Ohne Mehrwert

Putz- und Müllpersonal mehr wert als Banker

16. Dezember 2009 12:11
  • Artikelbild
    Foto: apa/rainer jensen

    Müllpersonal bringt der Gesellschaft mehr als Top-Banker

Hohe Löhne tragen nicht automatisch zu Wohlstand der Gesellschaft bei - Werbefachleute und Steuerberater laut Studie noch destruktiver als Banker

London - Während sich Londons Banker gerade noch Gedanken darüber machen, wie sie ihre großzügigen Weihnachtsboni ausgeben und deren geplante 50-prozentige Besteuerung verhindern sollen, setzt der unabhängige Think Tank new economics foundation (nef) noch eins drauf. Anhand einer neuen Methode haben die Experten eigenen Angaben zufolge erkannt, dass Finanzmanager zum gesellschaftlichen Wohlstand weniger beitragen als etwa Putzpersonal in Krankenhäusern oder Müllpersonal. Im Gegenteil: Sie sollen sogar Wert vernichten. Noch destruktiver als die Banker seien Werbefachleute und Steuerberater.

Trotz Finanzkrise wollen Banken auch in diesem Jahr Gratifikationen in Rekordhöhe auszahlen. "Bis eine Regulierung umgesetzt wird, ist die Krise längst vorbei", meint Hans-Peter Burghof, Lehrstuhlinhaber für Bankwirtschaft und Finanzdienstleistung an der Universität Hohenheim. Vor wenigen Tagen wagte London nun einen Vorstoß mit der Ankündigung, die Hälfte der Boni in Form einer neuen Steuer kassieren zu wollen. Bei der mächtigen Bankenlobby stieß man damit auf Empörung.

Hohe Bezahlung ist nicht gleich gesellschaftliche Leistung

Spätestens die als "unverschämt" bewertete Reaktion der Finanzbranche hat in der Kontroverse um überzogene Manager-Löhne und Boni fundamentale Fragen aufgeworfen. nef hat daher einen Weg gesucht, um den Wert verschiedener Berufe für die Gesellschaft zu bemessen - und ihn nach eigenen Angaben auch gefunden. Dabei räumt die selbsternannte Denkfabrik gleich mit dem vorgeblichen Mythos auf, dass hohe Gehälter durch den Mehrwert der Berufe für die Gesellschaft gerechtfertigt seien. Vielmehr müsse ein gesundes Verhältnis zwischen Löhnen und dem tatsächlichen Wert der Arbeit herrschen.

Um den Wert einer beruflichen Tätigkeit für die Gesellschaft zu bemessen, stellen die Experten anhand der Methode "Social Return on Investment" dem Einkommen soziale, wirtschaftliche und Umwelt-Leistungen gegenüber. So werden mit den Gehältern etwa Steuerzahlungen und die Anzahl geschaffener Jobs verglichen, um zu erkennen, inwieweit eine Berufsgruppe Werte für die Gesellschaft erzeugt oder sie zerstört. Bislang reflektieren Lohnverhältnisse den wahren von einzelnen Berufsgruppen geschaffenen Wert oft nicht.

Steuerberater zerstören 47 Pfund pro verdientem Pfund

Den Erkenntnissen zufolge vernichten Top-Banker mit Einkommen von einer Million Pfund (rund 1,11 Mio. Euro) und mehr für jedes Pfund, das sie verdienen, sieben Pfund an Wert. Bei Steuerberatern und Führungskräften von Werbeagenturen fällt die Bilanz noch deutlich schlechter aus. Erstere zerstören für jedes verdiente Pfund das 47-fache. Für die Werbefachleute zahlt die Gesellschaft einen Preis von elf Pfund pro geschaffenem Pfund.

Im Gegensatz dazu schafft etwa Putzpersonal in Krankenhäusern einen gesellschaftlichen Mehrwert von zehn Pfund pro verdientem Pfund. Gerade im Niedriglohnsektor sei das Verhältnis zwischen Einkommen und gesellschaftlicher Wertleistung schnell ein positiveres als auf Top-Gehaltslevels. Müllpersonal generiert angesichts des Beitrags für die Umwelt zwölf Pfund für die Gesellschaft, während Kinderbetreuer einen zusätzlichen Gewinn zwischen sieben und 9,50 Pfund pro verdientem Pfund erarbeiten. (pte)

Link zu Studie (PDF-Download)

"A Bit Rich"

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 78
1 2 3
Der Bockerer
27.12.2009 10:49
Der Vergleich ist einfach schwachsinnig

Wenn es den Bankinstituten wert ist, dann sollen diesen den Managern zahlen dürfen, was sie wollen. Es herrscht ja immerhin das Gesetz der Marktwirtschaft: Angebot und Nachfrage.

Ungerecht ist jedoch, wenn die Manager so hohes Gehalt beziehen unabhängig von Ihrer erbrachten Leistung. Immerhin müssen wir das bezahlen, was sie verbockt haben, also können diese Herrn Manger auch was dafür beitragen und nicht nur einfach Business as usal machen. In der IT Branche beispielsweise bekommen wir auch nur dann eine Prämie, wenns der Firma gut geht.

