"Berlusconi hat seinem Angreifer verziehen"

15. Dezember 2009, 15:02
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Premier "ist böser Worte oder Gedanken unfähig" - Ehemalige Prostituierte und angebliche Ex-Geliebte Berlusconis sagt Buchpräsentation ab

"Die Liebe siegt immer über Neid und Hass". Das lässt Silvio Berlusconi über die Homepage seiner Partei, der PdL (Popolo della Libertà) ausrichten. Er danke all jenen, die ihn unterstützt hätten "aus ganzem Herzen", steht dort seit Dienstag geschrieben.

Auch seinem Angreifer habe er bereits verziehen. Das versicherte der Priester und enge Freund Berlusconis, Luigi Verze: "Berlusconi hat dem Täter schon verziehen, ich würde mich nicht wundern, wenn er schon ein Treffen mit ihm plant." Der Premier sei "eben ein Mensch des Vertrauens und des Glaubens. Er liebt jeden, auch seine Feinde. Er ist böser Worte oder Gedanken unfähig", sagte Verze zur Mailänder Tageszeitung "Corriere della Sera" am Dienstag.

Attentäter entschuldigte sich

Einen Tag nach dem Angriff auf Silvio Berlusconi hat sich außerdem der mutmaßliche Angreifer bei Berlusconi entschuldigt. Er bedauere seine "feige und unkontrollierte Tat", zitierte die italienische Nachrichtenagentur ANSA am Montagabend aus einem Brief des 42-jährigen Massimo T., der seit dem Angriff vom Sonntagabend in Polizeigewahrsam ist. T. hat nach eigenen Angaben allein gehandelt. Er habe jegliche politische Aktivität oder Parteizugehörigkeit ausgeschlossen, hieß es einer Mitteilung seiner Rechtsanwälte.

T. kämpft seit seinem 18. Lebensjahr mit psychischen Problemen. Bis 2003 wurde er in der Mailänder Poliklinik behandelt, danach war er in Behandlung bei einer Psychologin, die von der Polizei über den Zustand ihres Patienten befragt wurde. Seit heute Mittag wird T. im San Vittore-Gefängnis laut Repubblica wieder verhört. Er bestätigte seine Verantwortung für die Tat. Als nächstes wird ein Untersuchungsrichter entscheiden, ob er weiterhin in Haft bleiben soll. Die Rechtsanwälte des Täters forderten seine Einlieferung in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Angebliche Ex-Geliebte sagt Buchpräsentation ab

Auch die ehemalige Edel-Prostituierte und angebliche Ex-Geliebte Berlusconis, Patrizia D'Addario, hat dem Premier ihre Solidarität bekundet. Wie die Pressesprecherin ihre Verlags (casa editrice Aliberti) derStandard.at heute mitgeteilt hat, hat das ehemalige Callgirl die Präsentation ihres Buches "Gradisca, Presidente" ("Genießen Sie es, Herr Präsident") vorerst abgesagt. D'Addario wollte eigentlich am Mittwoch in Rom ihr Buch präsentieren, in dem sie neben ihrer eigenen Lebensgeschichte auch weitschweifig von den Partys im Regierungspalast erzählt.

"Niedergeschlagener" Berlusconi

Der 42-jährige Angreifer hatte dem Anti-Terror-Staatsanwalt Armando Spataro am Montag bei einem ersten stundenlangen Verhör sein Motiv erklärt: "Ich habe ihn angegriffen, weil ich ihn und seine Politik hasse. Als ich Berlusconi gesehen habe, habe ich einfach den Kopf verloren."

Der Premier wird morgen aus dem Spital entlassen, sagte Alberto Zangrillo, Berlusconis behandelnder Arzt , laut La Repubblica. Zangrillo habe Berlusconi dringend nahelegt, sich zwei Wochen aus der Öffentlichkeit zurückziehen. Der Primar im San Raffaele-Spital sorge sich außerdem um den Gemütszustand des Premiers, da dieser "immer ziemlich niedergeschlagen" wirke. Dennoch sehe er Anzeichen auf Besserung.

"Wie ein Löwe, der sich befreien will"

Berlusconis Sprecher Paolo Bonaiuti berichtete, dass sich der Ministerpräsident in der Nacht erholt habe. "Heute wird er weiteren medizinischen Kontrollen unterzogen", so Bonaiuti in einem Interview mit dem italienischen Staatsfernsehen RAI am Dienstag. Es sei mühsam Berlusconi von seiner Arbeit fernzuhalten. "Er hat immer gearbeitet und er leidet, wenn er das nicht tun kann. Er ist ein Löwe, der sich aus dem Käfig befreien will", erklärte Bonaiuti.

Bonaiuti zeigte sich über die Sicherheit des Premierministers besorgt: "Wir fürchten weitere Angriffe. Das Problem ist, dass Berlusconi auf den direkten Kontakt mit den Leuten nicht verzichten will. Das ist seine Eigenschaft, die ihn unter den Politikern der Welt einmalig macht", so der Sprecher.

Mittlerweile wurden auf der Internet-Plattform Facebook Hunderte Gruppen, die den gewalttätigen Angriff auf den Regierungschef feierten, gegründet. Über 500 Gruppen lobten die Geste des Massimo T..

"Klima des Hasses"

Auch Berlusconis Noch-Ehefrau Veronica Lario rief in der Klinik an, um sich über den Zustand ihres Mannes zu informieren, berichteten italienische Medien. Sie habe nicht persönlich mit ihrem Gatten gesprochen, von dem sie sich im Mai getrennt hat. Medienberichten zufolge verlangt die 53-jährige Ex-Schauspielerin von ihrem Noch-Gatten 3,5 Millionen Euro im Monat für die Scheidung.

Auch EU-Ratspräsident Herman Van Rompuy verurteilte die "feige" Attacke. 'Die "brutale und grundlose" Attacke auf Berlusconi sei ein "Schock für uns alle" und wünschte Berlusconi eine rasche Erholung und eine baldige Rückkehr in sein Amt.

Vorahnungen?

Berlusconis Sprecher Paolo Bonaiuti sagte, der Ministerpräsident habe sich noch auf der Fahrt zu der Wahlveranstaltung am Sonntag besorgt über ein Klima des Hasses geäußert. "Er sagte mir: 'Wissen Sie, dieses Klima des Hasses und der Spannung macht mir wirklich Sorgen. Denken Sie nicht, dass mir etwas zustoßen könnte?'" Berlusconi ist wegen eines Sexskandals und diverser Korruptionsanklagen in Bedrängnis. (fin/APA, derStandard.at, 15.12.2009)

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    Berlusconi, "eben ein Mensch des Vertrauens und des Glaubens", der "böser Worte oder Gedanken unfähig" ist und "jeden liebt", wenn es nach dem Priester und engen Freund Berlusconis, Luigi Verze, geht.

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    Auch die ehemalige Edel-Prostituierte und angebliche Ex-Geliebte Berlusconis, Patrizia D'Addario, hat aus Solidarität ihre Buchpräsentation abgesagt.

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    Miniaturausgabe des Mailänder Doms.

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