Öffentlich verkehren

17. Dezember 2009, 16:59
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Netz ausbauen, Reisegeschwindigkeit erhöhen, Umwelt entlasten - Wie sich der öffentliche Nahverkehr in Wien entwickelt und welche Trends es gibt - Teil 5

2,3 Millionen Fahrgäste nutzen Tag für Tag den öffentlichen Nahverkehr in Wien, der schon jetzt flächendeckend ausgebaut ist: "100 Prozent der Wiener und Wienerinnen erreichen innerhalb von höchstens 15 Gehminuten ein öffentliches Verkehrsmittel", erklärt Angelika Winkler, Leiterin des Ressorts Verkehrsplanung der MA18 für Stadtentwicklung. Im unmittelbaren Stadtgebiet brauche man zwar häufig nur wenige Minuten bis zur nächsten Haltestelle, aber diese Grundformel sei auch für entlegenere Gebiete anwendbar. Insgesamt beträgt das Verkehrsnetz der Bundeshauptstadt mehr als 933 Kilometer, es gibt 4.400 Haltestellen.

Weniger Autos, weniger Abgase

Der Masterplan Verkehr des Wiener Gemeinderates wurde im Jahr 2003 als Verkehrskonzept für die nächsten 20 Jahre entworfen und im Jahr 2008 evaluiert und überarbeitet. Er sieht vor, dass der motorisierte Individualverkehr bis 2020 von 35 auf 25 Prozent reduziert wird. "Derzeit liegt er bei rund 33 Prozent", erklärt Martin Schipany, Pressesprecher von Verkehrsstadtrat Rudolf Schicker. Seit dem Jahr 2006 seien erstmals mehr Wiener und Wienerinnen mit den "Öffis" unterwegs gewesen als mit dem Pkw. Die weitere Einsparung des Autoverkehrs soll vor allem durch die Förderung des öffentlichen Verkehrs sowie durch Maßnahmen für Radfahrer und Fußgänger erzielt werden. "Ziel ist es, den öffentlichen Personenverkehr bis zum Jahr 2020 von derzeit 35 auf 40 Prozent zu steigern", erklärt Schipany.

Ausbau des U-Bahn-Netzes

Um das zu ermöglichen, wird das U-Bahn-Netz kontinuierlich ausgebaut - die U-Bahn ist bei den Wienern und Wienerinnen immerhin das beliebteste innerstädtische Verkehrsmittel. Bis zum Jahr 2019 soll es von heute rund 70 Kilometer Länge auf knappe 90 Kilometer verlängert werden. Erste Schritte sind bereits erfolgt, in dem noch vor der Fußball-Europameisterschaft 2008 die fünf neuen U2-Stationen bis zur Staiton Stadion in Betrieb genommen wurden.

Ab Oktober 2010 fährt die U2 bis Asperstraße, bis Ende 2013 wird der Ausbau der U2 in den Norden bis Seestadt Aspern abgeschlossen sein. Ab 2019 wird man mit der U2 in südlicher Richtung bis zum Arsenal fahren können. Auch die U1 wird ausgebaut: Bis 2015 ist der Ausbau bis Rothneusiedl geplant. Zusätzlich ist eine Verlängerung der U6 von Floridsdorf über Stamersdorf zum Redezvousberg in Überlegung, jedoch noch nicht spruchreif. "Der Ausbau der U6 hängt von mehreren Faktoren ab und wird nicht vor 2019 geschehen", sagt Schipany.

Reisegeschwindigkeit erhöhren

Beim Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs wird generell Wert darauf gelegt, dass die Reisegeschwindigkeit erhöht wird. Dazu gehört etwa die Kombinierung des vorhandenen U-Bahn-Netzes mit Bussen und Straßenbahnen. "Grundsätzliches Ziel ist es außerdem, die öffentlichen Verkehrsmittel zu bevorrangen", erklärt Schipany. Das bedeutet unter anderem eigene Gleiskörper und Busspuren sowie beeinflussbare Ampeln. "Fast 90 Prozent der vom öffentlichen Verkehr angefahrenen Ampeln haben mittlwerweile eine Bevorrangungsschaltung", erklärt Winkler. Das heißt entweder, dass zum Beispiel Busse den Autos "voreilen" können, oder dass Ampeln automatisch auf grün umschalten, damit für Busse oder Straßenbahnen keine Wartezeiten entstehen.

