ESGUV oder Die neue österreichische Staatsidee

15. Dezember 2009 18:45

Es ist so, dass die Formel bei manchen Akteuren des öffentlichen Lebens quasi schon zum Teil des Namens geworden ist

Vor einiger Zeit machte ich den Vorschlag, den Artikel 1 der Bundesverfassung ("Österreich ist eine demokratische Republik. Ihr Recht geht vom Volk aus") wie folgt abzuändern: "Österreich ist eine populistische Republik. Ihr Recht geht von der Krone aus."

Das hat sich aber als ergänzungsbedürftig erwiesen. Ein Staat braucht ja nicht nur eine Verfassung, sondern er hat meistens auch eine Staatsidee: Wofür es ihn überhaupt gibt und was er in der Welt darstellen und bewirken soll.

Die neue Staatsidee lautet: "Es gilt die Unschuldsvermutung". Dieser Begriff muss in der letzten Zeit geradezu reflexhaft verwendet werden, wenn es um die politisch-wirtschaftliche Grundstruktur unseres Landes geht. Ja, es ist so, dass diese Formel bei manchen Akteuren des öffentlichen Lebens quasi schon zum Teil des Namens geworden ist: Karl-Heinz "Es gilt die Unschuldsvermutung" Grasser. Oder Walter "ESGUV" Meischberger. Oder Gerhard "ESGUV" Dörfler.

Oder aber der Begriff muss auf ganze Verfassungsentitäten angewandt werden, wie etwa "Bundesland ESGUV Kärnten". Politik, Justiz, staatsnahe Wirtschaft: ESGUV.

Aber wie steht es mit großen Teilen der Bevölkerung? Jenem Teil, der unverdrossen rechten Hetzern und Scharlatanen nachläuft, obwohl man eigentlich aus Schaden klug werden könnte. Bis zu dreißig Prozent haben den extrem rechten Jörg Haider gewählt. Jetzt, nachdem klar wird, dass er dort , wo er wirklich etwas zu bestimmen hatte, nämlich in Kärnten, einen furchtbaren finanziellen Sauhaufen angerichtet hat; jetzt, nachdem er sich durch betrunkene Autoraserei umgebracht hat; nach dieser Entzauberung eines Krawallpopulisten - jetzt rennen schon wieder fast 30 Prozent der Billigausgabe von Haider nach, vor allem die Jungen.

Ist ein beträchtlicher Teil der Leute politisch nicht lernfähig? Es gilt die Unschuldsvermutung.

War das immer schon so oder sind wir in den letzten Jahren doch in eine ziemlich bedrohliche Mischung hineingerutscht? Missachtung des Rechtsstaates, zynischer und hinterfotziger Ausnutzung von weitverbreiteten Ressentiments, bei gleichzeitiger Feigheit vor dem Volk und vor Medien, die angeblich das Volk vertreten, und bei weitgehender Aufgabe von Gestaltungskraft?

Hier gilt wohl keine Unschuldsvermutung. Die Liste der früheren Korruptionsfälle ist lang - von AKH über Lucona bis Noricum. Und bei Lucona (ein versuchter Versicherungsbetrug des politisch-gesellschaftlich bestens vernetzten Scharlatans Udo Proksch) gab es sogar sechs Tote. Und in all diesen Fällen spielte die Justiz zumindest anfangs eine jämmerliche Rolle als Büttel der herrschenden Mächte. Soweit also nichts Neues.

In eine neue Kategorie fällt allerdings das Ausmaß des Schadens. Lucona oder AKH bedrohten nicht die wirtschaftliche Substanz des Landes, der bei der Kärnten Hypo gerade noch vermiedene Bankendominoeffekt sehr wohl. Und die jetzt vorhandene Politikergarde ist gerade noch imstande zu teuren Notverstaatlichungen, offenkundig aber nicht zu Reformen der verrotteten, verlotterten, kriminell verantwortungslosen Hintergrundstrukturen. (Hans Rauscher, DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

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flieger1961
20.12.2009 10:36
Man kann es auch so sehen:

Die Demokratie ist ein dem österreichischen Wesen fremdes, von außen aufgezwungenes System.

Wann hat es in diesem Land Demokratie gegeben?

1918-1934 - also nach der Niederlage im I Weltkrieg - und von 1945 bis heute.

