"Avatar": Wundersame Hybride von James Cameron

15. Dezember 2009, 11:52
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Fulminantes Kino-Spektakel in 3-D, doch Story hinkt technischer Umsetzung hinterher - Mit Sam Worthington und Sigourney Weaver - Ab 17. Dezember im Kino

Wir befinden uns im Jahr 2154 auf dem fernen Mond Pandora. Die Atmosphäre ist für Menschen tödlich, doch auf dem von riesigen Waldgebieten gesäumten Planeten leben humanoide Ureinwohner in trautem Einklang mit der Natur. In der menschlichen Kolonie hat man für die außerirdische Lebensart jedoch wenig Verständnis, sitzen die blaugehäuteten Riesen doch auf einem riesigen Mineralvorkommen, das die Energieprobleme der Erde auf einen Schlag lösen könnte. Die Katastrophe ist in James Camerons lange erwartetem "Avatar" (ab 17. Dezember im Kino) quasi vorprogrammiert.

Sigourney Weaver

Während die Armee unter dem Druck der Wirtschaftsbosse eine schnelle und gewaltsame Lösung anstrebt, versuchen einige Wissenschafter - darunter die erfrischend eigensinnige Sigourney Weaver - seit vielen Jahren, das Vertrauen der Na'vi zu gewinnen und eine diplomatische Lösung anzustreben. Zu diesem Zweck wurden Avatare geschaffen, gentechnische Hybride aus Menschen und Ureinwohnern, die aussehen wie die Außerirdischen und von den Menschen mental gesteuert werden können.

Einer, der auf diese Weise die fremde und in vielerlei Hinsicht nicht ungefährliche Welt erkunden kann, ist der gelähmte Ex-Soldat Jake Sully (Sam Worthington). Wenn er sich mühevoll in seinen solarium-artigen Container hievt und sich in den großen, schlanken und muskulösen Avatar einklinkt, dann werden bei ihm nicht nur Erinnerungen geweckt, sondern dann wird der stille Außenseiter auch bald zum selbstbewussten und heldenhaften Anführer. Bei diesen Weltenwechseln und Initiationssequenzen lassen Filme wie "The Matrix" oder "Der mit dem Wolf tanzt" mehr als deutlich grüßen.

Leid

Von der Story her leidet "Avatar" sehr darunter, dass man sich bei den zahlreichen Versatzstücken aus den größten Hollywood-Blockbustern schnell an vergleichbaren Werken orientiert und sich der Film als durchwachsenes Genre-Hybrid zwischen Fantasy-Action, Science-Fiction-Parabel und Western präsentiert. Damit hat der Drehbuchautor Cameron dem Regisseur Cameron auch wahrlich keinen Gefallen getan, denn was sich erzählerisch abspielt, das kann mit der optischen Meisterleistung leider nicht im Geringsten mithalten.

Vom Look her ist "Avatar" reinstes und feinstes Kino-Spektakel. Knapp zehn Jahre musste der Regisseur von Kassenschlagern wie "Alien", "Terminator" oder "Titanic" warten, bis er seine Vision eines möglichst realen Erfahrens des neuen Universums in Stereo-3D umsetzen konnte. "Wir wollten Figuren kreieren, die absolut lebensecht wirken", sagt Cameron, dem ein neues Motion-Capture-Verfahren vor vier Jahren schließlich die Gelegenheit gab, jede Mimik, Muskel- und Augenbewegung der Schauspieler auf die animierten Außerirdischen zu übertragen.

Das Ergebnis kann sich - mit 3-D-Brille, versteht sich - auch wirklich sehen lassen. Immer wieder wähnt man sich selbst auf Pandora, duckt sich zwischen aufspritzenden Kieseln oder Tränengasbomben durch, fühlt sich bei Verfolgungsjagden ziemlich in der Schussbahn. Cameron scheut, wenn es um das friedliche Waldvolk geht, auch nicht vor ethnokitschigen Bildern und Klängen zurück - und lässt keinen Zweifel daran, dass sich Jake gar nicht anders entscheiden kann, als sich in die Na'vi-Prinzessin Neytiri (Zoe Saldana) zu verlieben und schließlich gegen seine eigene Spezies in den Kampf zu ziehen.

Immer wieder hat der Oscar-Preisträger auch aktuelle politische Botschaften zwischen Umwelt-Thematik (passend zum Klimagipfel schlägt die Natur irgendwann zurück) und Anti-Kriegspropaganda ("Ein Krieger bringt keinen Frieden") in sein 250-Millionen-Dollar-Projekt eingeflochten. "Wir bieten Medikamente, Straßen, Bildung - aber die leben gern im Dreck", klingt der "Krieg im Namen der Aktionäre" sogar ein bisschen nach Kritik an der US-amerikanischen Irak- oder Afghanistan-Politik. Nichtsdestotrotz schreckt Cameron am Ende nicht vor Kriegsromantik a la "Herr der Ringe" zurück.

"Titanic"

Alles in allem sind es wundersame Hybride, die der 54-jährige Filmemacher zwölf Jahre nach "Titanic" in einem knapp dreistündigen Epos auf die Leinwand gebracht hat - sowohl in der Hauptfigur als auch auf Story- und Genre-Ebene. Sogar Sigourney Weaver wurde bei ihrem "Aufbruch nach Pandora" (so der deutsche Zusatz im Titel) irgendwo zwischen "Gorillas im Nebel" und "Alien" angesiedelt. Und bei Stephen Lang als ultra-bösem Col. Quaritch hat man auf jeden Fall das Gefühl, dass er dem Duft von Napalm am Morgen auch nicht ganz abgeneigt sein dürfte.

Ob der Produzent Cameron mit dem Regisseur und Drehbuchautor Cameron zufrieden sein darf, wird sich nicht zuletzt an den Kinokassen erweisen. Und auch wenn der Amerikaner mit seiner überragenden Technik einen erneuten Meilenstein geschaffen hat - "Avatar" hinterlässt zumindest auf emotionaler und erzählerischer Ebene doch einen recht schalen Nachgeschmack. (Von Daniel Ebner/APA)

 

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