Vom Südbahnhof ins Audimax

15. Dezember 2009, 18:38
27 Postings

Mit der Schließung des Südbahnhofs müssen auch die Obdachlosen weichen - Die Besetzer des Audimax fordern indessen eine Änderung des Wiener Sozialhilfegesetzes

Wien - "Gäste", so nennt Klaus Schwertner jene Obdachlosen, die bis zur Schließung des Südbahnhofs in der Servicestelle der Caritas betreut wurden. 30 bis 50 kamen am Tag, um zu essen, sich aufzuwärmen oder sich beraten zu lassen. Jetzt, da der Bahnhof geschlossen hat, müssen sie sich einen andern Platz suchen.

Schwenter rechnet damit, dass sie, genauso wie die ÖBB-Gäste, zum Bahnhof Meidling ausweichen werden. Auch dort gibt die Caritas in einer Suppenküche Mahlzeiten aus. Das sei allerdings nicht genug: "Es braucht dort ein Tagesbetreuungszentrum, wo die Leute essen können und beraten werden", meint er.

Auch im neuen Hauptbahnhof wird es eine Betreuung geben. "Wir wollen ein Sicherheitskonzept mit zwei Eckpunkten", erklärt Alexandra Kastner von der ÖBB. "Einerseits Polizeipräsenz und Sicherheitsdienste, andererseits ein Sozialkonzept." Dafür arbeiten die ÖBB eng mit den Mitarbeitern von "Sam" zusammen.

Das ist ein Projekt des Vereins Wiener Sozialprojekte und steht für "sozial sicher aktiv mobil". Derzeit betreuen Mitarbeiter Obdachlose im Bahnhof Praterstern, im Franz-Josefs-Bahnhof oder im Stadtpark. Im Südbahnhof waren sie bisher nicht im Einsatz.

Studenten für Obdachlose

Neben Bahnhöfen ist das besetzte Audimax momentan Zufluchtsort für Obdachlose. Etwa 20 schlafen dort, bis zu 50 kommen zum Essen, das die Studieren kochen und gratis verteilen. Gemeinsam mit Markus Reiter vom Neunerhaus, Heidi Scheiner vom Vinzibett und Olga Zechner vom Berufsverband der Sozialarbeiter forderten die Besetzer am Dienstag eine Änderung des Wiener Sozialgesetzes.

Dieses sieht derzeit Unterstützung nur für obdachlose österreichische Staatsbürger oder EU-Bürger, die hier arbeiten, vor - arbeitslose Menschen aus anderen EU-Ländern dürfen mit Stadtgeldern nicht versorgt werden. Etwa 300 Menschen sind davon betroffen.

"Das Gesetz folgt einer EU-Richtlinie", erklärt Eva Schantl-Wurz von der zuständigen MA 40. Es gelte in ganz Europa, nur so könne man Sozialtourismus verhindern.

Die Caritas plant derzeit eine zweite "Gruft", speziell für obdachlose Ausländer, mit 50 bis 100 Schlafplätzen. Mit der Stadt Wien wird gerade über die Finanzierung verhandelt, auch ein Standort wird noch gesucht.

Insgesamt gibt es in Wien etwa 4000 Plätze in betreuten Wohnungen, Heimen oder Notschlafstellen der Stadt oder von Vereinen wie der Caritas oder dem Vinzibett. Etwa 5000 Menschen nehmen sie in Anspruch. "Unser Ziel ist es, Menschen wieder ins selbstständige Wohnen zurückzuführen", erklärt Florian Winkler vom Fond Soziales Wien. "Es bringt nichts, wenn wir sie einfach in einen Container stecken." (Tobias Müller, DER STANDARD Printausgabe, 16.12.2009)

  • Etwa 20 Obdachlose schlafen derzeit im Audimax, bis zu 50 kommen zum Essen. Viele von ihnen sind Ausländer, die gesetzlich keinen Anspruch auf soziale Unterstützung haben.
    foto: standard/hendrich

    Etwa 20 Obdachlose schlafen derzeit im Audimax, bis zu 50 kommen zum Essen. Viele von ihnen sind Ausländer, die gesetzlich keinen Anspruch auf soziale Unterstützung haben.

Share if you care.