Eine Jazzüberdosis an Vielseitigkeit

16. Dezember 2009, 17:27
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Der deutsche Meisterklarinettist Rolf Kühn

Wien - Selbst New York kann zum Dorf mutieren. Zumindest schien dies an einem Maientag des Jahres 1956 so, als ein junger deutscher Klarinettist allein am Broadway stand - und plötzlich mit jenem Musiker zusammenstieß, mit dem er zu Hause, in Westberlin, so oft und so gerne gejammt hatte: Friedrich Gulda.

"Er war oft in Berlin, gab Konzerte mit den Berliner Philharmonikern, er ist aber jeden Abend in den Club Badewanne gekommen, um danach Jazz zu spielen. Ich glaube, die Konzerte waren für ihn mehr Routine, und die eigentliche Liebe war der Jazz" , so Rolf Kühn, jener Klarinettist, den Gulda im Zuge des unverhofften Wiedersehens gleich an den berühmten Produzenten John Hammond vermittelte, der dem Klarinettisten u. a. ein Engagement in der Bigband Benny Goodmans verschaffte.

Fast ein Dirigent

Gulda spielte auch zehn Jahre später in Bezug auf Kühns 14 Jahre jüngeren Bruder, den Pianisten Joachim Kühn, eine große Rolle: Dieser benützte die von Rolf Kühn eingefädelte Einladung zu Guldas berühmten Jazzwettbewerb 1966, als Wien für einige Tage zum Nabel der Jazzwelt mutierte, zum Absprung aus der DDR. Und fungierte fortan als bevorzugter Partner von Bruder Rolf, der sich nun - für einen Musiker seiner Generation alles andere als selbstverständlich - dem Free Jazz zuwandte.

1966 war für Rolf Kühn Amerika bereits wieder Geschichte. 1961 war er nach Deutschland zurückgekehrt und hatte sogar ein Dirigierstudium bei Sir Charles Mackerras begonnen - um dieses nach zwei Jahren wieder aufzugeben. "Es war und ist für mich immer spannend auszubrechen. Das ist für Jazzmusiker prinzipiell wichtig" , resümiert Rolf Kühn, der im September seinen 80. Geburtstag feierte, seine Angewohnheit, Haken zu schlagen, immer wieder zu neuen Ufern aufzubrechen. Physisch wie künstlerisch.

In diesem Sinne ist sich Kühn, der sich in den 1970ern aus der Szene zurückzog, stattdessen u. a. für das Berliner "Theater des Westens" , für Film und Fernsehen bis hin zu einzelnen Tatort- und Derrick-Folgen komponierte, bis heute treu geblieben: Vor einigen Jahren gründete der Klarinettist mit jungen Berliner Musikern erstmals seit Jahrzehnten wieder eine stehende Band, mit der er nun im Porgy & Bess brillierte:

Während Bassist Johannes Fink, Gitarrist Ronny Graupe und Schlagzeuger Christian Lillinger (Letztere zwei könnten als Kühns Enkel durchgehen) dröhnende, splitternde, krachende Geräuschklänge in den Raum warfen, nahm Kühn immer wieder die Zügel sanft in die Hand und ließ in seinen sparsam und überraschungsreich Ton um Ton, Geste um Geste entwickelten Soli die ganze Geschichte des Jazz mitschwingen. Selten haben sich juvenile Subversion und aufgeklärte Altersreife im Jazz so glückhaft ergänzt.

In Wien war Rolf Kühn übrigens zuletzt in den 1980ern - und zwar im Theater an der Wien: Dort leitete er - man lasse sich das ruhig auf der Zunge zergehen - Aufführungen von Jesus Christ Superstar und Chicago! Natürlich gäbe es zwischen Musical und Free Jazz keine Verbindungen, so Kühn: "Da sind Welten dazwischen. Aber es gibt das Wort, das ich gerne benütze: die Neugierde. Auch für diese Dinge. Man unterschätzt das Musical ja leicht - das ist harte und interessante Probenarbeit. Wenn man bereit ist, in die Details zu gehen."

Schon. Aber über solche Abstecher darf man dennoch staunen - bei jemanden, der einst auch mit Innovator Albert Mangelsdorff an der europäischen Jazzgeschichte mitschrieb. (Andreas Felber, DER STANDARD/Printausagbe, 17.12.2009)

  • Immer noch in Bestform: Klarinettist Rolf Kühn.
    foto: porgy

    Immer noch in Bestform: Klarinettist Rolf Kühn.

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