Bernhard und Unseld

Die Rückkehr der Theatermacher

15. Dezember 2009, 18:04
  • Artikelbild
    foto: cremer

    Thomas Bernhard und ....

  • Artikelbild
    foto: cremer

    .... Siegfried Unseld dokumentieren in "Der Briefwechsel" ihre Hassliebe: "Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gekannt haben."

  • Artikelbild
    foto: suhrkamp verlag

    Thomas Bernhard / Siegfried Unseld - Der Briefwechsel (869 Seiten/ € 41,-), Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2009.

Über ein Vierteljahrhundert lang befetzten einander Autor Thomas Bernhard und Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld in privater Korrespondenz - Mit "Der Briefwechsel" liegt dieses Match nun in Buchform vor

Wien - Spätestens ab dem 7. November 1984 war mit einem an seinen Verleger Siegfried Unseld gerichteten Schreiben ein Zerwürfnis begründet, das gut vier Jahre später sein für den heutigen Leser zumindest von der Lektüre her unterhaltsames Ende fand. Damals konnte und wollte der Chef des Suhrkamp-Verlags mit einem seiner wichtigsten Autoren nicht mehr: "lieber herr bernhard" , heißt es da in einem Telegramm, "fuer mich ist die schmerzensgrenze nicht nur erreicht, sie ist ueberschritten. nach all dem, was in jahrzehnten und insbesondere in den beiden letzten jahren an gemeinsamem war, desavouieren sie mich, und sie desavouieren den verlag. ich kann nicht mehr."

Tags darauf wurde von Wien aus der letzte gallige Witz des österreichischen Großschriftstellers Thomas Bernhard an seinen ewigen verlegerischen Reibebaum gesendet, den er später nur noch einmal 1989, zwei Wochen vor seinem Tod treffen sollte: "Lieber Siegfried Unseld, wenn Sie, wie Ihr Telegramm lautet, ,nicht mehr können‘, dann streichen Sie mich aus Ihrem Verlag und aus Ihrem Gedächtnis. Ich war sicher einer der unkompliziertesten Autoren, die Sie jemals gekannt haben."

Jahrzehnte nach dieser bis 1984 intakten, leidenschaftlichen wie hasserfüllten, um Freundschaft flehenden wie gesellschaftliche Mindestumgangsformen oft scheuenden schriftlichen Korrespondenz liegt nun, nach einer von Gert Voss und Peter Simonischek eingelesenen Kurzfassung als Hörbuch endlich auch die gesamte Korrespondenz schriftlich vor.

Ausgehend davon, dass die Attraktion des Furchtbaren zwar nur schwer erklärbar, dafür aber für den Leser umso interessanter sei, werden wir hier über knapp 900 Seiten Zeuge einer einseitigen "Freundschaft" . Bernhard richtet, Ende 1961 mit 30 Jahren ein weitgehend erfolgloser Schriftsteller, ein Bittschreiben an den berühmten deutschen Verleger. Dieser erbarmt sich des hoffnungslosen Dichters und beginnt, damals schlecht sich verkaufende Texte des Salzburger Autors zu veröffentlichen. Kaum einer überspringt damals die Dreitausender-Auflage.

Parallel zu Bernhards Erfolg bei der Kritik und dank seiner zunehmend gut vermarktbaren Theaterstücke beginnt Thomas Bernhard vor allem ab den 1970er-Jahren, seinen Verlag und Verleger zunehmend zu triezen und zu quälen, am Schmäh zu führen und zu hintergehen. Für die damalige Zeit exorbitante Vorschüsse werden nicht zurückgezahlt. Bernhard beginnt seine mehrteiligen Kindheitserinnerungen, ausgehend von Die Ursache, im Salzburger Residenz Verlag zu veröffentlichen. Ein Affront, dessen diesbezügliche Trauerarbeit großen Raum im Briefwechsel einnimmt.

