Heilende Kälte in stolpernden Herzen

15. Dezember 2009, 19:53
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Das Tiroler Start-up-Unternehmen Afreeze entwickelt neue Werkzeuge zur Behandlung von Vorhofflimmern

Die Kryo-Katheterablation, die Herzgewebe vereist, soll demnächst in die klinische Studienphase gehen.

Der Herzmuskel ist mächtig: Rund drei Milliarden Mal schlägt er im Laufe eines durchschnittlich 80-jährigen Lebens. Mit zunehmendem Alter können jedoch Störfaktoren das Herz aus dem Takt bringen, Vorhofflimmern kann eine Folge sein. In Österreich sind davon zirka 100.000 Patienten betroffen, rund vier Prozent der über 60-Jährigen und acht Prozent der über 80-Jährigen leiden unter Herzrasen, Atemnot, Erschöpfung oder Benommenheit. Die anfangs gelegentlichen Episoden können chronisch werden, und wer nichts unternimmt, riskiert andauernde Herzschwäche oder einen Schlaganfall – beides gilt es im Sinne der Lebensqualität unbedingt zu vermeiden.

"Das Verständnis von Vorhofflimmern hat sich in den vergangenen Jahren grundlegend verändert – eine genaue Abklärung, um welche Form von Vorhofflimmern es sich handelt, ist für die Therapie ausschlaggebend", sagt Kardiologe Florian Hintringer, der zusammen mit dem Medizintechniker Gerald Fischer 2005 das Unternehmen Afreeze im Technologie- und Wirtschaftspark Innsbruck gegründet hat. Die beiden arbeiten, in der Frühphase vom AplusB-Zentrum Cast und von der Förderbank Austria Wirtschaftsservice gefördert, an neuen Methoden der sogenannten Katheterablation – dabei führen Kardiologen über die Leistenvene ein Gerät ins Herz ein und veröden jene Muskelfasern, die für die Fehlzündungen im Herzen und damit für die Rhythmusstörungen verantwortlich sind.

Minimalinvasiv

"Eine Katheterablation als Therapie ist für Patienten mit Vorhofflimmern nicht die erste Wahl, aber wenn Medikamente keine Besserung bringen und Vorhofflimmern die Grunderkrankung ist, dann ist es eine Option", erklärt Hintringer.

Die große Herausforderung bei Katheterablationen ist es, über die Leistenvene überall dorthin im Herz zu gelangen, wo die Auslöser der Erkrankung sitzen, um sie zu veröden. "Dann bildet sich Narbengewebe, das die Fehlzündung stoppt", sagt Hintringer. Sofern die Störquelle in der Nähe der Pulmonalvenen im Herzen sitzt, lässt sie sich mit den bestehenden Verfahren, die mit Strom arbeiten, gut erreichen. Schwierig sind jene Stellen, die überall sonst im Vorhof des Herzens Auslöser für Rhythmusstörungen sind. "Das Werkzeug, mit dem wir im linken Vorhof überall hin gelangen können, haben wir", sagt Gerald Fischer, der für den medizintechnischen Teil bei Afreeze verantwortlich ist. Der doppelläufige Katheder wird über die Leistenvene gestreckt ins Herz eingeführt und öffnet sich im Vorhof zu einer Schlaufe, die an den Lungenvenen fixiert und ins Gewebe gepresst wird.

Das Veröden erfolgt dann aber nicht wie bislang bei Katheterablation üblich mit hochfrequentem Wechselstrom oder Laser, sondern mit Kälte. "Muskelfasern des Herzens werden schockgefroren, nach zwei Wochen haben sich Narben gebildet, und die Auslöser für die Rhythmusstörung sind damit behoben", erklärt Fischer. Vorbild dieser Methode ist die chirurgische Maze-Operationstechnik, die in den 1980er-Jahren in den USA entwickelt wurde. Durch Narbengewebe wird im Herzen eine Art Irrgarten für elektrische Störquellen geschaffen, der falsche Impulse stoppt. Bei der Maze-Operation handelt es sich aber um eine riskante Herzoperation, bei der der Brustkorb des Patienten vollständig geöffnet wird. Hintringer und Fischer wollen dasselbe Prinzip mit dem Kryo-Katheter in minimalinvasiver Methode imitieren. Die Operateure verfolgen am Bildschirm, wie ihre Werkzeuge ins Herz eingeführt werden, und setzen ebenfalls von dort ihre Aktionen. "Eine kontinuierliche Kühlleistung über den Katheter ins Herz zu bringen war die zweite große Hürde, die wir jetzt gemeistert haben", sagt Fischer.

Entwicklungsfahrplan

Derzeit wird die Kryoablation im Tierversuch am Schwein getestet. "Wir wissen, es funktioniert, allerdings investieren wir viel Zeit in sicherheitstechnische Fragen", so Fischer. Er hofft, dass bis Frühjahr die entsprechenden Sicherheitszertifikate fertig sind, um das Verfahren in die klinische Studienphase am Menschen zu bringen. Die klinischen Studien sind für jede medizinische Neuentwicklung die finanzintensivste Phase, auch Afreeze sucht noch Investoren, die diesen Prozess begleiten. Läuft alles nach Plan, könnte die Kryoablation als Studie im Sommer 2010 bei der Ethikkommission eingereicht werden. Mit Ende 2010 könnte dann auch die klinische Prüfungsphase, in die 200 bis 300 ausgewählte Patienten eingeschlossen werden, beginnen. "Im besten Fall könnte ab der zweiten Jahreshälfte 2011 das neue Verfahren in spezialisierten Herzzentren angewendet werden", ist Fischer zuversichtlich.

Geplante Indikationen für die in Tirol entwickelte Methode: Vorhofflimmern als Grunderkrankung, das nicht nur von Pulmonalvenen ausgeht und nicht die Folge einer anderen Herzerkrankung ist. Die Vorteile der minimalinvasiven Methode liegen auf der Hand. Erstens: Die Operationsmethode ist schonend und kann ohne Narkose durchgeführt werden – ein Faktum, das vor allem bei älteren Patienten ausschlaggebend ist. Zweitens: Der Eingriff ist einmalig, bei herkömmlicher Katheterablation liegt die Erfolgsquote bei 85 Prozent. Und drittens: Folgenschwere und kostenintensive Erkrankungen wie etwa Schlaganfälle können langfristig verhindert werden. (Karin Pollack/DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

  • Diagnose per Elektrokardiogramm (unten): Unregelmäßige Zacken zeigen Vorhofflimmern an. Links: Afreeze-Werkzeug für Kryo-Katheterablation.
    foto: www.afreeze.com

    Diagnose per Elektrokardiogramm (unten): Unregelmäßige Zacken zeigen Vorhofflimmern an. Links: Afreeze-Werkzeug für Kryo-Katheterablation.

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    foto: krankenhausblogger
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