Abladeplätze für vergessene Menschen

14. Dezember 2009, 19:25
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Chronische Gleichgültigkeit, körperliche Gewalt und hochdosierte Medikamente sind noch immer tägliche Routine im Umgang mit psychisch Kranken und geistig Behinderten in Südosteuropa. Und die EU schaut weg.

Eine Frau schreit sich die Seele aus dem Leib, in dem umzäunten, verlassen wirkenden Hof. Die Frau ist barfuß, mager und in Lumpen gekleidet. Eine zweite Gestalt, von hunderten Fliegen bedeckt, rollt sich auf dem Boden. Mit schmutzigen Händen umklammert sie zwei Brocken Brot. Und da ist noch ein Mädchen, das sein trockenes Brot in die schmutzige Pfütze vor den Toiletten taucht. Dann isst sie es. Niemanden kümmert das.

Es ist Mittagessenszeit in Goren Chiflik, einer Einrichtung in Ostbulgarien, in der 90 Frauen mit geistigen Behinderungen und psychischen Störungen leben. Das Heim ist kürzlich renoviert worden. Aber diesen Ort des Horrors, diese Baracken für die am stärksten behinderten Bewohner, hat man so gelassen, wie sie waren. Sie sind gut versteckt. So gut, dass die Leiterin der örtlichen Direktion für Sozialschutz sagt, sie habe sie noch nie gesehen, obwohl sie die Einrichtung oft besucht habe. Die 30 Frauen in den Baracken dürfen nicht mit den anderen essen. Stattdessen bekommen sie ihre Mahlzeiten hinter dem Zaun, der den Hof in einen Käfig verwandelt.

Für diesen Artikel habe ich in Einrichtungen für geistig behinderte oder psychisch gestörte Erwachsene in Bulgarien, Rumänien und Serbien besucht, größtenteils undercover. Bulgarien und Rumänien sind seit 2007 EU-Mitglieder, und Serbien will es werden. Alle drei Länder haben eine trostlose Geschichte, wenn es um staatliche Pflege geht. Sie sind weit davon entfernt, internationale Standards zu erfüllen.

In einem Heim für geistig behinderte Erwachsene in Radovets treffe ich 76 völlig lethargische Männer an. Viele zittern, die Gesichter sind starr, Bewegungen wirken schwerfällig. Radovets ist ein winziges Dorf in Südostbulgarien, und wie die meisten Einrichtungen liegt auch die dortige so abgeschieden, wie es nur geht. Offiziell bin ich in Radovets als Forscherin für das Bulgarische Helsinki-Komitee (BHC), die einflussreichste Menschenrechtsorganisation im Land.

Ein Medikament für alle

Obwohl bei fast allen Bewohnern Schizophrenie diagnostiziert wurde, gibt es in Radovets keinen Vollzeit-Psychiater. Der Heimleiter Krayo Kraev sagt, dass im Umkreis von 50 Kilometern nur ein einziger solcher Spezialist arbeite, und der komme nur einmal im Monat vorbei. So bekommen alle Männer die gleiche Therapie. Das Medikament Haloperidol steht in jeder Krankenakte, die ich einsehe.

Experten sagen, dass Haloperidol, ein altes Psychopharmakum, starke Nebenwirkungen habe, darunter Tardive Dyskinesie. Wer daran leidet, bewegt unkontrolliert das Gesicht, die Hände, die Füße. Außerdem kann Haloperidol Akathisie verursachen. Man schaukelt dann ständig vor und zurück. "Die Menschen werden nicht behandelt, sondern beherrscht" , klagt Krasimir Kunev, Leiter des BHC. "Ich habe noch nie so ausgeprägte Nebenwirkungen gesehen."

"Wir halten das für Folter, was wir gesehen haben" , sagt Eric Rosenthal, Geschäftsführer von Mental Disability Rights International (MDRI), "ans Bett gefesselte Kinder; ein Mann, der elf Jahre nur im Bett lag." 2007 hat MDRI einen vernichtenden Report über Serbien veröffentlicht, der den gewohnheitsmäßigen Gebrauch von körperlichem Zwang und erniedrigender Behandlung in serbischen Pflegeheimen anprangerte. Serbiens Behörden haben die Vorwürfe damals wütend zurückgewiesen. Wer beim serbischen Sozialministerium nach der aktuellen Situation in den Pflegeheimen fragt, erhält nur die schriftliche Antwort auf den MDRI-Report 2007.

In Kulina, einer Einrichtung in Südostserbien, in der 500 Erwachsene und Kinder mit geistiger Behinderung und Entwicklungsstörungen untergebracht sind, sind Anzeichen von Verbesserungen zu entdecken. Ein attraktives neues Gebäude für betreutes Wohnen wurde gebaut. Es gibt auch einen neuen Sportplatz und Aufenthaltsräume, wo weniger stark behinderte Kinder malen und spielen können. Aber auch hier gibt es ein Paralleluniversum.