In beiden Fällen kann man davon sprechen, daß das Nachkriegssystem von den jeweiligen Siegern (beide Male den "Westallierten) aufgezwungen wurde.

In diesem Sinne seien wir dankbar, daß sich das demokratische System diesmal so lange gehalten hat und packen wir langsam die Koffer (bis uns die Koffer packen, he he).

P.S.: Über den Demokratiegrad 1867-1918 läßt sich streiten.

flieger1961
20.12.2009 10:43
Pardon, sollte heissen

BEVOR uns die Koffer packen.

Heinz Anderle
 
17.12.2009 21:39
Nachdem über allzuvielen Köpfen aus Politik und Wirtschaft...

... die Unschuldsvermutung schon verdächtig tief kreist, ist mir - als Verfechter des humanen Strafvollzuges mit dem Ziel der Resozialisierung zum nützlichen Mitglied der Gesellschaft - heute die Vision einer "Chain-Gang" gekommen.

Jodelnd, beim Reparieren des Pflasters der Glocknerstraße - mit vielen Schwarzen darunter, neben Roten, Orangen und Blauen.

Auch in der österreichischen Volksmusik gibt es den Wechsel zwischen Vorsänger und antwortender Gruppe.

Dr. Heinz Anderle, Freigeist

N. N.
17.12.2009 03:03
Rau gegen Rau, das ist Brutalität

"In letzter Zeit geradezu reflexhaft verwendet" ... Schön, wenn Journalisten soviel Distanz haben, dass sie sich zu sich selbst in ein beobachtendes Verhältnis setzen können.

Yes we try again
17.12.2009 00:17
In Österreich gilt immer noch die Schuldunfähigkeitsvermutung!

Herr Rauscher, lernen Sie aus Gschichterln!

slow motion
16.12.2009 17:49
Wenn die Wähler und - innen nur wählen können

zwischen problematischen Rechtspolitikern und problematischen Linkspolitikern, dann sind sie wegen des Fehlens eines besseren Angebots tatsächlich die einzigen Unschuldigen im politischen System Österreichs.

Der Jodler
16.12.2009 15:17
Auch rechtskräftig schuldig sein macht bei uns nix

Einer, der sowohl im Lucona als auch im Noricum Prozess rechtskräftig verurteilt wurde (und darauf hin aus allen politischen Ämtern zurücktreten musste) verhandelt bei uns in höchster Ebene die Pensionssteigerungen aus!!

No Na
16.12.2009 16:48
das kleinere Übel das könnens bei allem respekt und bei aller unglaublichkeit der "großen" parteien nicht ernst meinen

Cote 304
16.12.2009 12:34
Vielleicht

wenn wir endlich eine funktionierende Konkurrenzdemokratie hätten, würde sich die Qualität unserer Politiker auch bessern. Stattdessen treibt das Schiff Österreich orientierungslos von einer Flaute großkoalitionärer Kompromisspolitik zur nächsten (Diesmal wird aber wirklich alles anders, ha ha!). Dieses System gekoppelt mit dem warmen Kuschelbett der Sozialpartnerschaft, das die Bürger jegliche Verantwortung für ihr Leben abgenommen aber dafür gleichzeitig komplett entmündigt hat, ermöglicht es, dass sich selbst der größte Dackel keine Angst um seinen Posten machen muss. Herr Rauscher, sie fragen ernsthaft, warum die leute einen HC wählen? Vielleicht weil er inzwischen das kleinere Übel ist.

m_h
16.12.2009 12:04

Mangels natürlicher Rechtspersonlichkeit kann für Kärnten keine Unschuldsvermutung gelten.

Poldi Fesch
20.12.2009 23:12
interessantes

Problem, dennoch, ganz sicher ?

m_h
21.12.2009 20:11

Die Unschuldsvermutung gilt im Strafrecht. Während andere Delikte nur am Rande existieren, werden im Strafrecht grundsätzlich illegitime Aktionen gegen Eigentum und Personen behandelt. Solche können ausschließlich von Menschen - natürlichen Personen - begangen werden. Juristische Personen dafür zu belangen (einsperren, ultimativ: töten) ist nicht möglich.

Sicher bin ich mangels hinreichender Ius-Kenntnis jedoch nicht.

