Die kranken Verwalter

15. Dezember 2009, 12:03
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Jeder zweite Wiener Beamte wird vorzeitig dienstunfähig, durchschnittlich mit 53 Jahren – Die ÖVP spottet: "Der Dienst bei der Stadt Wien macht krank"

65: So hoch liegt das gesetzliche Pensionsantrittsalter in Österreich. 60: So alt ist der Österreicher tatsächlich, wenn er in Pension geht. 53: In diesem Alter tritt die Hälfte der Wiener Beamten die Frühpension an. Was ist da los?

Exodus aus den Magistraten

"Es ist das System SPÖ", schäumt Wolfgang Ulm. Die Zahlen, sagt der ÖVP-Gemeinderat, würden die rote Stadtregierung von selbst richten: 900 Wiener Beamte verabschiedeten sich 2009 in die Pension, davon 585 vorzeitig aus gesundheitlichen Gründen. Die Wiener SPÖ trage die Schuld für ein "schlechtes Betriebsklima", anders sei der krankheitsbedingte Exodus aus den Beamtenstuben nicht zu erklären. "Arbeiten bei der Stadt Wien macht krank", sagt Ulm.

Im Büro von Stadträtin Sandra Frauenberger (SPÖ), zuständig für das Beamtenpersonal, relativiert man diese Zahlen: Hier kommt man auf lediglich 813 Pensionierungen, davon 401, weil es gesundheitlich "nicht mehr ging". Rückenleiden und Burnout seien häufig die Gründe. Kurzum: Laut SPÖ-Stadträtin scheidet die Hälfte mit einem ärztlichen Attest vorzeitig aus dem Dienst, laut ÖVP-Gemeinderat Ulm sind es zwei Drittel. Die unterschiedlichen Zahlen erklären sich daraus, dass die SPÖ-Politikerin ausgelagerte Betriebe wie Stadtwerke und Krankenanstalten nicht einrechnet.

"Der Beamte kann nimmer"

Egal welche Zählweise: Ein Vergleich mit der Privatwirtschaft fällt für die Stadt Wien in jedem Fall verheerend aus. Laut Pensionsversicherungsanstalt waren im Jahr 2009 (bis Ende Oktober) von 12.674 Pensionierungen bei privat Beschäftigten in Wien nur 4017 der schlechten Gesundheit geschuldet. Damit gingen 32 Prozent der Mitarbeiter in der Privatwirtschaft krankheitsbedingt in Rente - ein weit besserer Wert als bei den öffentlich Bediensteten.

Doch wie kommt man überhaupt zum krankheitsbedingten Ruhestand? Zunächst muss man einen Antrag bei seinem Dienstgeber stellen, zum Beispiel eben der Gemeinde Wien. "Der Beamte sagt, er kann nimmer, weil er dieses und jenes hat", erläutert Johannes Trauner, Pressesprecher der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (BVA), und nennt zwei plastische Beispiele: "Ein Heizer oder Postler muss schwer schleppen, dann geht er zum Amtsarzt und bemüht sich um ein Gutachten." Wird ein solches Attest erstellt, ist der Weg in die Frühpension frei - und die Wiener Landesbeamten beschreiten diesen weit öfter als etwa Bundesbeamte.

SPÖ-Beispiel: Feuerwehrmann

Frauenberger lässt über ihre Sprecherin ausrichten, dass der Zustand "sicher nicht zufriedenstellend" sei. Gleichzeitig heißt es im Büro der Stadträtin aber, dass in die Gruppe 'Landesbeamte' im Fall von Wien ja auch Feuerwehrleute, Krankenpfleger und Kfz-Techniker fielen. Und diese körperlich schweren Arbeiten würden das Pensionsantrittsalter drücken. Zudem fahre die Stadt bereits "massive Programme", um die Landesbeamten gesund und damit im Beruf zu halten.

So wurde im Oktober 2006 eine eigene Magistratsabteilung mit dem sperrigen Namen "Bedienstetenschutz und berufliche Gesundheitsförderung" eingerichtet. Die Angebote reichen von Gymnastik bis Stressberatung und sollen das Schlagwort "Productive Aging" mit Leben füllen.

Pensionsalter der Wiener Beamten sinkt

An Zahlen lässt sich ein Erfolg nicht messen: Das durchschnittliche Alter der Frühpensionisten unter den Wiener Landesbeamten liegt heuer bei 53. Rechnet man die regulären Pensionsantritte ein, kommt man auf 56,8 Jahre. Diese niedrigen Werte stehen auch zwischen SPÖ und ÖVP außer Streit. ÖVP-Politiker Ulm: "Die Wiener Beamten empfinden ihre Arbeit als demotivierend. Sonst hätten wir nicht die vielen Krankenstände und Frühpensionen."

Doch auch der Rechnungshof stellt der Wiener Personalpolitik kein gutes Zeugnis aus: Das faktische Pensionsantrittsalter der Bundesbeamten stieg im Vorjahr auf 60,1 Jahre (2002: 59,8). Bei den Wiener Landesbeamten sank es sogar, bis zuletzt auf die erwähnten 56,8 Jahre (2002: 58,9).

Privilegien en masse

Und auch bei der Anpassung der Pensionssysteme kritisieren die Prüfer des Rechnungshofes die Bundeshauptstadt. Während der Bund seinen Beamten ein vorbildliches Sparprogramm verpasse - bis 2028 wird deren Pension in Richtung ASVG-System harmonisiert -, lässt sich Wien Zeit. Hier werden die Beamten erst im Jahr 2042 eine vollends harmonisierte Pensionsregelung verpasst bekommen. "Eine Raumschiff-Enterprise-Lösung", raunt ÖVP-Kritiker Ulm angesichts der fernen Jahreszahl. "Da wird nicht harmonisiert, sondern privilegiert."

Hätte Wien schneller umgestellt, würden 130 Millionen Euro eingespart werden, zeigte der Rechnungshof auf. SPÖ-Finanzstadträtin Renate Brauner wischte derlei Kritik im Interview mit dem STANDARD bereits weg: "Wir sind nicht reformunwillig, das war eine bewusste politische Entscheidung." (Lukas Kapeller, derStandard.at, 15.12.2009)

  • Angeschlagen: Je nach Zählweise sind die Hälfte bis zwei Drittel der
Wiener im öffentlichen Dienst körperlich am Ende, wenn sie ihre Pension antreten. Das macht wieder die Stadt-VP krank.
    montage: derstandard.at

    Angeschlagen: Je nach Zählweise sind die Hälfte bis zwei Drittel der Wiener im öffentlichen Dienst körperlich am Ende, wenn sie ihre Pension antreten. Das macht wieder die Stadt-VP krank.

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