Taliban sollen Sturm auf Lager geplant haben

16. Dezember 2009, 10:16
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U-Ausschuss des deutschen Bundestags tritt heute erstmals zusammen

Berlin - Der Untersuchungsausschuss, der die Vorgänge rund um den Luftangriff bei Kunduz in Afghanistan klären soll, tritt heute erstmals in Deutschland zusammen. SPD, Grüne und Linke wollen dabei vor allem die Informationspannen rund um das Bombardement am 4. September aufdecken. 

Als einer der ersten Zeugen ist der Verteidigungsminister Karl-Theodor Guttenberg (CSU) geladen. Die Opposition will auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) befragen. Im Bundestag findet heute Nachmittag zudem eine Aktuelle Stunde zu Kunduz statt, in der auch Guttenberg sprechen wird.

Taliban sollen Sturm auf deutsches Lager geplant haben

Der deutsche Oberst Georg Klein soll den umstrittenen Luftschlag in Kunduz unter dem Eindruck von Geheimdienstinformationen über Pläne der Taliban zur Erstürmung des Bundeswehrfeldlagers befohlen haben. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur dpa in Berlin haben der deutsche Geheimdienst BND und die Armee-Eliteeinheit KSK in den Wochen vor dem Luftangriff in Nordafghanistan einen Drei-Stufen-Plan der Taliban aufgedeckt. Die Recherchen sollen in der deutschen Bundesregierung bekannt gewesen sein.

Damit nimmt die Kunduz-Affäre, die bereits Ex-Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, seinen Staatssekretär Peter Wichert sowie Armeechef Wolfgang Schneiderhan ihre Ämter gekostet hat, eine neue Wendung. In den vergangenen Tagen war Jungs Nachfolger als Verteidigungsminister, Karl-Theodor zu Guttenberg, immer mehr unter Druck gekommen, nachdem jüngste Informationen den Eindruck entstehen ließen, beim Luftangriff ging es nicht um die Abwehr eines unmittelbar drohenden Anschlags auf das deutsche Armeelager, sondern um eine gezielte Tötung von Taliban-Führern.

Nach den Informationen ging Klein davon aus, dass die Taliban am Abend des 3. September ihren Plan mit der Entführung der Tanklastwagen in die Tat umsetzen wollten. Nach Mitternacht am 4. September gab er den Befehl zum Luftangriff. Bis zu 142 Menschen starben oder wurden verletzt, darunter viele Zivilisten. Bei der Anweisung von US-Kampfjets zur Bombardierung soll Klein gegen Regeln der internationalen Schutztruppe ISAF verstoßen haben. So soll er wahrheitswidrig angegeben haben, dass eigene Truppen Feindberührung hätten. Deutsche Soldaten waren aber nicht in der Nähe.

Nach den Geheimdienstinformationen hätten die Aufständischen mit Tanklastwagen den ersten Ring des Feldlagers sprengen wollen. Danach hätten Selbstmordattentäter in Kleinwagen den zweiten Ring brechen sollen. Im dritten Schritt hätten viele Dutzend bewaffnete Kämpfer dann in das Feldlager eindringen sollen. Mit dem Angriff hätten die Taliban eine spektakuläre Wirkung wie mit der Erstürmung eines Gefängnisses 2008 in Südafghanistan erzielen wollen. BND und KSK hätten die Rekrutierung von Selbstmordattentätern in der Region und Bewegungen größerer Gruppen bewaffneter Taliban beobachtet.

Mit der Kaperung der dann in einem Flussbett steckengebliebenen Tanklaster und Informationen, dass dort vier führende Taliban seien, habe Klein den Angriffsplan erfüllt gesehen. Für die Bundeswehr habe sich die Frage gestellt, wie der Plan vereitelt werden könne, wenn die Tanklaster wieder fahrbereit gemacht und in das nächste Dorf gelenkt worden wären. Eine Bombardierung in einem Dorf sei ausgeschlossen worden. Klein habe außerdem berücksichtigen müssen, dass ein Teil seiner Soldaten in anderen Gefechten und das Feldlager dadurch verwundbarer gewesen sei.

In der Bundeswehr heißt es, "militärisch-taktisch sei der Angriff ein Erfolg, strategisch aber ein Desaster". Der Afghanistan-Einsatz habe durch die hohe Zahl der Toten national und international Schaden genommen und belaste darüber hinaus das Verhältnis von Deutschland zu Bündnispartnern. Im Nachhinein sei eindeutig, dass Klein den Angriffsbefehl in dieser Abwägung nicht hätte geben dürfen. Die Geheimdienstinformationen über den Drei-Stufen-Plan sollten angeblich zum Schutz der Aufklärungsarbeit von BND und KSK nicht an die Öffentlichkeit gelangen. (APA/red)

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