Guantánamo-Ersatz am Mississippi

16. Dezember 2009, 17:58
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Ein fast leer stehendes riesiges Gefängnis im US-Bundesstaat Illinois soll zum Ersatz für das umstrittene Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba ausgebaut werden. Aber es wird noch dauern

Jerry "Duke" Hebeler will nicht wählerisch sein. "Wenn es um Jobs geht, nehmen wir alles, was wir kriegen können" , sagt der Bürgermeister von Thomson, einem abgelegenen Nest mit 600 Einwohnern, knapp eine Meile vom Mississippi entfernt, nach großspuriger Eigenwerbung die Metropole der Wassermelonen. Jeder zehnte Erwerbsfähige in Thomson ist arbeitslos. Eine Kaserne in der Nähe schloss ihre Pforten, an der Main Street zeigen leere Schaufenster an, welche Ladenbesitzer das Handtuch werfen mussten. "Wir haben lange darauf gewartet" , sagt Hebeler und meint die Entscheidung des Weißen Hauses, das Gefängnis von Thomson zum Ersatz für Guantánamo auszubauen.

Demnach will die US-Bundesregierung dem Staat Illinois die Haftanstalt abkaufen und sie dann umwandeln in einen Hochsicherheitstrakt höchster Stufe, "super-max" , wie es in der Sprache des Strafvollzugs heißt. Aus der Lokalperspektive gesehen, wäre es immerhin das Ende eines bürokratischen Schildbürgerstreichs. Für 145 Millionen Dollar gebaut, um 1600 Häftlinge aufzunehmen, stand das Thomson Correctional Center seit seiner Fertigstellung vor acht Jahren nahezu leer. Dem klammen Illinois fehlten die Mittel, um es wie vorgesehen betreiben zu können.

Nach Angaben des Pentagon sollen demnächst bis zu 1500 Soldaten nach Thomson verlegt werden, um die Wachmannschaften zu stellen, genau wie in Guantánamo. Heute sind es noch 210 Häftlinge, die in dem Camp auf Kuba hinter Gittern und Stacheldraht sitzen. 75 von ihnen, schreibt die Chicago Tribune, könnten an den Mississippi gebracht werden. Aber auch das ist eher eine Schätzziffer. Fest steht momentan nur, dass die hochkarätigsten Terrorverdächtigen, unter ihnen Khaled Scheich Mohammed, der mutmaßliche Chefplaner der 9/11-Anschläge, in Manhattan vor Gericht gestellt werden, irgendwann im nächsten Jahr.

Fest steht auch, dass das Kabinett Barack Obamas den Kongress noch um die Freigabe etlicher Millionen Dollar bitten muss, bevor Thomson ein Supermax-Knast werden kann. Damit ist klar, was Obama bereits vor Wochen andeutete. Der ursprünglich angepeilte Stichtag für die Schließung Guantánamos, der 22. Jänner 2010, lässt sich nicht halten. (Frank Herrmann aus Washington, DER STANDARD, Printausgabe, 17.12.2009)

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    Im Lager Guantánamo werden noch 210 Terrorverdächtige festgehalten. 75 von ihnen könnten in die USA verlegt werden.

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