In einem zweistöckigen Haus für Bewohner, die sich nicht bewegen können, gibt es keinen Aufzug. Im Obergeschoß finde ich Menschen in einen dunklen Raum gepfercht. Sie werden offenbar nie nach draußen gebracht. Es ist totenstill.

Die schwer behinderten Kinder in Kulina verbringen ihre Zeit bewegungslos im Bett, manchmal gewaltsam fixiert, oder sie werden in leeren Aufenthaltsräumen an Stühle gebunden. Einige wippen auf dem Boden, vor und zurück. Bettlägerige Jugendliche wirken nicht älter als Vierjährige. Kinder in Gitterbetten sind spindeldürr, ihre Arme und Beine verkümmert, weil sie nicht benutzt werden.

Im rumänischen Gura Vaii gibt es nicht einmal immer Zugang zu fließendem Wasser. Die 56 Patienten duschen einmal pro Woche. Pflege gibt es nicht, die zwei Aufenthaltsräume sind verschlossen und unbenutzt. Wird hier irgendetwas anderes gemacht als Medikamente zu verteilen? "Na, die Musik draußen" , sagt der Leiter und meint das Radio, das im Hof plärrt.

Bukarest schweigt

Das rumänische Gesundheitsministerium will nichts zu den Zuständen in Gura Vaii und anderen Heimen sagen. Die Europäische Kommission schon. "Der EU-Kommission sind die derzeitigen Probleme in bulgarischen und rumänischen Einrichtungen vollkommen bewusst" , heißt es in einer Stellungnahme. Es gebe die Möglichkeit, "die Zahlungen aus dem Europäischen Sozialfonds in bestimmten Fällen auszusetzen" . Die Forderung von Experten, die EU solle von ihren Beitrittskandidaten größere Fortschritte bei der Einhaltung von Menschenrechten verlangen, will die Kommission aber nicht kommentieren.

"Bulgarien und Rumänien sind sprichwörtlich ungestraft mit Mord davongekommen" , sagt Oliver Lewis von der internationalen Menschenrechtsorganisation Mental Disability Advocacy Center. "Die Menschen waren und sind oft der groteskesten Vernachlässigung und Missbrauch ausgesetzt."

Laura Parker, die vor Bulgariens Beitritt als Sozialpolitik-Beraterin für die EU-Kommission in Sofia arbeitete, sagt: "Es ist klar, dass die Entscheidung, die EU zu erweitern, vor allem eine politische war und Menschenrechte einfach nicht das wichtigste für die EU sind." Parker und ihre Kollegen versuchten in ihren Berichten, "die Realität zu beschreiben" . Aber EU-Beamte hätten die Texte bearbeitet. "Die Endversion des offiziellen Berichts gibt die Situation nicht genau wieder" , sagt Parker. Die Einrichtungen für die Schwächsten in Bulgarien, Rumänien und Serbien sind weit weg von Brüssel und den EU-Regierungen. Und so bleiben sie, was sie sind: Abladeplätze für vergessene Menschen.

Der Friedhof von Radovets ist ein Sinnbild für diese Gleichgültigkeit. Etwa ein halbes Jahrhundert lang hatte das Pflegeheim ein eigenes Areal dort. Dutzende frühere Bewohner liegen unter dem überwucherten Feld. Trotzdem gibt es nur einige wenige Grabsteine. Anonymität im Tod ist das logisches Ende für ein Leben ohne Rechte, ohne Identität. (Yana Buhrer Tavanier, Übersetzung: Susanne Klaiber, DER STANDARD, Printausgabe 15.12.2009)



Yana Buhrer Tavanier


Identitäten in Südosteuropa:

Identität war das Thema des diesjährigen Balkan Fellowship for Journalistic Excellence. Das von der Erste-Stiftung und der Robert-Bosch-Stiftung gemeinsam mit dem Balkan Investigative Reporting Network (Birn) ausgerichtete Stipendienprogramm will den Qualitätsjournalismus in Südosteuropa fördern. Jährlich erhalten zehn bereits erfahrene Print-Journalistinnen und -Journalisten der Region ein Stipendium und Reisespesen für ihre Recherchen. Diesmal ging es in den Beiträgen unter anderem um Homophobie in Montenegro, gefälschte Personalausweise in Rumänien, Mischehen in den Ländern Ex-Jugoslawiens oder die bewusste "Antikisierung" der nationalen Identität Mazedoniens. Der Standard veröffentlicht als Medienpartner (gemeinsam mit der Süddeutschen Zeitung) die Beiträge der drei Preisträger in gekürzter Form. Den Anfang macht die Bulgarin Yana Buhrer Tavanier, die mit ihrer Reportage über die Verhältnisse in Heimen für geistig Behinderte und psychisch Kranke in Bulgarien, Rumänien und Serbien den dritten Preis erhielt.

DER STANDARD Webtipp: fellowship.birn.eu.com

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Bewohnerin-nen des Heimes in Goren Chiflik, 400 km östlich der bulgarischen Hauptstadt Sofia. Hinter diesem scheinbar unverfänglichen Bild gibt es eine Parallelwelt.

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