Es ist nicht unbedingt die Höhe, welche Unmut hervorruft, sondern dass niemand zur Verantwortung gezogen wird.

Alkolix
30.12.2009 12:04

die studie zeigt doch gut, dass dir marktwirtschaft von einem werteschaffendem system hin zu einem wertezerstörendem system kippt

das system ist durchschaut und lässt sich von wohlhabenden leicht zum eigenen vorteil ausnützen

hier bedarf es änderungen an den spielregeln um unseren wohlstand weiter zu steigern anstatt ihn abzubauen

Saansch van Hagen
 
29.12.2009 16:50
finde ich nicht...

hier geht es nicht darum ob jemand viel verdienen soll oder nicht, sondern ob ein Nutzen für das Gesamtsystem (also die Gesellschaft) entsteht.

Es ist vollkommen richtig das ein Steuerberater werte zerstört (er hilft den wohlhabenden Geld zu sparen, steuern zu hinterziehen, bilanzen zu fälschen, usw.)

In der WErbung werden unglaubliche Summen für Kampagnen bezahlt - der Nutzen für die Gesellschaft steht in keiner Relation zu dem was der Herr Creative Director verdient
(persönliche Erfahrung)

1 Wolfgang 1
31.12.2009 14:31

Sie sehen das zu eng. Ein guter Steuerberater ist auch ein wirtschaftlicher Berater, der im notfalls sogar helfen kann, eine Firmenpleite zu verhindern.

An einer Kampagne verdient ja nicht nur der Werbefuzzi, sondern auch dessen Angestellten (Texter, Zeichner, etc.), Drucker, Werbeabteilungen in TV, Radio, Verlage, etc., abgesehen davon, dass auch Kampagnen für NGOs und caritative Einrichtungen gemacht werden.

Man kann Berufe eben nicht isoliert betrachten.

Der Bockerer
29.12.2009 18:43

(Der negative Punkt ist nicht von mir, ihre Meinung lasse ich gerne zu,)

Zum Nutzen: Wenn es einen Nutzen einer Berufsgruppe gibt, muss im Gegensatz auch Verantwortung geben

Zum Creativ Director: Manager werden immer mehr verdienen, ist bei uns in der IT auch nicht anders. Generell darf ein Verantwortlicher auch gerne mehr verdienen,muss aber gleichzeitig auch die Konsequenzen ziehen müssen

Das traurige ist, dass einfach Busines as usal gemacht wird, und keine Konsequenzen gezogen werden (zB keine Futures mehr, etc.)

Handel darf ja getrieben werden, aber der Gier muß ein Riegel vorgeschoben werden

Der Bockerer
29.12.2009 18:47

Durch solche Ausreden entsteht einfach der Eindruck (zB auch in der Justiz) dass es einfach keine Gerechtigkeit mehr gibt und die Großen ungeschoren davon kommt.

Es fehlt einfach ein Mechanismus, der mehr Gerechtigkeit schafft, wie es meiner Meinung nach in der sozialen Marktwirtschaft im letzten Jahrhundert halbwegs der Fall war (hier konnte man durch Studium, etc. Karrerie machen).

Diese fehlende Gerechtigkeit, soziales Mitgefühl und fehlende Verantwortung geht mir einfach ab in dieser Gesellschaft. Es herrscht einfach nur Gier, Gewinnmaximierung und sogar solche scheinheiligen Argumente rechtfertigen Boni der Manger.

Einfach nur Unfair ohne Chance daran etwas ändern zu können

Der Bockerer
27.12.2009 11:07

Die sollen mal lieber den "Social Destroy of Gier" ausrechnen, den die Banker angerichtet haben.

Die Studie ist doch nur ein Bluff, ein Ablenkungsmanöver. Das kann doch keiner ernst nehmen.

Frechheit

Jambala Magdalena
26.12.2009 14:44

Aber sagt das mal einer den Politikern, die geben doch zu verstehen, dass es ihnen lieber ist, wenn die Menschen eine Grundsicherung in Anspruch nehmen, anstatt für wenig Geld putzen zu gehen.

Arthur D Little
 
26.12.2009 00:49

Steuerberater kommt ja schon nahe hin...
aber was ist dann eigentlich generell mit Bürokraten und vor allem Spiegelbürokraten, eine eigene Berufslobby die sich sogar selbst ihre Budgets aufblähen kann. Das Heer an Regulationsbehörden und ebensolcher Stabstellen in Konzernen die dem Steuerzahler immer wieder erklären wollen, wie wichtig sie seien ... ?

1 Wolfgang 1
17.12.2009 12:37

Diese Studie ist ein interessanter Denkansatz, aber

- ist in UK entstanden und orientiert sich an der dortigen Einkommensverteilung, die viel extremer ist als bei uns

- rechnet den Investmentbankern die gesamten Kosten der Krise an - wie hätte diese Rechnung z.B. in 2006 ausgesehen?

