Wenn der Staat zum Rettungsengel wird

14. Dezember 2009 18:43

Vom Wesen der "Konjunkturpakete" und "Auffangaktionen" im Lichte der Zeittheorie des Kirchenvaters Augustinus - Von Peter Seele

Die jüngste Kritik der Ratingagentur Moody's am Osteuropa-Risiko österreichischer Banken richtet sich neuerdings zusätzlich gegen staatliche Rettungspakete. Diese hätten, so Moody's als Daumenheber und -senker des globalen Finanzzirkus, das Ausfallrisiko von Bankschulden im Gesamtvolumen von 450 Mrd. Dollar global erhöht. Nun wissen wir nicht, wie eine Welt ohne Rettungspakete und Staatsinterventionen heute aussähe, wenn also noch mehr Banken aufgrund geschmolzenen oder negativen Eigenkapitals umgefallen wären und möglicherweise jener vielbeschworene Finanztsunami mit global fatalen Folgen ausgelöst worden wäre. Glückliches Unwissen, möchte man meinen. Doch was genau ist ein Rettungspaket, auch im Hinblick auf seine jüngeren Brüder, die Konjunkturprogramme wie Abwrackprämien, Autobahnausbau oder Kurzarbeit?

Hüter des Stricks

Der Begriff "Rettungspaket" lehrt uns, dass die Maßnahmen rasch zu erfolgen haben: "Rettung" ist hierbei die Erlösung aus dem akuten Notstand. Das "Paket" steht für die fest zusammengefügte Entschiedenheit, mit der die Rettung umzusetzen ist. Der Staat übernimmt Garantien für den Fortbestand der ökonomischen Institutionen und unseres liebgewonnenen Wohlfahrtshabitus.

Im Hinblick auf die Umsetzung unterscheiden sich Rettungspakete und Konjunkturhilfen auffallend, nicht allerdings im Ursprung ihrer Mittel: Der Staat als Erlöser und Hüter des reißenden Stricks übernimmt Sicherheiten für wertlos gewordene Verbriefungen, jene "toxic assets". Aktuell wird lebhaft diskutiert und - da keine Zahlen veröffentlicht werden - spekuliert, wie umfangreich das Rettungspaket der jeweiligen Regierung sei. Hier sind die USA weiterhin die entscheidende Größe und die Ende 2008 konstatierten 700 Milliarden Dollar sind mutmaßlich jener sprichwörtliche Teil des Eisbergs, der an der Oberfläche sichtbar ist.

Die Details sind wichtig und die Grundlage des vernünftigen Umgangs mit der Krise. Ebenso gravierend ist die Frage: Haben wir schon verstanden, was ein Konjunkturpaket in einer Finanz- und Wirtschaftskrise jenseits von Kennzahlen und Kursanalysen, Anschuldigungen und Absichtserklärungen, Vertrauensbeschwörungen und Verzichtsankündigungen wirklich ist?

Mit Konjunkturpaketen wird der Übergang zwischen Normal- und Ausnahmezustand verhandelt und koordiniert. Sie übernehmen eine Schwellenfunktion: Durch die Rettung wird der Normalzustand beibehalten, die Grundlage dies zu tun, erfolgt durch ein "Notstandsgesetz", das der Sphäre des Ausnahmezustandes zuzurechnen ist.

Die oszillierenden Wechsel zwischen Krise und Normalität, die Wellen und Wirtschaftszyklen, der wechselnde Böschungswinkel von Auf- und Abschwung geschehen nicht zweiwertig wie ein Lichtschalter, bei dem es nur "ein" oder "aus" gibt. Vielmehr vollziehen sich Übergänge in einem graduellen Prozess. Der große Vorteil und integrale Effekt einer solchen Maßnahme lautet dabei: Konjunkturpakete haben die Macht, das Blatt zurück zu wenden, bevor das Blatt sich wendet.

Dies macht Rettungspakete so immens wichtig und unverzichtbar. Sie können über die Krise hinweg eine stabile Struktur aufrechterhalten, welche die Krise wie eine feste Brücke im Normalzustand überquerbar macht. Und - so das Postulat aller Rettungspakete - nach der Krise kommt der neue Aufschwung, der so steil sein wird, dass er die Altlasten des Rettungspaketes zusätzlich tilgen kann.

