"Wo die wilden Kerle wohnen": Lebe lieber monströs

16. Dezember 2009, 17:18
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Spike Jonze hat den Kinderbuchklassiker "Wo die wilden Kerle wohnen" als Ode an die anarchische Kraft der Gefühle fürs Kino adaptiert

Wien - Manchmal bleibt einem nichts anderes übrig, als mit einem Zaun zu reden. Wenn sich die einen verweigern, weil sie dich zu klein finden und sich nicht der Fremdwahrnehmung aussetzen wollen, und die anderen immer schon zu viel tun haben, um auf deine Bedürfnisse einzugehen, bleibt eben nur die Fantasie als Ausflucht. Dann kann man sich sein eigenes Loch im Schnee graben und kurz zum Eskimo werden. Oder man zupft an der Strumpfhose seiner Mutter herum, während man sich eine allzu menschliche Vampirgeschichte ausdenkt.

Der kleine Max (Max Records) kann aber auch anders. In seinem Wolfskostüm jagt er den Hund die Stiegen herunter, oder er steigt auf den Tisch und befiehlt seiner Mutter, ihn zu füttern. Die ersten zwanzig Minuten von Spike Jonze' neuem Film Wo die wilden Kerle wohnen / Where the Wild Things are, die zu den schönsten dieses Kinojahres gehören, lassen ein ganzes Spektrum an kindlichen Verhaltensweisen und entsprechend gemischten Gefühlen aufscheinen: Mit hoher Sensibilität und leicht verqueren Blickwinkeln wird eine Welt vermessen, die dann ganz woanders umso stärkere Nachschwingungen generiert.

Maurice Sendaks Vorlage, ein knapp 40 Seiten langes und aus kaum mehr als zehn Sätzen bestehendes Bilderbuch von 1963, ist längst ein Klassiker, der der Imagination viel Spielraum lässt und ob seiner Unheimlichkeit von manchen als gar nicht kinderadäquat erachtet wurde. Jonze hat ihn gemeinsam mit dem US-Romancier Dave Eggers (Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität) nun auf äußerst behände Art erweitert, ohne dabei den Grundcharakter zu zerstören.

Riesen mit echten Haaren

Im Buch sind die wilden Kerle, auf die Max nach einer langen Seefahrt durch die Gedankenwelt trifft, wenig ausdifferenzierte Zottelwesen, die sich vor allem für Krach, Grimassen und Tollerei begeistern können. Soziale Fähigkeiten sind allenfalls rudimentär vorhanden. Der Film verleiht den Wesen, die von Jim Hensons Muppets-Studio kommen und bis auf die Gesichtspartien ohne Computerhilfe hergestellt wurden, nun eine Form von Individualität, presst diese aber in keine Schablone, die zu so etwas wie zielgerichtetem Handeln veranlassen würde.

Schon als Max die Monster von einem Versteck aus beobachtet, wirkt ihr Verhalten anarchisch bis destruktiv. Der leicht aufbrausende Carol, den Sopranos-Boss James Gandolfini spricht, ist gerade dabei, Wohnhütten zu zertrümmern. Das schafft eine erste Verbindung mit Max, der das Gefühl, außerhalb einer Gemeinschaft zu stehen, nur allzu gut kennt. Mit einer Notlüge gelingt es dem Jungen nicht nur, nicht aufgefressen zu werden, er wird von den pelzigen Riesen sogar zum König gekürt.

Der beträchtliche Charme des Films verdankt sich der Bereitschaft, eine kindliche Ökonomie des Erlebens zu wahren. Das hat überhaupt nichts mit Lieblichkeit zu tun, vielmehr mit unbändigen Gefühlen, die jederzeit in Gefahr laufen, so groß zu werden, dass für sie keine Form gefunden werden kann. Eifersüchteleien, Enttäuschungen, Zärtlichkeit und Aggression sowie jede Menge Chaos bestimmen den Grundtenor des Films, dessen Handlungsarmut das Studio Warner Bros. beinahe dazu gebracht hätte, das ganze Projekt vorzeitig abzublasen.

Jonze hat mit seinen zahlreichen Musikvideos und Filmen wie Being John Malkovich einen charakteristischen Freestyle gefunden, zu dem die wendige Handkamera von Lance Acord genauso gehört wie die Fähigkeit, das Fantastische jederzeit in einer konkreten Realität zu erden. Wo die wilden Kerle wohnen ist sein bisher persönlichster Film, der - getragen von der großartigen Musik von Karen O. - die Kindheit als ein schwermutbeladenes Königreich im Herbstlicht betrachtet und sich ein bezwingendes Lächeln für den Schluss bewahrt. (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD/Printausgabe, 17.12.2009)

  • Ein pelziger Freund, der zu cholerischen Gefühlsausbrüchen neigt: Carol
und Max (Max Records) in Spike Jonze' melancholischem Kinderfilm für
jedes Alter, "Wo die wilden Kerle wohnen".
    foto: warner

    Ein pelziger Freund, der zu cholerischen Gefühlsausbrüchen neigt: Carol und Max (Max Records) in Spike Jonze' melancholischem Kinderfilm für jedes Alter, "Wo die wilden Kerle wohnen".

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