"Das Thema ist größer als das Elektroauto"

15. Dezember 2009, 19:33
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Franz Pirker leitet das Mobility Department am Austrian Institute of Technology (AIT) - Im Gespräch mit Markus Böhm erzählte er, wie er sich die Zukunft der Mobilität vorstellt

STANDARD: Wie werden sich Rohstoffknappheit und Klimawandel auf die Mobilität auswirken?

Pirker: Das sind längst nicht alle Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen. Hinzu kommen Phänomene wie Urbanisierung, Zersiedelung oder die alternde Gesellschaft. Daraus ergeben sich die Anforderungen: Die Mobilität der Zukunft muss effizient, sicher und umweltverträglich sein.

STANDARD: Wie soll das gehen?

Pirker: Man kauft sich ein Ticket von A nach B und bucht die nötigen Verkehrsmittel gleich mit. Der kostengünstigste oder effektivste Anbieter bekommt schließlich den Zuschlag. Mit dem Fahrschein kaufen Sie sozusagen ein All-inclusive-Paket.

STANDARD: Wie kann ein solches System aussehen?

Pirker: Ganz unterschiedlich. Vom Fahrrad über öffentliche Verkehrsmittel und den motorisierten Individualverkehr kann darin alles vertreten sein. Schließlich geht's darum, unter den genannten Anforderungen Mobilitätsdienstleistungen anbieten zu können. Die Wahl des Verkehrsmittels soll nebensächlich werden.

STANDARD: Sie meinen ein Konzept, in dem alle Transportsysteme berücksichtigt werden?

Pirker: Es ist ein sogenanntes "comodales System", in dem sämtliche Verkehrsmodi - vom Fußgänger bis zu den Öffis - eingebunden sind. Die Optimierung steht im Vordergrund. Wenn's also mit dem Auto schneller und effizienter geht, dann nimmt man das Auto.

STANDARD: ... das dann aber wenigstens mit Strom fahren sollte.

Pirker: Elektromobilität beschränkt sich nicht nur auf das rein batteriebetriebene Auto. Dazu gehören auch alle möglichen Arten der Hybridisierung - vom Mikro-Hybrid mit Start-Stopp-Funktion über das E-Fahrzeug mit Range-Extender, also E-Motor plus Verbrennungsmotor bis hin zum Batterieauto. Es wird schließlich eine Vielzahl von unterschiedlichen Typen geben, die einen Elektromotor haben.

STANDARD: Was bedeutet das für Ihre Forschungsarbeit?

Pirker: Wir müssen uns mit den drei Basiselementen beschäftigen, nämlich der Infrastruktur, dem Fahrzeug und dem Transportsystem. Es genügt nicht, nur das Fahrzeug zu betrachten, sondern man muss schauen, wie man dieses in ein umfassendes Mobilitätskonzept einbinden kann. Dazu gehört auch die Frage, wie der Einzelne dieses dann nutzen kann.

STANDARD: Welches Antriebssystem wird sich durchsetzen?

Pirker: Jede Technologie wird ihren Platz in einem "co-modalen System" finden.

STANDARD: Es wird demnach immer auch ein Dieselfahrzeug geben ...

Pirker: ... und auch einen Benziner. Japan etwa setzt auf Brennstoffzellen. Das Gegeneinanderausspielen bringt nichts. Wir setzen eben auf eine andere Schiene. Andere Technologien brauchen genauso Forschung und Entwicklung. Es wäre nicht zielführend, diese Linien zu vernachlässigen. Das Thema ist größer als das Elektrofahrzeug.

STANDARD: Manche Hersteller argumentieren, dass zunächst eine Infrastruktur da sein müsse, bevor sie E-Autos produzieren könnten. Die Energieversorger wiederum warten auf ein massentaugliches Elektrovehikel. Wie stehen Sie zu diesem "Henne-Ei-Problem"?

Pirker: Ich sehe das ein bisschen entspannter, weil mittlerweile schon einige regionale Demoprojekte laufen, wo Hersteller, Energieversorger und Verkehrsbetriebe kooperieren. Kritischer sind die dahintersteckenden Businessmodelle: Wer verdient mit der Infrastruktur, wem gehört sie? Das muss in Demoregionen durchgespielt werden.

STANDARD: Auch das AIT ist in eine einschlägige Initiative eingebunden: Austrian Mobile Power. Welche Ziele verfolgt diese Plattform?

Pirker: Die Elektromobilität möglichst rasch in Österreich einzuführen. Dazu kooperieren Unternehmen aus der Energiewirtschaft, Industrie und Forschung. Das ist schließlich ein Riesenthema für die Autozulieferer.

STANDARD: Weil sie sich gegen Japan behaupten müssen?

Pirker: Toyota hat mit dem Prius seit neun Jahren einen Feldtest laufen, wenn man so will. Und fast jede Woche werden neue Joint Ventures zwischen diversen Autoherstellern angekündigt.

STANDARD: Kann Ihr Department davon profitieren?

Pirker: Es gibt zahlreiche Studien, die besagen, dass nur jene Hersteller und Zulieferer überleben werden, die nach der Krise Innovationen anbieten können. Was sich positiv auf die Auftragslage für Forschung und Entwicklung auswirkt. Wir haben quer über Europa zahlreiche Projekte laufen. Der Fokus liegt zurzeit vor allem auf der Batterie. Zum Beispiel forschen wir an neuen Kathoden-Materialien für Lithium-Ionen-Batterien, wo es darum geht, die Lebensdauer zu erhöhen. Aber auch die Hybridisierung von Nutzfahrzeugen ist ein Thema.

STANDARD: Inwiefern?

Pirker: Der Nutzfahrzeugsektor ist zwar nur eine Nische, aber nicht zu unterschätzen. Jede Verbesserung der Effizienz wirkt sich auf die Laufleistung aus.

STANDARD: Wer sollte mit gutem Beispiel vorangehen?

Pirker: In Österreich gibt es einige Kommunen, die bereits sehr aktiv sind. In der Modellregion Vorarlberg sind seit heuer rund 30 Elektroautos unterwegs.

STANDARD: Interessant, weil gerade Vorarlberg als "zersiedelt" gilt?

Pirker: Zersiedelung ist ein Thema, über das man im Rahmen einer zukünftigen Mobilität auch nachdenken muss. Etwa wie man das Zweitauto ersetzen könnte, das auf dem Land gebraucht, aber meist nur für die Fahrt zum Einkaufen benutzt wird. Auf dem Land ist es mitunter einfacher, Elektrotankstellen zu installieren als in der Stadt. Es gibt Supermärkte, die bereits über ein entsprechendes Modell nachdenken. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

 

Zur Person
Franz Pirker (41) ist seit Jänner 2009 Head des Mobility-Departments. Davor leitete der studierte Elektrotechniker das Geschäftsfeld für elektrische Antriebe bei arsenal research. Privat fährt er einen BMW mit Start-Stopp-Funktion.

  • Mobilitätsdienstleistungen sollten im Vordergrund stehen, nicht die Wahl des Fahrzeuges, meint Franz Pirker und wirft einen Blick durch die beschriftete Glastüre seines Büros.
    foto: rené van bakel

    Mobilitätsdienstleistungen sollten im Vordergrund stehen, nicht die Wahl des Fahrzeuges, meint Franz Pirker und wirft einen Blick durch die beschriftete Glastüre seines Büros.

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