Bernhard fordert Liebe, Anteilnahme, Geld, Geld, Geld. Mit dem Ankauf von Immobilien hat er sich heillos überschuldet. Angeblich auch, um sich in schreiberischen Zugzwang zu bringen. Über die Jahre wird der Umgangston des gesundheitlich chronisch angegriffenen Autors mit Unseld zunehmend höhnischer. 1979 beantwortet er etwa Unselds Bitte um ein Treffen: "Lieber Siegfried Unseld, wenn die Natur der Sache und die Natur selbst es erlauben, sehen wir uns am übernächsten Freitag den 29. in Stuttgart. Ich bin in guter Form und für alle möglichen Lebenszeichen besteht also bis zu diesem Datum keinerlei Anlass."

Unseld bettelt in Folge um ihm versprochene Manuskripte. Bernhard verweigert die Rückzahlung von Darlehen. Dafür schwört er seinem Stammverlag die Treue: "Ich gehe nicht mehr fremd." Bernhard bricht seine Versprechen.

Spätestens mit dem Erscheinen von Wittgensteins Neffe 1982 steigt Thomas Bernhard zum "Skandalautor" und literarischen Marktwert auf. Und er lässt diesen Fakt seinen Verleger genüsslich wissen. Das ergibt in Summe in über 500 Briefen ein Vierteljahrhundert großes, parlierendes, größenwahnsinniges wie kleinkrämerisches Tennis als Beziehungsdrama. Es liest sich heute so dramatisch wie die besten Stücke Bernhards.

Siegfried Unseld ahnte dies bereits 1968: "Ich stelle mir vor, was künftige Adepten des Studiums von Literatur- und Verlagsgeschichte bei der Lektüre unseres Briefwechsels sagen werden." Die Adepten sagen: Große Kunst wird nicht immer von guten Menschen geschaffen. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe 16.12.2009)

Info

Am 8. 1. 2010 lesen Gert Voss und Peter Simonischek im Burgtheater.

Kommentar posten
13 Postings
formstabil
00
16.12.2009, 19:41
Sind die Adepten...


...gar zynisch?

Preger
03
16.12.2009, 00:41
Ich wuenschte Herr Bernhard

waere noch unter uns. Ich haette gern ein Glaserl Wein mit ihm getrunken und ihm ein paar Fragen gestellt...

Aber vielleicht finde ich ja in der hier herausgegebenen Korrespondenz die eine oder andere Antwort.

Preger, Teilzeitkuenstler/In

mollwitt
12
17.12.2009, 04:19

Wieso glauben Sie, Thomas Bernhard haette ausgerechnet mit Ihnen ein Glaserl Wein getrunken?

mollwitz
00
17.12.2009, 17:48

... aber mit dem dani kehlmann ganz sicher.

mollwitt
00
17.12.2009, 20:53

Der Kehlmann! Gut, daß Sie den erwähnt haben, auf den wär sonst hier gar nicht geschimpft worden.

mollwitz
00
21.12.2009, 22:28

es heißt "geschumpfen", sie verhinderter tiroler!

Preger
11
17.12.2009, 10:03
Wieso soll ich das nicht glauben?

Ich habe schon mit vielen Menschen ein Glaserl Wein getrunken und dabei ausgezeichnete Gespraeche gefuehrt.

Preger, Teilzeitkuenstler/In

Azdak111
50
15.12.2009, 21:58

der artikel hat mich gelangweilt. nichts neues, schon tausendmal gelesen. durchschnitt.

Quasis Herr Karl
00
16.12.2009, 19:26
Ist aber ihr Problem. Nicht?

das poppende lottchen
03
15.12.2009, 23:19
herzlichen dank und viele grüße nach frankfurt,

herr reich-ranicki!

Azdak111
01
15.12.2009, 23:24

Ich will nicht über Herta Müller reden.

alte frau
11
15.12.2009, 20:06

es ist eine schande wie der bernhard kommerzialisiert wird ohne was davon zu haben.

The_new_number_2
00
17.12.2009, 09:48

Das erinnert mich jetzt an Stermann&Grissemann:

"Manche Leute sagen, es sei ein Skandal, dass mit dem toten Falco Geschäfte gemacht werden. Aber war es nicht der viel größere Skandal, dass mit dem lebenden Falco Geschäfte gemacht wurden?"

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.