Bei der Kinderbetreuung wird u.a. auch angeführt, dass Eltern dadurch weiterhin arbeiten können, offenbar wird dieses Einkommen auch einbezogen, was doch fragwürdig ist, denn wie wird dann das Einkommen der Eltern bewertet?

etc.

Es wurden bewußt polarisierende Berufe ausgewählt um möglichst große Unterschiede zu erzeugen.

Das ist ein Denkanstoß, aber kein Modell, das der Realität standhält.

Alkolix
30.12.2009 12:06

es fehlt analog zur unteren grenze (mindestlohn) auch eine obere grenze (z.b. bezüge des kanzlers/präsidenten)

RS69
30.12.2009 14:10

Warum nicht gleich Top-Qualifizierte Jobs verbieten?

Welches Unternehmen braucht schon KnowHow?

Alkolix
30.12.2009 14:23

wieso verbietet man damit top qualifizierte jobs?
das haben sie sich nicht genauer überlegt...

RS69
30.12.2009 14:37

Weil gerade diese Besserverdiener meist mobil sind. Dann finden's eben - um's halbe Geld - nur die Zweitklassigen.

Alkolix
30.12.2009 14:43

würde vorraussetzen, das durch freunderlwirtschaft (networking) immer der best genommen wird ;)

gerade in bereichen wo man persönliche leistung wirklich messen kann z.b. F&E geht es sowieso nicht um gehälter jenseits des bundespräsidenten...

RS69
30.12.2009 15:04

Für viele recht gut bezahlte Tätigkeiten reicht Freunderlwirtschaft nicht. Die reicht maximal, um überhaupt rein zu kommen.

Es gibt ja nicht nur den staatsnahen und Grossunternehmens- Bereich.

Alkolix
30.12.2009 15:36

in kleinen/mittleren unternehmen werden sie auch keine gehälter jenseits des bundespräsidenten finden

RS69
30.12.2009 15:48

Die sind in kleinen und grossen Unternehmen recht selten - und es gibt sie da wie dort.

Deswegen ist es auch fraglich, welchen volkswirtschaftlichen Effekt man Sie sich davon erwarten, die zu verbieten.

Alkolix
30.12.2009 17:17

dann werden sie eben durch "bescheidenere" konkurrenten ersetzt

glauben sie mir - es gibt wohl keine stelle die bei 20000€ monatsgehalt mangels qualifizierter bewerber nicht besetzt werden kann

RS69
30.12.2009 17:36

Dem einen oder Anderen wird aufgefallen sein, dass es nicht darum geht, irgend jemanden zu finden, der die Stelle besetzt. NAch dem Argument könnte man ALLE Einkommen auf 1500 EUR setzen - irgendwer findet sich schon, der die Stellen besetzt.

Master Schlowinger
 
19.12.2009 15:59

auch bei uns verdient ein steuerberater mehr als eine putzfrau.
aber danke für den kritischen kommentar.

Phryx Sodalis
17.12.2009 12:05

Abgesehen davon ist ein Finanz- und Steuersystem immer verbesserungswürdig, nur ist in einer komplexen Wirtschaftsordnung mit unterschiedlichsten Bedürfnissen dem auch Rechnung zu tragen. Eine Alternative wäre natürlich die Umstellung auf eine höhere Konsumsteuer, bei der gibt es aber wieder andere Probleme. Ich glaube nicht, dass das System insgesamt schlecht ist, aber man sollte weit mehr für soziale Härtefälle und Bildungschancen tun.

Phryx Sodalis
17.12.2009 11:59

Das Ergebnis dieser Studie ist natürlich nicht überraschend. Witzig ist nur die Entwicklung eines "Social Return on Investment", möchte wissen, wieviel diese sog. Forscher dafür bekommen haben. Vor allem stellt sich die Frage nach den Konsequenzen. Klar wollen viele Menschen Finanzleute mit dem Fetzn jagen, aber in der Realität ist eine Begrenzung der Gehälter wohl nur im Spitzensegment denkbar und wünschenswert. Wenn der Bankmanager statt 10 Mio. nur mehr 5 Mio bekommt, wird er den Job trotzdem ausüben, sofern er keine besseren Alternativen hat (und in dem Segment gibts vermutlich weniger). Nur wenn man der Putzfrau dasselbe bezahlt wie dem Steuerberater, produziert das am ehesten Arbeitslose.

Phryx Sodalis
17.12.2009 11:48

Allen, die sich hier so ereifern, sei der Auszug der Plebejer nahegelegt:
http://de.wikipedia.org/wiki/Agri... us_Lanatus

C18H27NO3
17.12.2009 07:50
man braucht sich nur vorzustellen was wäre wenn eine berufsgruppe plötzlich vom erdboden verschwindet

z.B.
Feuerwehrleute,
Ärzte,
Rettungsfahrer,
Altenpfleger,
Putzpersonal, Müllleute,
Bauern,
Banker

ja, wen vermisse ich aus der liste, wen nicht...

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 78
1 2 3

Die Kommentare von Usern und Userinnen geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Der/Die Benutzer/in kann diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die derStandard.at GmbH vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.