Industrie mit Akribie

15. Dezember 2009, 14:52
4 Postings

Verstaatlichungen sind gerade wieder "in". Georg Turnheim analysiert in "Österreichs Verstaatlichte" die Rolle des Staates in den vergangenen 90 Jahren

Verstaatlichungen sind ja gerade en vogue - siehe Hypo Group Alpe Adria. Dass Österreich generell ein sehr enges Verhältnis zu Verstaatlichungen hat, ist kein Geheimnis. Georg Turnheim, seit 1992 geschäftsführender Gesellschafter der AMC Management Consulting GmbH und davor unter anderem Leiter der Direktion Konzerninnovation und Konzernstrategie der ÖIAG, hat mit "Österreichs Verstaatlichte" nun ein Buch herausgegeben, das sich mit wissenschaftlicher Akribie der "Rolle des Staates bei der Entwicklung der österreichischen Industrie von 1918 bis 2008" (so der Untertitel) widmet.

Turnheim, der die meisten Beiträge selbst verfasst hat, geht zunächst in den ersten beiden Kapiteln der Frage nach, was das "österreichische Verstaatlichungswunder" denn eigentlich sei und wie sich die staatliche Industrie in der Ersten Republik gestaltete. Beginnend beim Ende der Monarchie 1918 legt er dar, welchen tiefgreifenden Strukturwandel die österreichische Industrie vollziehen musste, da der Staatszerfall bewirkte, dass die innerstaatlichen Waren- und Leistungsströme zu solchen des Außenhandels wurden. Die Ressourcen waren sehr ungleich verteilt - in der neuen Republik fehlten etwa vorwiegend Kohle und Erdöl -, was zum Befund der "wirtschaftlichen Nichtlebensfähigkeit" des neuen Staates führte. In der Monarchie hatten mehr als 50 Millionen Menschen gelebt, die Erste Republik zählte rund sieben Millionen. In der gesamten Ersten Republik wurde in keinem einzigen Jahr die Wirtschaftsleistung des (letzten Vorkriegs-)Jahres 1913 erreicht.

"Die größte Verstaatlichung der österreichischen Wirtschaft hat in der Ersten Republik stattgefunden", fasst Turnheim dann kurz und prägnant die Vorgänge rund um den drohenden Kollaps der Credit-Anstalt im Jahr 1931 - der damals größten Bank Europas - zusammen. Die Bank musste in der Weltwirtschaftskrise fast eine Milliarde Schilling wertberichtigen, was rund der Hälfte des österreichischen Staatshaushalts entsprach. Mit einer Finanzspritze von 883 Millionen Schilling wurde die Bank schließlich de facto verstaatlicht. Der Staat hatte in der Folge - die Credit-Anstalt hielt ca. 42 Prozent des Aktienkapitals aller österreichischen Industriebeteiligungen - auch indirekten Zugriff auf zahlreiche Unternehmen, die bei der Credit-Anstalt verschuldet waren.

Ein paar Seiten weiter wird schnell klar, wieviel das Land von dem unmenschlichen Einsatz tausender KZ-Häftlinge und Kriegsgefangener zwischen dem "Anschluss" 1938 und dem Kriegsende 1945 profitierte - bauten doch die gewaltigen Investitionen Hitler-Deutschlands in die späteren österreichischen verstaatlichen Industriebetriebe auf ebendieser Zwangsarbeit auf. Zwei Außenlager des KZ Mauthausen befanden sich auf dem Gelände der Linzer Hermann-Göring-Werke (der späteren VOEST), die Initiative für den Einsatz der Häftlinge war vom Management selbst an die Regimeführung herangetragen worden. „Die österreichische Volkswirtschaft war 1945 trotz Kriegsschäden um vieles stärker als 1938 und somit um vieles lebensfähiger als vor dem Zweiten Weltkrieg", resümiert Turnheim nüchtern.

Diese auf österreichischem Staatsgebiet zwischen 1938 und 1945 entstandenen
großen Industrieunternehmen wurden 1946 im Rahmen des 1. Verstaatlichungsgesetzes als ehemaliges „deutsches Eigentum" im Einklang mit den „Potsdamer Beschlüssen" der Alliierten nationalisiert beziehungsweise konfisziert (ausländisches Eigentum wurde österreichisches Eigentum). In zwei Verstaatlichungsgesetzen wurden zunächst im Juli 1946 das Bankwesen, die Eisen- und Stahlindustrie, die Chemie- und Erdölindustrie und die Werften, ein knappes Jahr später im März 1947 große Teile der Elektrizitätswirtschaft verstaatlicht.

