Später Appetit auf Nymphen und Zehen

15. Dezember 2009, 18:08
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Vladimir Nabokovs nachgelassenes "Modell für Laura"

Wien/Montreux - Dem russischen Emigrationsautor Vladimir Nabokov (1899-1977) erlaubten es die Tantiemen von Lolita, ein vergleichsweise sorgen- und beschwerdefreies Leben zu führen. 1975 allerdings kam der passionierte Schmetterlingsforscher mit Hotelwohnsitz in Montreux buchstäblich zu Fall. Der nicht mehr sehr gelenkige Nabokov war auf einer Geröllhalde im Umland von Davos derart unglücklich ins Straucheln geraten, dass die Benützer einer nahen Seilbahn seine Hilferufe als spaßigen Willkommensgruß missverstanden.

Auch Nabokovs letzter Roman, als Folge von Karteikärtchen gegen seinen Willen an die Nachwelt vererbt, ist ein missverständlicher Verzweiflungsschrei. Als der greise Nabokov bereits von einer ganzen Serie von Infektionen geplagt wurde, hatte er "den Abgrund meines neuen Romans" praktisch fertig im Kopf.

Das Modell für Laura sollte ursprünglich A Passing Fashion (Eine vorübergehende Mode) heißen. Die sich häufenden Krankenhausaufenthalte in Lausanne verbrachte einer der größten Stilisten des Englischen, der selbst kein Engländer war, damit, Kärtchen mit erstaunlich detailliert ausgearbeiteten Prosaentwürfen vollzuschreiben.

Der Tod machte am 2. Juli 1977 seine unwillkommene Aufwartung. Dmitri Nabokov, der Sohn des Dichters, entschloss sich, dem klar artikulierten Willen des verehrten Vaters zuwiderzuhandeln: Die 138 Karteikarten, die dem Umfang eines rund 30-seitigen Buchmanuskripts entsprechen, wurden aufbewahrt. Nabokovs Witwe hatte sich geweigert, den Zettelkasten zu verbrennen.

Dmitris Begründung

Dmitris Begründung, warum er dem letzten Willen seines Vaters zuwidergehandelt habe, folgt ähnlich undeutlichen Kriterien wie jene Rechtfertigung, mit der Max Brod einstmals berühmt wurde. Letzterer negierte bekanntlich Franz Kafkas Testament und bewahrte damit unsterbliche Dichtungen wie Der Prozess vor dem Feuer. Dmitri sagt, Papa Vladimir hätte Das Modell für Laura bei passender Gelegenheit mündlich unter seine wichtigsten Romantitel gezählt: was in Anbetracht der Unvollständigkeit, die Laura auszeichnet, bei einem Perfektionisten wie dem Urheber von Pnin oder eben Lolita doch stark verwundert.

Das Manuskript, wie es soeben auch auf Deutsch veröffentlicht wurde (mitsamt Faksimiles), ähnelt am ehesten einem Gebiss, das von Parodontose geplagt wird. Was nicht heißt, dass die vorliegenden Fragmente - also die Eckzähne - trotz grassierender Fäule nicht zu faszinieren wüssten.

Nun beschäftigen die diffizilen Verweise und Querverbindungen zumal in Nabokovs späten Manuskripten ein ganzes Heer von Deutungsbeauftragten. Die Figuren in diesem Kosmos sind nicht nur sie selbst. Sie können als Wiedergänger gelten. Oder sie antworten als Echos auf frühere, durch die jeweilige Niederschrift zum Erlöschen gebrachte Hauptdarsteller in einer allerdings pikanten, mit unschönen (oder auch nur exotischen) Begierden stark aufgeladenen Welt.

Die Enkelin eines russischen Emigranten - dessen Tochter wiederum ein promiskuitiver Ballettstar ist - heiratet einen unvorstellbar hässlichen, weil körperlich unförmigen US-Dozenten für Psychologie. Dieser muss eine ganze Kette von Demütigungen über sich ergehen lassen, die ihm seine junge Frau aufgrund ihrer fortgesetzten Untreue bereitet.

"Flora" aber - so heißt die Dame - kehrt ihrerseits als Hauptperson in einem Schlüsselroman wieder. In diesem wird sie prompt "Laura" genannt - so wie sie überhaupt aufgrund ihres Knabenkörpers nicht nur für heterosexuelle Begierden als Objekt einstehen muss. Nabokov besaß ein untrügliches Faible für den philosophisch geläuterten Herrenwitz. Erzählt er nicht gerade über die einprägsame Form und Beschaffenheit von Floras/Lauras Gesäß, weiß er von einer japanischen Uni-Kollegin zu berichten, dass diese "zur Unterhaltung von Lauras lesbischen Freundinnen immer ihre Gliedmaßen zu einer Brezel verbog" . Was aber sähe einer solchen Brezel (bundesdeutsch: Femininum) ähnlicher als das mathematische Zeichen für die Unendlichkeit?

Mit ihr, deren natürlicher Verbündeter der Tod ist, befasst sich auch der vielfach gehörnte Fettwanst namens Philip Wild. Er, den es nach den Wonnen des Selbstmordes gelüstet, ohne darum gleich sterben zu wollen, bringt in langen, meditativen Übungsreihen seinen Körper teilweise zum Verschwinden. Insbesondere auf das Verlöschen der Zehen hat es dieser Vernichter der nervösen Reizleitung abgesehen: ein weiterer Eintrag ins Buch von Nabokovs "Perversionen" , in dem die herkömmlichen Grenzen zwischen Lust und Todestrieb ausradiert werden.

Radierspuren weisen aber vor allem zahlreiche Karteikarten auf: So wunderbar ausgehört viele Satzperioden des Sterbenden wirken mögen - aus den knapp zwei Kapiteln, denen allerlei Skizzenmaterial angehängt wurde, lässt sich nach bestem Wissen und Gewissen kein ganzer Roman destillieren. Es mag immerhin sein, dass Nabokov seiner Lolita noch einmal scharf nachblicken wollte. Seine Laura indes ist eine leblose Nymphe des Begehrens, die die lebenslange Obsession des Meisters ertragen muss. Die letzten Schmetterlinge aber gaukelt nur noch die Einbildung vor. (Ronald Pohl, DER STANDARD/Printausgabe 16.12.2009)

 

Vladimir Nabokov: Das Modell für Laura. Romanfragment auf 138 Karteikarten. Hrsg.: Dmitri Nabokov. Aus dem Englischen von Dieter E. Zimmer und Ludger Tolksdorf. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 2009.

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