Tokio herzt China und brüskiert die USA

15. Dezember 2009 18:40

Das Hofamt war verstört: Japans Premier drückte eine Audienz des chinesischen Vizepräsidenten beim Kaiser durch

Yukio Hatoyama will die Beziehungen zu China aufwerten und den Abzug der US-Armee erreichen.

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Rechtsnationale Demonstranten vor Japans Kaiserpalast in Tokio haben am Dienstag bei einer Audienz des Tenno für den chinesischen Vizepräsidenten Xi Jinping für einen Eklat gesorgt. Während sich im Palast der Tenno mit Xi 20 Minuten unterhielt, lärmten vor den Mauern einige hundert selbsternannte fähnchenschwingende Kaisertreue. Sie witterten in dem eilig anberaumten Treffen einen Kniefall vor China.

Auslöser des Auflaufs war ein beispielloser Bruch der höfischen Etikette durch Japans neuen Premier Yukio Hatoyama. Der hatte erst vorige Woche das kaiserliche Hofamt mit der Anordnung brüskiert, kurzfristig die Audienz zu organisieren. Bis dahin hatten die Hofbeamten, die im Ruf stehen, weit konservativer als der Kaiser zu sein, der chinesischen Seite aus bürokratischen Gründen eine Absage erteilt. Peking hatte nicht, wie vom Hofamt als Mindestvorbereitungszeit gefordert, einen Monat, sondern nur 19 Tage vor dem Besuch ein Gesuch eingereicht.

Doch der Regierungschef bewies, dass er die im Wahlkampf versprochene Verbesserungen der Beziehungen mit China und die Arbeit an einer ostasiatischen Gemeinschaft für wichtiger hält als höfisches Protokoll. Xi, der als Favorit für die Nachfolge von Chinas Präsident Hu Jintao gilt, spielt für Hatoyama eine Schlüsselrolle. "Japan und China haben strategische und gegenseitig vorteilhafte Beziehungen geschmiedet, aber um sie zu verwirklichen, braucht es meines Erachtens die große Kraft von Vizepräsident Xi" , schmeichelte Hatoyama seinem Gast.

Japans und Chinas Wirtschaft sind inzwischen verwoben wie nie zuvor in der Geschichte. Das Reich der Mitte ist Japans Haupthandelspartner; Japan erzielt sogar einen Handelsbilanzüberschuss, weil seine Unternehmen Chinas Exportfabriken mit wichtigen Bauteilen und Maschinen beliefern. Aber politisch knirscht es wegen der rasanten Aufrüstung von Chinas Militär und der Drohgebärden gegen Taiwan. Gestritten wird vor allem aber über Chinas Gasförderung in einem Seegebiet, das Japan als seine Wirtschaftszone ansieht. Was lag angesichts dieser Gemengelage näher, als Staatsgast Xi die gleiche Ehre wie Hu zu gewähren? Chinas amtierender Herrscher durfte in seiner Zeit als Vizepräsident 1998 ebenfalls den Tenno besuchen.

"Schmerzhafte Logik"

Japans konservative Kreise kritisierten Hatoyamas Regelverstoß. Der Chef des Hofamts, Shingo Haketa, lehnte sich ungewohnt offen auf. Der Fall werde Besorgnis über die Rolle Ihrer Majestät auslösen, hatte er vorigen Freitag bei einer Pressekonferenz gewarnt. "Die Logik, eine Audienz zu gestatten, weil China politisch wichtig ist, ist schmerzhaft" , meinte er, "es ist mein ernsthafter Wunsch, dass derartige Dinge nie wieder passieren."

Stellvertretend für die Regierung bügelte Ichiro Ozawa, der mächtige Generalsekretär der regierenden DPJ und vermeintliche Fädenzieher hinter Hatoyamas Machtwort, Haketa ab. Er solle zurücktreten, wenn ihm die Politik der Regierung nicht passe. Japans Wirtschaft stellte sich derweil hinter Hatoyama.

Ironischerweise begleitete Hatoyama das Werben um den Rivalen China mit einer Brüskierung seines Alliierten USA. Die bilaterale Sicherheitsallianz ist zwar auch für Hatoyama das Fundament der Außenpolitik. Aber er hat den Wählern versprochen, mit den USA auf Augenhöhe zu verhandeln und bei Bedarf auch nein zu sagen.

