"Ich brauche keine Hilfe, nur eine Identität"

16. Dezember 2009, 10:25
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Schicksale, ganz in der Nähe, die wir nicht sehen: Der Film "Little Alien" begleitet junge Flüchtlinge auf ihrer Suche nach einem sicheren Leben

Wien - Betroffenheit und Mitgefühl mit den Protagonisten prägen am Samstag die Stimmung im Zeiss-Planetarium. Nachdem der Abspann die Leinwand passiert hat, folgt ein Moment des Nachdenkens über das Gesehene.

Der Dokumentarfilm Little Alien erzählt die Geschichten Jugendlicher, die ihre Familien verlassen mussten, um aus Krisengebieten zu fliehen - allein. Nach einer langen Reise voller Gefahren, doch immer mit einem Ziel vor Augen, warten sie nun seit Jahren auf ein Asylverfahren. Das ständige Hin und Her zwischen Behörden, Ämtern und Ländern zerstört systematisch die Hoffnung auf eine Identität und ein sicheres Leben.

Der Hauptstrang des Films spielt in Österreich, wo die Akteure auf eine positive Rückmeldung der Behörden warten. Dazwischen wird an die Grenzen von Griechenland und Marokko gesprungen, wo sich die Jungen nach einer Abschiebung nur noch verstecken können.

Der Film läuft seit Oktober in den Kinos. Zusätzliche Schulvorführungen sollen Einblick in die Situation der jungen Flüchtlinge ermöglichen und zur politischen Bildung der Schüler beitragen.

Bei einer Podiumsdiskussion erzählt Mario Riemer, Leiter der Wiener Volkshochschulen: "Es gibt Kurse, wo junge Österreicher, die selbst soziale Probleme haben, junge Flüchtlinge kennenlernen. Ihre Einstellung verändert sich dann zu Asylwerbern im Laufe der Zeit massiv." Riemer ist davon überzeugt, dass aufgrund der Offenheit der Jugend noch viel zu bewegen sei. Viele Ältere seien heute sehr "verstockt", meint er und nimmt seine Diskussionspartnerin Ute Bock sogleich davon aus.

Ausbildung gewähren

Diese verweist auf die Relevanz der Ausbildung und erzählt von Flüchtlingskindern, die Vorzugszeugnisse erlangen, sich aber ab einem gewissen Alter nicht mehr fortbilden dürften. "Es ist ein Verbrechen, sie nicht weiterlernen zu lassen. Wenn man diese Intelligenz nicht fördert, geht das irgendwann nach hinten los." Es sei egal, ob jemand langfristig hier oder in einem anderen EU-Staat leben werde - eine Ausbildung könne man in Zeiten des "geeinten Europa" beruhigt mitgeben, so die Flüchtlingshelferin.

"Es ist meine Aufgabe, über etwas zu erzählen, das in unserer Nähe ist, dass wir aber sonst nicht sehen", sagt Regisseurin Nina Kusturica. Sie sieht das Thema ihres Films als von Negativschlagzeilen besetzt. In den Medien würde einseitig und verallgemeinernd über "die Ausländer" berichtet. Sie interessiere sich für die Menschengeschichten hinter der Thematik und entschloss sich, ihren Film über Jugendliche zu machen, "weil man in dem Alter das Talent hat, schwierige Probleme mit einer Art Humor und Leichtigkeit zu bewältigen".

Die 35-Jährige hat bei der Flucht vor dem Krieg in Bosnien eine ähnliche Situation erlebt. "Ich hab mich wie ein Alien gefühlt. Die Leute haben geschaut: 'Da ist ein Flüchtling!'- dabei ist man ein Mensch wie jeder andere." Diese Erfahrung habe sie lange in sich getragen, bis sie sie über die Leinwand weitertransportieren konnte. Da sie im Asylheim Traiskirchen nicht filmen durfte, wartete sie täglich im Ort auf die Jugendlichen.

Es sei absurd, dass "in einer Zeit, wo alle Grenzen in Europa fallen, hier an der Grenze zwischen Wien und Niederösterreich gestritten wird, wer zuständig ist", ergänzt Bock zum Thema Traiskirchen.

Asha, eine der Hauptakteurinnen, ist vom Film nicht begeistert, da er ihr hartes Leben zeige. "Aber ich glaube, dass die Menschen, die den Film sehen, ein bisschen besser verstehen werden, wie wir uns fühlen." Der Traum des 17-jährigen Mädchens aus Somalia ist es, die deutsche Sprache zu beherrschen und Lehrerin zu werden.

Ihr 19-jähriger Filmkollege Jawid aus Afghanistan und seine Freunde sahen die Teilnahme am Filmprojekt als Möglichkeit, "unsere Geschichte der Welt zu zeigen". Bei den Gesprächen nach den Schulvorstellungen tauche häufig die Frage auf, wie die Schüler ihm helfen könnten, was Jawid wundere. "Ich brauche keine Hilfe, kein Geld oder andere Sachen. Ich brauche nur eine Erlaubnis, eine Identität. Den Rest schaffe ich allein." (Nermin Ismail, Magdalena Legerer, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

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