Poldi Fesch
21.12.2009 20:49
jedenfalls gibt

es Strafbestimmungen gegen jurist. Personen. Die sind aber so speziell, dasz der Ausschlusz der Unschuldsvermutung, vulgo Beweislastumkehr durchaus vorstellbar ist. Meine Frage war deshalb eher Neugierde, bin aktuell zu faul um zu suchen

1116er
16.12.2009 12:02
danken wir auch 2 ex-bundeskanzlern!

dem (politisch weitgehend unbedarften) vrantz dafür, dass er viel zu sehr darauf bedacht war, ein sir zu sein anstatt den hj politisch abzufotzen.
und dem wolfi, dass er, um seine machtgeilheit zu befriedigen, mit JEDEM ins bettchen gelegt hätte (und auch hat).

Karl-heinz Grill
16.12.2009 11:59
verkauft`s mei gwand!

i foar in (phaeton) in himmel.

1116er
16.12.2009 11:56
Aber wie steht es mit großen Teilen der Bevölkerung? Jenem Teil, der unverdrossen rechten Hetzern und Scharlatanen nachläuft...

ESGIDOV
es gilt die dodel-vermutung.

oder:
FAGDMIA
für an gratis-drink mach i alles.


oder:
WESFI
weil er so fesch ist.


oder doch in form eines kinderreims:
ich bin ein kind, ein deppertes.
in meinem hirn da scheppert es.

Radio Eriwan
16.12.2009 11:54
Wie wär's mit einer Generalformel:

ESGUV Proleten.

franz der freie
16.12.2009 11:16
lieber herr rauscher !

ich wage zu behaupten, der erfinder dieses ausdrucks sind sie selbst. die journaille ist zu einer belehrenden und verbissen mit appeasementpolitik kämpfenden verkommen. ja das gutmenschentum ( durch die journalisten zu einem schimpfwort verkommen ) sucht für die täter immer eine entschuldigung, die opfer werden gedemütigt und links liegen gelassen. sie tragen jetzt mit dem verlust ihrer glaubwürdigkeit die früchte ihres tuns. ja das archiv......

der innere neugebauer
16.12.2009 11:09

das scherzchen mit der verfassung is scho okay aber die wahrheit stellt sich vielmehr so dar: österreich ist eine demokratische republik. ihr recht geht vom volk. aus

Eleazar
16.12.2009 11:24

Österreich ist ein indoktriniertes visionsloses Dingsbums. Das Recht wird ...... (nachdenk) ...... geformt von den Interessen derjenigen welche Interessen haben.

Alles andere sieht man im ORF.

Eleazar
16.12.2009 10:06

Auf Grund von Bildungsmangel wirkt die Unschuld und ist keine Vermutung. Leider

Ausgeflippter Lodenfreak
16.12.2009 09:52

Haha ... Es gilt die Unschuldsvermutung ist aber gerade eine Lieblingsfloskel der politisch korrekten und des Standard. Ich erinnere nur an den Bawagprozess und die verteidigung von Elsner.

Absolut bekloppter Johnson
16.12.2009 11:08
Und?


Man ist so lange (gesetzlich) Unschuldig bis man verurteilt ist - auch wenn die Schuld offensichtlich ist

Ist ihnen das nicht recht? Wollen sie die ganzen Ganoven lieber eigenhändig auf der nächsten Laterne aufhängen?

Bertel Mann
 
16.12.2009 09:43
Die jetzt vorhandene Politikergarde und die jetzt gemachte Politik...

...ist nicht zuletzt das Ergebnis der Kampagnen einer Journaille, die jeden auch nur ansatzweisen Versuch, soziale Politik zu machen als gestrig ("die Sowjetunion gibt es nicht mehr") verunglimpft hat. Einer Journaille, die sich ohne nachzudenken oder zu differenzieren zum Propagandisten des unsäglichen: "Mehr Privat weniger Staat" gemacht hat. Einer Journaille, die Schüssel zujubelte, als dieser die Sozialpartnerschaft für obsolet erklärte.
Jetzt über die heutigen Zustände (auch die Erstarkung der FPÖ) zu räsonieren, ist Heuchelei.

sociovation
16.12.2009 13:14
Mein Wort dafür ist:

Weimarisierung - die Folgen sind bekannt...

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