Vielleicht hilft uns die erste Theorie der Zeit von Augustin aus dem 4. Jahrhundert, die Idee eines Rettungspaketes besser zu verstehen und seine heilsame Wirkung besser einschätzen zu können: Für Augustin ist die Zeit die memoria, die Erinnerung als die "Ausdehnung der Seele". Die Vergangenheit ist bei Augustin die Gegenwart der Vergangenheit, wie es die Gegenwart der Gegenwart und die Gegenwart der Zukunft gibt (Confessiones Buch X). Übertragen auf das Konjunkturpaket bedeutet die augustinische Zeittheorie folgende Konsequenz:

Das Konjunkturpaket, das seinem Wesen nach schuldenfinanziert ist, ist in bester augustinscher Begrifflichkeit schon heute die Gegenwart der Zukunft. Die dafür übernommenen Schulden zur Stabilisierung des gegenwärtigen Konsums und Systems bezahlt der Staat mit den zukünftigen Erträgen, die größer sein müssen als der Konsum in der dann gültigen Gegenwart und unserer heutigen Gegenwart, also der dann gültigen Vergangenheit.

John Maynard Keynes, der Vater des modernen Begriffs der Konjunkturmaßnahme bezeichnet denn auch das Geld in bester augustinscher Tradition als "Verbindungsglied zwischen der Gegenwart und der Zukunft".

Der zukünftige Aufschwung muss also immens sein, da er seine Gegenwart und unsere, dann historische Gegenwart zu finanzieren hat. Wie weit in die Zukunft hinein kann diese Brücke also im Sinne einer trittfesten Statik konstruiert sein und wie steil muss der Aufschwung sein, um auf der andere Seite die Festigkeit zu erzeugen, die diese gewaltige Brücke erfordert?

Die Antwort mag nicht befriedigen: Die Hoffnung stirbt zuletzt. Doch genau diese Hoffnung, diese Erlösungsabsicht ist ausgedrückt und eingepreist in den staatlichen Garantien und Wandelanleihen in Form von Konjunkturpaketen und Stabilisierungsprogrammen. Und eben jetzt in der Kritik der Moody's Wachhunde.

Diese staatlichen Garantien setzen den Glauben an diese vom Staat, jenem letztinstanzlichen Kreditgeber (Lender of last Resort) übernommenen Garantien voraus. Konjunkturpakete sind daher im Idealfall sich selbst-erfüllende Prophezeiungen, die durch den Glauben daran und die begründete Hoffnung auf Besserung Wirklichkeit werden. In augustinischer Begrifflichkeit und Genauigkeit sind sie die öffentlich gewünschte Gegenwart der Zukunft auf Kosten der Zukunft - nicht die Zukunft selber.(Peter Seele, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 15.12.2009)

 

Zur Person: Der Autor lehrt als Professor am Zentrum für Religion, Wirtschaft, Politik an der Universität Basel.

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    1 2
    witherabbitt
     
    18.12.2009 04:46


    Offenbar enthalten die Theorien solcher mit der Krise in Zusammenhang zu bringenden Ratingagenturen keine Modelle, die Investitionen in die Infrastruktur mit einbeziehen. Darüber hinaus wird Österreich bestraft, weil es damit die Ausfälle in Südosteuropa verhindert hat.

    sensortime.com
    15.12.2009 18:16
    Woher soll der "steile Anstieg" kommen?

    Wer die o.g. Theorie vor 50, 60 Jahren postuliert hat, hätte für ein halbes Jahrhundert Recht behalten. Aber gilt das auch noch jetzt?
    Ein steiler wirtschaftliche Aufschwung kam immer durch eine sog. "Blase" oder einen "Boom" zustande - (bitte z.B. mal unter "dotcom-Blase" googeln):

    in zeitlicher Reihenfolge etwa so:
    - Rüstungsindustrie-"Blase"
    - Rohöl & Rohstoff- "Blase"
    - HiTech-"Blase" (hardware)
    - Globalisierungs-"Blase"
    - Dotcom-"Blase" (software, IT)
    - Immobilien & Verbriefungs-"Blase"
    (die letzte..)

    Wo, wie, in welchen Bereichen will man jetzt eine neue "Blase" anfachen? Das Klima ist kaputt, die Zukunft verpfändet, die Derivate liegen im Billiarden-Bereich...

    her wig
    15.12.2009 19:24

    Effizienz-/Erneuerbare-Blase? Oder Rohstoffe & Energie? Also um die Blasenbildung mache ich mir die wenigsten Sorgen...

    witherabbitt
     
    18.12.2009 05:03


    Sie und ihr Vorposter haben m. E. gemeinsam die Grundproblematik zwischen Psychologie, Produktion und Markt erkannt

    ignazius rummsfeld
    15.12.2009 16:29
    Hansi Huber
    15.12.2009 11:13
    Mehr privat, weniger Staat

    ich bin gespannt, wann dieses Dogma wieder verbreitet wird.

    witherabbitt
     
    18.12.2009 05:01
    Schon, schon.