Flüssiggas und Sonnenenergie

Die Trends im öffentlichen Nahverkehr gehen vor allem in Richtung Umweltfreundlichkeit: Alle 473 Autobusse fahren heute mit Flüssiggas, Sonnenenergie wird für Gleisschmieranlagen sowie zur Warmwasserbereitung und Unterstüzung der Heizung in einigen U-Bahnhöfen genutzt.

Nutzung von Erdwärme und Bremsenergie

Eine innovative und international viel beachtete Art und Weise, im Sommer Stationsräume zu kühlen und im Winter zu heizen basiert auf Erdwärmenutzung. Bei den vier tief liegenden U2-Stationen Schottenring, Taborstraße, Praterstern und Messe Prater transportieren Wärme- und Umwälzpumpen die Wärme aus den umgebenden Erdschichten direkt in die Stationsräume. Auch die Wärme, die die Züge über ihre Klimaanlage abgeben, wird genutzt. Bei bestimmten U-Bahn- und Straßenbahnwagen wird Bremsenergie rückgespeist, um diese zum Fahren zu gebrauchen.

Barrierefreiheit und Videoüberwachung

Ein zweiter Trend im öffentlichen Nahverkehr geht in Richtung Kundenfreundlichkeit und Komfort: Niederflur-Straßenbahnen ermöglichen Barrierefreiheit für Menschen im Rollstuhl sowie für Kinderwägen; alle Busse sind Niederflurbusse. "Im Fahrzeugbereich werden ständig Neuerungen eingesetzt", erklärt Brigitte Gindl, Pressesprecherin der Wiener Linien. "Unter anderem hat die neueste Busgeneration Videoüberwachung, Vollklimatisierung und Lufttrocknung - und bietet den Busfahrgästen ein angenehmes Raumklima während der Fahrt." Die neuesten U-Bahn-Wagen sind durchgängig, klimatisiert und werden ebenfalls videoüberwacht.

Mobiles Reinigungsservice

Apropos Videoüberwachung: Insgesamt sind in ganz Wien rund 1.000 Kameras sowohl in Stationen als auch in Verkehrsmitteln angebracht, um für einen sicheren Betriebsablauf zu sorgen. Seit November sind zusätzlich 40 Mitarbeiter unterwegs, die sich um einen reibungslosen Ablauf kümmern. Sie sind an den gelben Westen erkennbar. Darüberhinaus sorgt nun auch ein mobiles Reinigungsservice - erkennbar an den grünen Westen - dafür, dass schon während des Tages Abfälle beseitigt werden.

Spiegel bald, ULFs bitte warten

Das perfekte öffentliche Verkehrsmittel ist freilich noch Zukunftsmusik. Jene Babys, die mangels Niederflur-Straßenbahnen von ihren Eltern in halsbrecherischer Art und Weise in die alten Straßenbahnen rein- und rausgehievt werden, werden schon in der Pubertät sein, wenn wirklich flächendeckend Ultra Low Floor-Garnituren (ULFs) verkehren werden. Bis 2014 sollen aber zumindest 300 ULFs im Einsatz sein. Und: Bis Ende 2010 sollen alle Straßenbahnen einen Außenspiegel zur Vermeidung von Unfällen bekommen. Immerhin. (Maria Kapeller, derStandard.at, 18.12.2009)

  • U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, Bus: Schon jetzt wohnt ein Großteil der Stadtbevölkerung im unmittelbaren Einzugsgebiet einer Haltestelle.
    foto: wolf-dieter grabner

    U-Bahn, S-Bahn, Straßenbahn, Bus: Schon jetzt wohnt ein Großteil der Stadtbevölkerung im unmittelbaren Einzugsgebiet einer Haltestelle.

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