Die Sowjetunion hatte allerdings, um dem Gesetz zuvorzukommen, bereits alle sich in ihrem Einflussbereich befindlichen "deutschen Vermögenswerte" zu sowjetisch verwalteten Konzernen zusammengefasst. Die USIA (Verwaltung des sowjetischen Vermögens) und die SMV (sowjetische Mineralölverwaltung) zählten in ihren besten Zeiten rund 55.000 Beschäftigte und produzierten rund fünf Prozent des österreichischen Bruttoinlandsprodukts - und sie zahlten keine Steuern. In der Folge sei durch diese Teilung in die USIA-Betriebe im Osten und die Unternehmungen unter staatlicher Führung im Westen die industrielle Verlagerung in Richtung West-Österreich verstärkt worden, analysiert Turnheim.

Umfassend dokumentiert das Buch in weiterer Folge die Entwicklungsschritte der österreichischen Industrie. Von den Mitteln des "European Recovery Programs" ("Marshall-Plan"), die massiv vor allem in den Westen flossen, über die "große Stahllösung" in den 1960er-Jahren bis zum Zusammenbruch in den 1980er-Jahren fasst das Buch alle organisatorischen Veränderungen sowie die Rolle der jeweiligen Führungspersonen der Verstaatlichten zwischen 1946 und 2008 zusammen.

Der ehemalige ÖIAG-Chef und SPÖ-Verkehrsminister Rudolf Streicher ist - gemeinsam mit dem ehemaligen ÖIAG-Vorstand und OMV-Aufsichtsratschef Oskar Grünwald - Autor des Kapitels zur "Rolle der ÖIAG". "Der Erfolg oder Misserfolg hängt offenbar nicht von der Eigentumssituation ab, sondern maßgeblich von der Branchenentwicklung, vom Management, von der Kapitalausstattung, von der Kooperationsbereitschaft der Betriebsräte und vielen anderen Faktoren", heißt es dort im Resümee.

In einer Gesamt-Durchrechnung, in der Turnheim sämtliche Eigenkapitalzuführungen an die verstaatlichte Industrie den Privatisierungserlösen gegenüberstellt, wird schließlich auch deutlich: Die Republik hat wegen der Verluste der Verstaatlichten keinen Verlust erlitten - was hauptsächlich am 31,5-prozentigen Rest-Staatsanteil an der OMV liegt. In seiner Rechnung, in der keine Zinseffekte berücksichtigt sind, kommt Turnheim auf einen "noch nicht amortisierten Kapitaleinsatz" von knapp drei Milliarden Euro (der sich aus Netto-Kapitalzuführungen von 6,13 Mrd. Euro minus Veräußerungserlösen von 3,17 Mrd. Euro ergibt, Anm.).

Die Marktkapitalisierung des OMV-Staatsanteils hätte dies per 31.12. 2007 mit 5,2 Milliarden Euro locker abgedeckt, ein Jahr später war der Anteil aber keine zwei Milliarden wert. Ob Turnheims Rechnung (die er selbst ohnehin nur als "grobe Orientierung" ansieht) aufgeht, hängt also wesentlich vom Zeitpunkt eines etwaigen Verkaufs der OMV-Staatsanteile ab.

Abgesehen davon ist das Buch mit wissenschaftlichen Quellenangaben nur so gespickt und beinhaltet auch ein - mit zweieinhalb Seiten allerdings erstaunlich kurz geratenes - Stichwortverzeichnis. (Martin Putschögl, derStandard.at, 15.12.2009)

  • Georg Turnheim (Hrsg.):Österreichs Verstaatlichte.Die
Rolle des Staates bei der Entwicklung der österreichischen Industrie
von 1918 bis 2008Mit Beiträgen von Werner Clement, Oskar Grünwald,
Helmut Hoskovec, Johann Moser, Rudolf Streicher und Georg TurnheimManz 2009ISBN 978-3-214-00341-8212 S., 38 Euro
 
    cover: manz verlag

    Georg Turnheim (Hrsg.):
    Österreichs Verstaatlichte.
    Die Rolle des Staates bei der Entwicklung der österreichischen Industrie von 1918 bis 2008
    Mit Beiträgen von Werner Clement, Oskar Grünwald, Helmut Hoskovec, Johann Moser, Rudolf Streicher und Georg Turnheim
    Manz 2009
    ISBN 978-3-214-00341-8
    212 S., 38 Euro

     

Share if you care.