Von Eisfällen und Kletterlatein

  • Eisturm-Opening:
Am 18. Dezember wird der Rabensteiner Eisturm eröffnet - die Profis
lassen sich dann noch etwas Zeit. Denn der internationale
Eiskletterwettkampf "Icefight", der die weltbesten Eiskletterer ins
Passeier lockt, findet erst am 30. und 31. Jänner 2010 statt. Im weiter
westlich gelegenen Rhein im Tauferer Ahrntal können Eiskletterer
übrigens unter professioneller Aufsicht üben - jeden Mittwoch ab 19 Uhr
und Samstag ab 13 Uhr. Kletterutensilien stehen leihweise zur
Verfügung. Dieses Angebot gilt von 30. Dezember bis - soweit es die
Temperaturen zulassen - Mitte März. Weitere Infos unter: www.eisklettern.it
    foto: eisturm rabenstein

    Eisturm-Opening:

    Am 18. Dezember wird der Rabensteiner Eisturm eröffnet - die Profis lassen sich dann noch etwas Zeit. Denn der internationale Eiskletterwettkampf "Icefight", der die weltbesten Eiskletterer ins Passeier lockt, findet erst am 30. und 31. Jänner 2010 statt. Im weiter westlich gelegenen Rhein im Tauferer Ahrntal können Eiskletterer übrigens unter professioneller Aufsicht üben - jeden Mittwoch ab 19 Uhr und Samstag ab 13 Uhr. Kletterutensilien stehen leihweise zur Verfügung. Dieses Angebot gilt von 30. Dezember bis - soweit es die Temperaturen zulassen - Mitte März. Weitere Infos unter: www.eisklettern.it

  • Sanftes Südtirol:
Leises Anpirschen an Südtirol - das geht auch in Schneeschuhen ganz
gut und ist Thema eines neu erschienen Handbuches. Autor Oswald Stimpfl
stellt mit "Die 40 schönsten Schneeschuhwander-Touren Südtirols" eben
diese vor - Kartenmaterial, Einkehrtipps und Besonderheiten am
Wegesrand inklusive. Erschienen im Folio Verlag. Weitere Informationen
zur sanften Südtirol-Annäherung - etwa Pferdeschlitten, Tourengehen,
Winterwandern oder Schlittschuhlaufen -, aber auch praktische Tipps zu
Anreise und Unterkunft findet man auf der offiziellen Website: www.suedtirol.info
    foto: eisturm rabenstein

    Sanftes Südtirol:

    Leises Anpirschen an Südtirol - das geht auch in Schneeschuhen ganz gut und ist Thema eines neu erschienen Handbuches. Autor Oswald Stimpfl stellt mit "Die 40 schönsten Schneeschuhwander-Touren Südtirols" eben diese vor - Kartenmaterial, Einkehrtipps und Besonderheiten am Wegesrand inklusive. Erschienen im Folio Verlag. Weitere Informationen zur sanften Südtirol-Annäherung - etwa Pferdeschlitten, Tourengehen, Winterwandern oder Schlittschuhlaufen -, aber auch praktische Tipps zu Anreise und Unterkunft findet man auf der offiziellen Website: www.suedtirol.info

Südtirol ist ein Eldorado für Eiskletterer mit künstlich errichteten Trainingstürmen und gefrorenen Wasserfällen in stillen Tälern

Noch sechs Meter sind es bis zum Designergipfel, und wenige Sekunden. Zack, hinein den Pickel ins blaue Eis. Schon ist der Mann dort angekommen. Was jetzt? Vielleicht auf der horizontalen Passage zum dicken Kletterturm hinüber? Oder doch noch einmal die spitze, schmale Nadel rauf, die wie ein verkehrt herum in den Schnee gerammter Eiszapfen vor Südtirols "echter" Bergkulisse in den Nebel sticht?

Ab Mitte Dezember taucht das blau schimmernde Eisgerät auf, und mit ihm die Frage nach dessen Begehbarkeit. Denn dann bietet der Rabensteiner Eisturm, eine der größten künstlichen Eiskletteranlagen Europas, einer Jahr für Jahr größer werdenden Fangemeinde diverse Optionen an. Unterschiedlichste Schwierigkeitsklassen finden sich hier, anhand derer Eiskletterer zeigen können, wer wirklich cool ist und wer nur so tut.

Dass die gesamte Anlage, von einiger Entfernung aus betrachtet, ein wenig an jene Kinderklettergerüste erinnert, an denen später erste Zigaretten und Küsse ausgetauscht werden, tut da nichts zur Sache. Denn im Prinzip ist es auch beim Rabensteiner Eisding so wie mit dem Zehnerturm im Schwimmbad: Er wächst im geschlossenen Raum zum Monster und sieht im offenen Gelände gleich viel harmloser aus. Außer man geht ganz an die Basis der Eisnadel heran, die das Herzstück der gesamten Anlage stellt: Fünfundzwanzig Meter ragt diese in die Höhe, für unbeschlagene Steigeisen-Probanden kein Lercherl.

Gut also, dass es zum Aufwärmen auch noch den vierzehn Meter hohen, dicken Eiszylinder gibt und die breite Gemütlichkeit einer niedrigen, langen Eiswand. Und im Idealfall ein wenig Tee mit Rum, den man unbedingt einpacken sollte. Als Aufwärmübung. Und weil man nie weiß, was einem unterwegs alles passieren wird, wenn man nördlich von Meran ins weiße Passeiertal rollt, immer höher hinauf, am malerisch gelegenen Moos und dem echt falschen Südtiroler Speck aus holländischen Schweinen vorbei zum gesperrten Timmelsjoch hin. Eisklettern - das wird dann vielleicht sogar das Auto müssen, schon gar an den steilen Serpentinen, die ins kleine Kaff Rabenstein hinunterführen.