Am Dienstag hielt er nun Wort. Zwar beschloss die Regierung, grundsätzlich an der 2006 von der vorigen Regierung vereinbarten Verlegung von Teilen des US-Luftwaffenstützpunktes in Futenma auf der südjapanischen Insel Okinawa festzuhalten. Aber sie will in den nächsten Monaten, wie im Wahlkampf versprochen, nach einem neuen Standort außerhalb Okinawas zu suchen, um die Lasten der Insulaner zu vermindern. (Martin Kölling aus Tokio/DER STANDARD, Printausgabe, 16.12.2009)

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Gimli
22.04.2010 18:17

Was mir ein Chinese erzählt hat, ist schlüssig im Kontext mit allen Headlines.
Er hat mir gesagt, dass die USA in China nicht mehr für voll genommen werden, u.a. weil sie einen schwarzen Präsidenten haben. Die Weissen haben die USA nicht mehr im Griff. Auch aus anderen objektiven Gründen - aber das wäre das äussere Zeichen des Niederganges der einst grossen Nation. So etwas wäre in China unter gar keinen Umständen überhaupt denkbar.
Ich schreibe das hier nur deshalb, weil es mich schon jedesmal gejuckt hat, wenn wir in unseren Medien aufgeklärt werden: Die USA zeigen dem Globus durch Obama, wie offen sie sind und werden jetzt daher von allen geachtet und respektiert ;-) Im Traum sieht die Welt so aus.

AntiFa201
23.12.2009 21:44
"Tokio herzt China und brüskiert die USA"

das macht derzeit die ganze welt. zum ersten mal hat die welt eine wahl zwischen zwei (kapitalistischen)großmächten und jeder weiss, dass die usa in 30 jahren nur noch juniorpartner chinas sein werden. von daher fällt die entscheidung nicht schwer.

philidor85
16.12.2009 12:44

"Die Logik, eine Audienz zu gestatten, weil China politisch wichtig ist, ist schmerzhaft" , meinte er, "es ist mein ernsthafter Wunsch, dass derartige Dinge nie wieder passieren."

ehm sorry, die zeit wo japan es sich leisten konnte china lediglich als appetithäppchen anzusehen, sind vorbei

das reich der mitte wird ne weltmacht und vor dieser tatsache sollte sich ne regierung nicht verschließen...sry für die konservativen herrenmenschen im kaiserlichen hofstaat

Lukas Chen
16.12.2009 15:15
Man soll niemals "nie..." sagen

Die boesen Deutschen und Japaner sind nach dem zweiten Weltkrieg gute Freunde und Allierten der USA geworden. China und Japan koennen einander auch gute Freundschaft schliessen in der Zukunft. Japan braucht die USA militaerrisch, aber sie braucht auch China jetzt wirtschaftlich.

Aufklärung die fünfte
19.12.2009 02:09

lol niemand braucht die usa.. jeder kuscht nur aus angst...

Goran Markovic
25.01.2010 21:18

Nicht jeder, ein kleines Land in Südosteuropa........

philidor85
16.12.2009 15:54

dass wirtschaftsbeziehungen existieren und ausgeweitert werden, war ja nicht der punkt

manchen scheint es sauer aufzustoßen, china so etwas wie respekt zu zollen - besuch beim staatsoberhaupt sollte keine große sache sein, insbesondere bei nem wichtigen wirtschaftspartner

einigen erscheint es auch sinnvoller den kriegsverbrechern aus den 30er und 40er jahren respekt zu zollen...

mistvieh666
16.12.2009 06:32

"es ist mein ernsthafter Wunsch, dass derartige Dinge nie wieder passieren."
damit wird die ganze aktion noch mehr aufgewertet.

und betreffend us truppen in japan:
wenn amerika nicht in der lage ist, mit nordkorea fertig zu werden, werden eben die staaten, die bisher im vertrauen auf den us-nuklearschirm auf atomare ruestung verzichtet haben - suedkorea, japan, auch taiwan - kuenftig selber fuer ihre sicherheit sorgen.
wie uns alles was links herumlungert versichert wird die welt dadurch ja um so toll viel besser.

Klaus Stiefel
16.12.2009 16:03
US Truppen in Okinawa

sind eindeutig eine Belastung fuer die dortige Bevoelkerung, die sie lieber heute als morgen loswerden wollten. Die US Soldaten tun sich durch Vergewaltigungen und Diebstaehle hervor, und die Basen beanspruchen teils erstklassige Immobilien.

Viele der Soldaten werden von Okinawa aus nach Irak oder Afghanistan gebracht, insofern dienen die Basen weniger der Verteidigung Japans als als Zwischenstationen fuer diese Kriege.

Tetsuwan Atomu
16.12.2009 00:39

Die Mehrheit der Japaner will die politische und militaerische Allianz mit den USA beibehalten und das ist gut so.

