"Konferenzleiterin will Kioto killen"

15. Dezember 2009, 19:07
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Die kenianische Klimawandel-Expertin Grace Akumu übt im STANDARD-Interview scharfe Kritik an Connie Hedegaard, der Vorsitzenden des Klimagipfels

Im Gespräch mit Julia Raabe besteht sie auf einer Neuauflage des Kioto-Protokolls und erwartet von den USA weitreichende Zusagen.

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Standard: Die dänische Konferenzleiterin Connie Hedegaard ist von einigen Entwicklungsländern stark kritisiert worden. Finden Sie, dass sie hier gute Arbeit leistet?

Akumu: Hedegaard hat die Anliegen der G-77 und China einschließlich Afrika nicht in Betracht gezogen, sondern nur ihre eigene Agenda verfolgt. Sie darf nicht Partei ergreifen. Sie muss neutral sein und im Interesse aller arbeiten, nicht nur für die Annex-I-Staaten (Industriestaaten des Kioto-Protokolls, Anm.). Sie will Kioto killen.

Standard: Was heißt das?

Akumu: Wir wollen vor allem eine Aktualisierung des Kioto-Protokolls. Das ist überlebenswichtig für Afrika.

Standard: Also Kioto fortführen?

Akumu:Ja. Die Annex-I-Länder müssen sich auf ehrgeizige Emissionsziele verpflichten. Wir sterben in Afrika! Wir haben nicht genug Nahrungsmittel, die Tiere gehen ein - und wir haben keine so reiche Wirtschaft. Also wie sollen wir uns dem Klimawandel anpassen? Hedegaard hat alle unsere Anliegen missachtet. Wir haben ihr gesagt, dass sie uns nicht dazu benutzen kann, dieses Treffen scheitern zu lassen. Sie sorgt selbst dafür. Jetzt gibt es informelle Arbeitsgruppen. Aber sie hat so viel Zeit verschwendet.

Standard: Könnten Sie einem Abkommen zustimmen, ohne dass Kioto weitergeführt wird?

Akumu: Warum sollten wir? Wir wollen ein Kioto für eine zweite Verpflichtungsperiode.

Standard: Sind die Entwicklungsländer unter der Bedingung bereit, einem globalen Abkommen zuzustimmen?

Akumu: Derzeit nicht. Gemessen an der Bevölkerung, sind die Annex-I-Staaten klein - aber für 75 Prozent der Emissionen verantwortlich. China und Indien haben eine große Bevölkerung, aber vergleichsweise geringe Emissionen. Wir müssen uns damit befassen, was jetzt ist. Das ist ein Zusatz für die Annex-I-Staaten - nicht für zukünftige Emitter. Wir sind nicht zum Spaß hier. Wir können nicht akzeptieren, dass die Industriestaaten nur ihr ökonomisches Interesse in China oder Indien sehen.

Standard: Die EU hat 7,2 Milliarden Euro für eine erste Finanzierung angeboten, es gibt weitere Vorschläge. Können Sie damit leben?

Akumu: Das war in Brüssel - hier ist es nicht verkündet worden. Darauf warten wir. Und wir hoffen, dass die USA als größte Emitter mehr Geld geben. Sie sollten der EU nicht die ganze Last überlassen. Wir hoffen, dass US-Präsident Obama am Freitag gute Zahlen zur Senkung der Emissionen mitbringt. Bisher sind es vier Prozent bis 2020 in Bezug auf 1990 - lächerlich. Wir erwarten auch, dass Obama eine große Summe Entschädigungen ankündigt - für Afrika. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

  • Zur PersonGrace Akumu ist Chefin des Climate Network Africa, berät Kenias Regierung in Klimafragen und hat an den Berichten des Weltklimarats mitgearbeitet.
    foto: standard/raabe

    Zur Person
    Grace Akumu ist Chefin des Climate Network Africa, berät Kenias Regierung in Klimafragen und hat an den Berichten des Weltklimarats mitgearbeitet.

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