"Meine Privacy-Einstellungen sind so gewählt, dass mich nicht jeder finden kann"

21. Oktober 2009, 10:26
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Chris Hughes im STANDARD-Interview

Wie soziale Netzwerke unser soziales Kapital aufbauen und warum sich Zeitungen nicht vor ihnen fürchten müssen, erzählt Facebook-Mitgründer Chris Hughes im Gespräch mit Helmut Spudich.

STANDARD: Christ Hughes, sind Sie auf Facebook?

Hughes: Ja, natürlich.

STANDARD: Warum habe ich Sie dann nicht gefunden?

Hughes: Wahrscheinlich weil es erstens viele Hughes gibt, unter denen Sie mich möglicherweise nicht entdeckten, und weil ich meine Privacy-Einstellungen so gewählt habe, dass mich nicht jeder finden kann.

STANDARD: Wie aktiv sind Sie persönlich in sozialen Netzwerken?

Hughes: Ich logge mich mehrmals täglich in mein Facebook-Account ein, hin und wieder bei MySpace, und twittere.

STANDARD: Es gibt eine Vielzahl konkurrierender Communitys. Sehen Sie den Trend eher Richtung weniger, alles dominierender Plattformen oder vielen speziellen Communitys?

Hughes: Ich glaube, dass es nicht so viele Communitys nebeneinander geben wird, weil man braucht viele Menschen mit gleichen Zielen, damit eine Community funktioniert. Aber das Web als solches wird zunehmend sozial geprägt sein, es wird personalisiert, aber nicht notwendigerweise in einer Community. Die vielen Webseiten, die wir ohnehin besuchen, um etwas zu erfahren oder um etwas zu kaufen, werden soziale Funktionen haben. Manche werden Spaß daran haben, sich auf vielen verschiedenen Sites zu betätigen, andere wollen weniger und werden sich auf einzelne Communitys konzentrieren.

STANDARD: Soziologen sprechen von "weak links", schwachen sozialen Beziehungen, und "strong links", starken sozialen Beziehungen in unseren sozialen Netzen. Bauen Online-Netze viele schwache Beziehungen auf Kosten starker auf?

Hughes: Mehr schwache soziale Beziehungen zu haben bedeutet nicht, dass wir deswegen weniger starke haben. Wir bauen unser soziales Kapital auf, indem wir mit den Leuten, die wir treffen, anschließend in loser Verbindung bleiben. Netzwerke sind eine Gelegenheit, diese schwachen Verbindungen zu bewahren und sie später wieder zu finden. Man kann soziales Kapital nicht leicht quantifizieren, aber das Tolle ist, dass wir es aufbauen und unsere soziale Kapazität erweitern können.

STANDARD: Sehen Sie Gefahren in der Verbreitung sozialer Netze und in der Anhäufung persönlicher Daten bei einzelnen Unternehmen?

Hughes: Lernen mit sozialen Medien umzugehen ist sehr wichtig. Ein Nachteil vermehrter Information ist, dass man leicht an der Oberfläche bleibt und nicht tiefer gräbt. Technologie bleibt letztlich Technologie, die vielfältig genutzt werden kann. Jede Technologie zuvor, von der Eisenbahn bis zum Telefon, ist auch für böse Dinge verwendet worden. Wir müssen wissen wie die Technologie funktioniert und sorgsam damit umgehen.

STANDARD: Sind soziale Medien eine Gefahr für Zeitungen?

Hughes: Eigentlich sind sie gut für Zeitungen: Je mehr Information im Web zirkuliert, desto mehr suchen Menschen nach vertrauenswürdigen Quellen, und Zeitungen haben die Chance, eine Art Notar für verlässliche Nachrichten zu sein. Das waren Zeitungen immer. Aber sie müssen sich anpassen, sie sind im Informationsgeschäft - ihr Geschäft besteht nicht notwendigerweise darin, gedruckte Zeitungen vor die Haustür zu legen. (Helmut Spudich, DER STANDARD Printausgabe, 21.10. 2009)

ZUR PERSON:

Chris Hughes (bald 26) ist ein Mitgründer und früherer Sprecher von Facebook. Für Obamas Präsidentschaftskampagne organisierte er My.BarackObama.com, eine soziale Plattform, um Unterstützer zu mobilisieren. Beim mobile.futuretalk 09 der Mobilkom Austria in Wien spricht er heute, Mittwoch, über "The Power of We".

 

  • Für das US-Magazin "Fast Company" ein "Wunderknabe": Der
Facebook-Mitgründer und Organisator von My.BarackObama.com ist heute
Berater einer Risikokapitalfirma in Boston

    Für das US-Magazin "Fast Company" ein "Wunderknabe": Der Facebook-Mitgründer und Organisator von My.BarackObama.com ist heute Berater einer Risikokapitalfirma in Boston

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