Wer China als Ersatz fuer die USA sieht, missachtet und missversteht die japanische Demokratie.

Hatoyamas Haltung zu Futenma ist eine pragmatische, lokale Frage, keine Frage der nationalen Strategie. Abgesehen davon, will er den Ryukyuanern (Einwohner Okinawas) zeigen, die sich ohnehin oft als Minderheit von Tokio ignoriert fuehlen, zeigen, dass ihre Stimmen zaehlen.

Hatoyama riskiert schlechte Stimmung in Washington, weil er als Demokrat die Meinung der lokalen Bevoelkerung Okinawas respektiert. Alleine diese Haltung weisst auf die Grenzen der Annaeherung an China hin.

mrsonguku1
15.12.2009 22:55

zusammen mit China könnte Japan in Zukunft vielleicht eine wichtigere Rolle in der internationalen Politik spielen als derzeit der Fall ist. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt mit einer politischen Bedeutung, die mit der Österreichs vergleichbar ist, passt einfach ist.

Ivan Bukov
16.12.2009 11:59

Nicht wenn sie die Rolle Japans im WW2 in betracht ziehen.

papst benedikt
15.12.2009 21:48

man stelle sich vor, die japaner wollen in ihrem eigenen land über den standort der stationierung von us truppen mitreden! na wenn das keine brüskierung ist ;-)

man stelle sich weiters vor, der gewählte premierminister japans besteht gegenüber "hofbeamten" (!) auf einem empfang des chinesischen vizepräsidenten und will gleichzeitig die beziehungen zum nachbarn verbessern! na wenn das kein "herzen" ist ;-)

geben sie es zu, herr journalist, solche einfälle bekommt man nicht von sushi und maki ;-)

lemming0815
16.12.2009 11:26

- stationierung ist schon lange ausgemacht
- es geht um einen empfang beim kaiser, nicht beim premier

papst benedikt
16.12.2009 12:35

ich schlage vor, sie lesen meine paar zeilen noch einmal ganz langsam durch ;-)

Neutraler
15.12.2009 21:39
Wer den Geist der Samurai etwas kennt, weiss, dass die Japaner ein langes Gedächtnis haben

und die Demütigung von Hiroshima nie vergessen werden.

Die asiatische Kultur schliesst sich unter der Führung Chinas zusammen und die USA verlieren, auch durch die Finanzkrise, an Einfluss. Die USA werden in einem Konflikt mit China realistisch gesehen nicht mehr mit der Unterstützung Japans rechnen können

Aufklärung die fünfte
19.12.2009 02:11

japan besteht nur aus samurais... udn kultur hat nix mit politik zu tun

Snieftaps
16.12.2009 12:01

"geist der samurai", "asiatische kultur"- alleine schon diese komischen begriffe...
ich glaub nicht, dass sie sich da ausreichend auskennen, um es milde zu sagen.

Black Adder
16.12.2009 10:57

China und Japan waren immer schon dicke, enge Freunde. Kleines Geschichtsgenie *lol*

FFWJ
16.12.2009 13:45

Und weil sie immer schon dicke, enge Freunde waren haben sie sich 1937-45 gegenseitig die Köpfe eingeschlagen.

Sie dazu http://de.wikipedia.org/wiki/Zwei... cher_Krieg

papst benedikt
16.12.2009 17:19

ähnlich wie deutsche, franzosen und engländer. tja.

dieter tafel
16.12.2009 14:58

wobei schon vor 37 einigese "passiert" ist.

und gegenseitig ist fast etwas übertrieben.

Hardcoreboson
16.12.2009 08:37
nein das wirds wohl kaum geben ...

die meisten anderen asiaten sehen naemlich china mit viel skepsis. liegt vor allen auch daran das sich china in asien auch nicht viel anders auffuehrt als amerika in der welt. gibt kaum ein land das keine grenzstreitigkeiten mit china hat, gibt kaum ein gebiet wo china nicht die finger mit im spiel hat. eine fuehrung chinas unter der sich der rest ostasiens unterordnet kann sich und will sich kaum jemand vorstellen (ausser china natuerlich selbst)

RichardRoe
16.12.2009 01:13


Da wäre nur noch das klitzekleine Problem der japanischen Besetzung Chinas in den chinesischen Köpfen zu reparieren. Shanghai und Nanking und die zahllosen anderen. Da stehen in China selbst in kleinen Dörfern die Gedenksteine an die das Grauen der japanischen Besatzer. So einfach ist das alles nicht.

3ch0
16.12.2009 04:36

Wenn beide wollen, ist es ganz einfach.
Beispiel?
Die Deutsch-Französische Freundschaft.

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