gerichte würde 14 Millionen Euro kosten

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    "Jetzt geht es erst einmal darum, die Angehörigen des Opfers und die Mitarbeiter zu betreuen und unterstützen", erklärte Justizministerin Claudia Bandion-Ortner. " In weiter Folge wird die Justiz als Dienstgeber überlegen müssen, was künftig zu tun ist, um Mitarbeiter zu schützen

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