    Sie vereinfachen auf das jeweilige Hier und Jetzt und übersehen, daß der freie Markt KEIN Naturzustand ist, sondern einer Zusammenarbeit von Ökonomen und Politiker bedarf, bevor dieser neoliberale Schwachsinn überhaupt erst Platz greift. Sie übersehen weiters, daß mit dieser Gesinnung der Sozialdarwinismus wieder in Kraft tritt, sodaß zentrale Institute des Finanzmarktes samt der eingebundenen Politiker nach dem Motto »die Gruppe gegen allen anderen Seilschaften« fröhnt, sodaß die Gesamtverantwortung nicht mehr wahrgenommen wird. Skandale dieser Art sind nur die Folge, wenn verantwortungslose Ökonomen, die nur den Finanzmarkt kennen, und verantwortungslose Politiker zusammentreffen, und gemeinsam nur den privaten Gewinn im Auge haben.

    Nichtschweiger
     
    15.12.2009 16:44
    Dieses "Dogma" ist nach wie vor gültig!

    Was die Hypo-Alpe-Adria in den Ruin getrieben hat waren zuviel Eingriffe Kärntner (und bei der Mutter bayrische) Politiker.

    ignazius rummsfeld
    15.12.2009 16:17
    Dieser Spruch

    sollte in Form einer Spüllösung dem Herrn W.Schüssel angeboten werden.

    Rea List
    15.12.2009 12:34
    freiheit ade

    erst wenn die menschen erkennen
    - dass die krise resultat der freizügigen geldmengenausweitung der zentralbanken ist
    - dass die krise resultat der staatsinterventionen ist, die verhindern, dass der markt schlechte investitionen sofort bereinigt
    - dass die krise resultat der verhaberung von politik und wirtschaftsoligopolen ist (siehe bayern, kärnten, banken-faschismus)
    - dass mehr staat zu machtkonzentration bei den pseudoeliten, auf kosten der freiheiten des bürgers führt
    - dass die staats-bonzen nicht das wohl aller im auge haben, sondern ihr eigenes und das ihrer haberer

    zu befürchten ist, dass es noch lange dauern wird, bis das ausreichend viele überzuckern.

    freiheit ade

    Ritzi
     
    15.12.2009 15:56
    In einem haben sie wenigstens Recht

    Die "staats-bonzen" haben nicht das wohl aller im Auge (das sollten sie aber!). Allein mir fehlt der Glaube das Treichl, Ruttenstorfer & Co mehr auf das Wohl aller bedacht sind (ihnen ist halt zugugte zu halten das es auch nicht ihre Aufgabe ist).

    Die mähr "gehts der Wirtschaft gut gehts uns allen gut" war sowieso der größte Schwachsinn. Man braucht sich nur die Reallohnentwicklung während der Aufschwung und Hochkonjunkturphasen ansehen.

    Ritzi
     
    15.12.2009 15:50

    ???

    Die "freizügige gelmengenausweitung der zentralbanken"??

    In einem auf Zinsen basierenden System wohl irgendwie Logisch das die Geldmenge zwangsläufig mehr werden muss...

    "dass die Krise resultat der staatsinterventionen ist, die verhindern, das der markt schlechte investitionen sofort bereinigt"??

    meinen sie mit Staatsinterventionen die strengen (gg*) Richtlinien die dazu geführt haben das Lehman ihre Kreditderivate zusammengeschnürt und in die ganze Welt verkauft hat? Oder meinen sie die Rettung der AIG? Würde uns ja sicher allen viel besser gehen wenn einfach ein Dominostein nach dem anderen gefallen wär - gell?

    her wig
    15.12.2009 14:52

    Und warum wird die Geldmenge ausgeweitet? Weil man Wachstum "machen" will. Würde sich das Geldsystem als neutrale Infrastruktur verstehen, gäbe es solche Einflüsse nicht - aber auch keine Machtanreize mehr. Dann müssten plötzlich die Teilnehmer am Geldsystem die Verantwortung tragen für Wachstum, Zinsen, usw.

    witherabbitt
     
    18.12.2009 05:10


    Da muß ich Ihnen recht geben. Vor allem hat ab Thatcher und Reagen die Wirtschaft durch die politische Bereitschaft, die Umverteilung von unten nach oben zu unterstützen, einen Impuls erhalten, um nicht abzustürzen.

    John Doe IV
    15.12.2009 13:51
    freiheit ade

    genau so sehe ich das auch

    lg

    KARL MOCNIK
    15.12.2009 12:33
    "Verstaatlichung" - irreführend!