Meterlange Zapfen schimmern unterwegs an den steilen Felswänden - eine Outdoor-Orgel, durch die der Gebirgswind pfeift. Tief verschneit sind jetzt auch die Wege zum historischen Highlight der Gegend, Europas einst höchstgelegenem Bergwerk am Hinterpasseier Schneeberg. Bis zu tausend Knappen schürften hier Blei und Zink, hatten ein eigenes Dorf errichtet, das sich im Sommer als Schaubergwerk plus Freilichtmuseum präsentiert.

Rabensteins Eisturm, der neben Amateuren auch die besten Eiskletterer der Welt anlockt, darunter auch all jene "Cascatisti", die sich hier untereinander den italienischen Eiskletter-Landesmeister ausmachen, ist keineswegs die einzige derartige Anlage Südtirols. Ähnliche Konstruktionen finden sich heute in Sulden, inmitten der Bergwelt des Ortlers, voll beleuchtet für Nachtaktive in Lüsen östlich von Brixen, aber auch in Weißenbach im Ahrntal sowie eine eher kleinere, für den lokalen Hausgebrauch gedachte, in Tarsch. Diese Häufung an "Trainingsgeräten" ist freilich kein Zufall. Die eiskalte Facette des Modesports Klettern, der zuletzt im urbanen Raum Kletterhallen und Indoor-Steilwände boomen ließ, kommt vor Südtirols grandioser Naturkulisse besonders gut an. Die gleichmäßig übers Land verteilten Eistürme sind da bloß ein erster Vorgeschmack. Lieber serviert sich die Eiskletter-Gemeinde Südtirol on the rocks. Und zwar mit gefrorenen Wasserfällen als Hauptingredienz.

Plaudert man ein wenig mit den Freaks, die sich an Orten wie Rabenstein technische Kniffe abschauen, machen denn auch ganz andere Argumente Lust auf die Extraportion Urlaubs-Eis. Längere Fußmärsche durch verschneite Winterlandschaften rücken da in den Vordergrund. Und die Stille einer Landschaft, auf der sich Südtirols Wintersonne reflektiert: das Martelltal mit den gigantischen Kuanzen-Tschater-Fällen gleich hinter der alten Staumauer. Das Schnalstaler Altratheis. Der mächtige Imst-Wasserfall im Passeiertal - vereiste Katarakte, die innerhalb der Eiskletter-Community für Kniefälle sorgen. Und nicht zu vergessen: die Fälle des Tristenbachs bei Rhein in Taufers. Sie haben sich vom Geheimtipp zum ersten Südtiroler Eiskletter-Eldorado entwickelt, ergänzt durch zahlreiche Eistouren in tief verschneiten Tälern und Gletschern in allen Schwierigkeitsgraden - und bescheren dem Dorf Rhein einen weiteren künstlichen Eisturm.

Das Fachsimpeln lassen wir an dieser Stelle lieber aus. Es betrifft Steigeisen und Dinge wie die Grivel 360°, eine Eisschraube mit integrierter Kurbel. Und es betrifft natürlich den Klassiker Eispickel, der sich im mexikanischen Exil vielleicht als Trotzki-Mordwaffe geoutet, im Südtirolerischen aber längst den üblichen Hightech-Metamorphosen der Outdoor-Industrie unterworfen hat. Wer ergonomisch verbogene Carbonschaftgeräte wie ein "Grivel Quantum Tech" einfach Eisbeil nennt, beweist sich am Fuße zugefrorener Wasserfälle ohnehin als Banause. Und überhaupt - was soll das heißen: zugefrorene Wasserfälle? Im glazio-korrekten Eiskletterer-Jargon spricht man von: Eisfall.

Was Fräulein Smilla in Sachen Schnee spürt, das unterscheidet die Kletter-Gemeinde beim Eis. Das leicht brüchige Galerie-Eis und die losen Eiswürfel, die auf stark wasserführende Eisfälle verweisen. Sprödes Eis, das nach kalten Wetterperioden mit trockenem Wind besonders häufig anzutreffen und ebenso brüchig wie gefährlich zu beklettern ist. Die weißen "Blätter" des "blumigen Eises", das an steilen, stufigen Eisfällen auftaucht und leicht abbröckelt - all das wären die Heckenklescher, der Eisverschnitt, das Halbzeug auf dem Weg zum ersehnten wahren Bilderbuch-Eis: dem Ideal-Aggregat des blau leuchtenden, hart gefrorenen Outdoor-Gelato, das Eiskletterer erst zu richtig ins Schwärmen kommen lässt.

Doch wer sich, von Auskennern oder Einheimischen gut gebrieft, am Rande eines Alpinflüsschens einparkt, eine Stunde durch herrlich einsame Wälder und dann wieder offene verschneite Hänge wandert und dann, vielleicht in der eng eingeschnittenen, verschatteten Schlucht eines Nordhangs vor solchen schimmernden Säulen verharrt, der sieht den Fall Eisfall vielleicht noch einmal anders. Der Furtheisfall, einer der Klassiker im berühmten Tauferer Rhein, wäre ein Beispiel dafür: einfach zur Jausenstation Säge hinauf, per Holzbrücke über den Bach und dann eiskalt durch den Wald, bis er schließlich auftaucht - ein Vierer, wie es im Jargon der Schwierigkeitsgrad-Freaks heißt. Und für horizontal orientierte Wanderer: ein milchig blaues Stück Poesie, mit dem einem der winterliche Berg die ganz lange Zunge zeigt. (Robert Haidinger/DER STANDARD/Printausgabe/12.12.2009)

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