Camerons "Avatar" erobert die dritte Dimension neu

16. Dezember 2009, 09:07
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Reale Spielszenen wurden dabei mit aufwändigen computeranimierten Effekten nahtlos verschmolzen.

James Cameron ist ein geborener Bastler. Die Karriere des Regisseurs begann Ende der 70er-Jahre, als Cameron in seiner Garage für 20.000 Dollar einen zwölf Minuten langen Science-Fiction-Clip mit dem Titel "Xenogenesis" herstellte. Cameron hatte die Kampfroboter selbst aus Kunststoff, Metall und Leim zusammengesetzt. 30 Jahre später entwickelt er noch immer eigenhändig neue Spezialeffekte. Nur das Budget hat sich ein wenig erhöht. Sein neuer Film Avatar soll weit mehr als 250 Millionen Dollar (170,6 Mio. Euro) gekostet haben. Aber nach gut 15 Jahren Arbeit kann die Cameron-Crew nicht nur einen 160 Minuten langen Film vorweisen, sondern auch diverse Patente im Bereich Kameratechnik und 3-D-Darstellungssoftware.

Cameron hat Story und Konzept für Avatar - Aufbruch nach Pandora bereits 1995 erdacht, musste damals jedoch einsehen, dass vielleicht die Geschichte von den einsamen Übergangsriten unter edlen Wilden zeitlos sein mag (Karl May, Kevin Costner), die Vision eines lebensechten und nach Möglichkeit auch lebenden Dschungelplaneten mit der damals vorhandenen Technik aber nicht zu realisieren war.

"Virtuelle Kamera"

Erst 2005 begann die Produktion. Cameron entwickelte mit dem Kameraspezialisten Vincent Pace und Sony eine 3-D-Kamera, stattete die Schauspieler mit einem neuartigen Helmgerüst aus, an dem eine Infrarotkamera montiert war, die auch das kleinste Zucken und Blinken registrierte. Die Mimik-Daten dienten als Grundlage für die Animation der Na'vi, den drei Meter großen Katzenmenschen mit blauer Haut und langem Schwanz.

Gedreht wurden die Live-Action-Szenen von Avatar hauptsächlich in einem alten Flugzeughangar bei Los Angeles. Ein trauriges Setting. Aber immer, wenn Cameron bei den Dreharbeiten ein Gerät einschaltete, das mit Schaltern, Knöpfen und Monitor aussah wie eine Mischung aus Radarpistole und Videospiel-Controller, verwandelte sich die graue, leere Wirklichkeit in eine Science-Fiction-Welt. Auf dem Monitor sahen Cameron und seine "camera operators" nicht länger die alte Halle, sondern schwebende Berge und einen dichten Dschungel. Und anstelle der Schauspieler standen nun die blauen Na'vi im Raum.

1000 Terabytes Daten

Die fremde Welt von Pandora entstand nicht wie in der Filmbranche sonst üblich mehrere Monate nach Abschluss der eigentlichen Dreharbeiten am Computer, sondern war als 3-D-Raum auf den Monitoren und den Servern am Set präsent. Mit der "virtuellen Kamera", die Rob Legato extra für die Avatar-Produktion entwickelt hat, konnte Cameron auf dem Planeten umhergehen und den Raum mit seinen eigenen Augen aufnehmen. Pandora existiert nicht nur als Montage und Bildabfolge, sondern als 3-D-Datenmasse im Computer (mehr als 1000 Terabytes).

"Der ganze Raum war auf Modulbasis programmiert", erzählt Production-Designer Robert Stromberg, "wenn Jim einen Ast versetzen wollte, dann konnten wir das innerhalb von Minuten erledigen." Bislang habe der Regisseur seine Vision immer den Spezialisten erklären müssen, die die Kamerafahrten und computergenerierten Bilder dann animierten, sagt Legato, "kein Wunder, dass bei diesem Transfer oft etwas verlorenging".

Ausgestattet mit der virtuellen Kamera musste sich Cameron nicht mehr mit der Arbeit der Animatoren zufriedengeben, sondern konnte auch in den animierten Sequenzen Einstellung, Kamerabewegung und Mis en Scène kontrollieren und variieren. "Alles was auf Pandora passiert, geschieht in Echtzeit", erläutert Legato. Die Arbeit mit der virtuellen Kamera gibt dem Regisseur eine verloren geglaubte Flexibilität und Freiheit. "Jim (Cameron) konnte verschiedene Dinge ausprobieren, oder auch mal einen Fehler machen, der auf der Leinwand aber fantastisch aussah", sagt Legato, "es war fast wie auf einem traditionellen Film-Set."

Dinosaurier bis Raumstationen

Die neue Technologie ermöglichte bei Avatar das Filmemachen der alten Schule. Cameron hat das Geschichtsbuch der Spezialeffekte entscheidend geprägt. Der computergenerierte Quecksilber-Killer T-1000 aus Terminator 2, diese Ansammlung aus toxisch-liquidem Metall, gilt als Startschuss für den digitalen Rüstungswettlauf der Blockbuster-Produktionen, in dem sich die Filmstudios darin übertrafen, das Unmögliche sichtbar zu machen: Dinosaurier, Naturkatastrophen, Raumstationen oder ein sinkendes Schiff.

Avatar könnte nun der Film sein, der den Spezialeffekt abschafft - zumindest in dem Sinne als besonders bemerkenswerter Moment. Denn hier sind Schauspielerei, physische Kameraarbeit und digitale Additive bruchlos in einen hybriden Bilderstrom integriert. Avatar schert sich nicht mehr um die Unterscheidung in fotografische und computergenerierte Bilder.

Und wirklich, wer könnte schon behaupten, die Kamerafahrten und Actionszenen im Dschungel von Pandora seien "virtuell", also künstlich, falsch, trügerisch? Wenn die Arbeit der Schauspieler und die Vision des Regisseurs in Echtzeit mit den Beiträgen des Computers verschmilzt und unter den glitzernden Oberflächen immer spürbar bleibt, dann verliert der Vorwurf des Verlusts von Weltgehalt und Unmittelbarkeit, der die Digitalisierung in den letzten Jahren begleitet hat, an Kraft und Zwangsläufigkeit. Der Tanz mit dem Computer, das merkt ein jeder im Alltag zwischen Schreibtisch und Desktop, ist schließlich allzu real. (Tobias Moorstedt aus Los Angeles/ DER STANDARD Printausgabe, 16. Dezember 2009)

 

  • James Cameron will nach "Titanic" wieder einmal Filmgeschichte schreiben. Dieses Mal mit von ihm mitentwickelter 3-D-Technik.
    foto: centfox

    James Cameron will nach "Titanic" wieder einmal Filmgeschichte schreiben. Dieses Mal mit von ihm mitentwickelter 3-D-Technik.

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