    Brandgefährlich hohe Sparkontostände, denen in der Wirtschaft keine Warenmengen gegenüberstehen und die HAA-Spekulationen sind der Krisenanfang. Echte Verstaatlichung ist: kaputte Banken fallen lassen, die faulen Sparkonten herabkürzen, dann ist bezügl. Krise "Brand Aus". Der St-Zahler hat das Recht dazu!

    py rx
    15.12.2009 10:23
    falscher titel

    der richtige lautet: wenn die steuerzahlenden menschen in diesem land für die verbrechen des kapitalismus ein zweites mal zur kasse gebeten, äh gezwungen, werden.

    vi-de dot com
     
    15.12.2009 09:38
    Der Zusammenbruch des Finanzwesens

    wäre für uns alle schmerzhaft gewesen. Stimmt. Sehr schmerzhaft sogar. Aber so ist das nun mal mit Amputationen: sie tun weh, retten aber den restlichen Körper. Das Finanzwesen ist ein Geschwür dass die gesunden Zellen nach und nach durchsetzt und zerstört.

    farbrauschen
    15.12.2009 13:00


    da kein mensch weiß,
    was für unglaubliche unannehmlichkeiten noch in der hypo lauern,
    würde ich sagen:
    das rausschieben der krise durch diese riesenbeträge, die den banken zugeschossen werden,
    sowie durch die geänderten bilanzierungsregeln,
    die reinem betrug gleichen,
    v e r t e u e r t
    den zusammenbruch
    enorm.

    her wig
    15.12.2009 09:25

    Will man uns damit sagen dass Schulden eine Spekulation auf künftigen Gewinn sind?

    Fakten sind egal- was zählt ist die Meinung
    15.12.2009 08:22

    blablabla..

    learnings: das passiert, wenn man die Wirtschaft oder Teile davon unreglementiert werken lässt.

    Einige wenige Privatpersonen haben Milliarden zur Seite geschafft, die jetzt der Steuerzahler nachschießen darf.

    Die Konzer- und vor allem die Finanzwirtschaft gehört mit Eisenstangen zurückgeprügelt unter die Kandare der Weltbevölkerung.

    Die Mafia klopft sich auf die Schenkel ... Dass das alles so einfach läuft wussten die sicher nicht. Jeder blöd, der noch ein offizielles Verbrechen begeht um sich zu bereichern...

    Die haben uns, jedem Einzelenen zu dienen und nicht ugmekehrt.



    Michael Tfirst
     
    15.12.2009 07:41
    Wenn schon in einem Bericht über eine Bank permanent die Rede vom hl. Augustinus ist, dann kotzt mich das an. Denn im Artikel steht: ………Übertragen auf das Konjunkturpaket bedeutet die augustinische Zeittheorie folgende Konsequenz………

    Aber es gab auch andere „augustinische Theorien“: Augustinus (einer der höchsten christlichen Heiligen), sagte über die Frauen, dass sie minderwertige und drittklassige Wesen sind. Auf diesen Typen (wenn auch heilig) würde ich nicht unbedingt im Standard mittels Zitaten in einem Wirtschaftsartikel zurückgreifen.

    MfG
    Michael Tfirst
    Plattform Kirchenopfer


    ich finde keinen namen
    14.12.2009 22:55
    bis dato wurde noch immer

    nicht erklärt, warum man diese bank nicht zugesperrt werden kann....
    liegt viel schwarzgeld in dieser bank, geld von ÖVPlern

    Kleinhirn
    15.12.2009 13:03

    Das Land Kärnten hat eine Kapitalgarantie abgegeben in der höhe von ca. 17 Mrd Euro.

    Wenn die Bank "krachen" geht, wird alles Faule sofort schlagend, Werte werden nochmal massiv Aufgrund von Notverkäufen nach unten revidiert.

    Nach meiner Schätzung fehlen nach der Tilgung aller Vermögen ca. 5-15 Mrd. (ich weiß, die Spanne ist groß, aber wenn der Manager der Bank im Jänner ned weiß, dass er im Dezember bankrot ist, sei mir eine grobe Schätzung gegönnt)
    Diese 5-15mrd müßte Kärnten zahlen, kann es aber nicht -> Kärnten = Bankrott.

    Herr Pröll garantiert noch alle Spareinlagen unbegrenzt(SUPA IDEE war das!!!!!), hat das Geld dafür aber auch nicht(das wären alle Einlagen welche Kärnten nicht bezahlen kann).

    djurbani
    15.12.2009 03:52
    too big to fail vielleicht?

    (aus ö-sicht halt)

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    Posting 1 bis 25 von 28
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