Winter für jeden zehnten Esten "kritisch"

14. Dezember 2009, 18:42
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Es wird noch mehr gespart als bisher: 60.000 Esten sind nicht krankenversichert, und Obdachloseneinrichtungen sind sehr dünn gesät

Riga/Tallinn - Die estnische Hauptstadt Tallinn an einem strahlenden Wintertag bei minus acht Grad. Ein einsamer Rollstuhlfahrer kämpft sich auf dem Gehsteig mühsam vorwärts, wird immer langsamer, bleibt stehen und sackt in sich zusammen. Weder einer der spärlichen Passanten noch jemand im Strom der Autofahrer auf der vierspurigen Ringstraße scheint zunächst Notiz zu nehmen.

Zwei Ausländer fassen sich dann doch ein Herz und fragen, ob sie helfen können. Der Mann, dem beide Beine fehlen, ist nicht ansprechbar, betrunken und hat sich in die Hosen gemacht. Die beiden Helfer schieben den Rollstuhl in jene Richtung weiter, in die der Mann unterwegs war. Aus einem warmen Lunch-Restaurant wirft sie der Barkeeper mit einem bösen Blick hinaus. Marktfrauen, nach der Existenz einer Hilfestelle für Obdachlose gefragt, schütteln ratlos den Kopf. Eine von ihnen rät, die europäische Notrufnummer 112 zu wählen.

Am Ende der Straße, auf dem Platz vor einem Einkaufszentrum, sind wieder ausreichend Kräfte in den Mann im Rollstuhl zurückgekehrt. Er bedankt sich mit einem kurzen "Sbassyba" und beginnt, sich wieder selbst vorwärtszuplagen.

Die Begebenheit trug sich Ende des vergangenen Winters zu, etwa zu Beginn der Wirtschaftskrise. Der heurige Winter hat temperaturmäßig dieser Tage so richtig angefangen - und dürfte laut Direktorin des estnischen Wirtschaftsforschungsinstituts, Marie Josing, für ein Zehntel der Bevölkerung Estlands "kritisch" werden.

Regierung auf Sparkurs

In dem vom estnischen Parlament vergangene Woche abgesegneten Budget für kommendes Jahr wird noch mehr gespart als bisher. Ministerpräsident Andrus Ansip hat die Einführung des Euro im Jahr 2011 zur nationalen Priorität Nummer eins erklärt. Um die dafür notwendigen Kriterien zu erfüllen, erscheint nun fast jedes Mittel recht.

Bis zu einer Viertelmillion Esten sind seit Monaten mit Wohnungskrediten überschuldet, die Arbeitslosenrate kletterte zuletzt auf über zwölf Prozent, im kommenden Jahr werden gar 17,5 Prozent erwartet.

Tallinn verfügt gerade einmal über Notunterkünfte für 500 Personen, in der russischsprachigen Grenzstadt Narva wurde das örtliche Obdachlosenzentrum im Frühjahr wegen Finanzproblemen auf kostenpflichtigen Betrieb umgestellt. Laut der Tageszeitung Postimees haben überdies 60.000 Menschen keine Krankenversicherung. Für sie gibt es im ganzen Land ein einziges Spital, das Zentralkrankenhaus Ost-Tallinn, wo sie immerhin in akuten Fällen gratis Hilfe erhalten können.

Gratisstrom für arme Letten

Die gravierenden sozialen Probleme sind auch in den anderen beiden baltischen Staaten von der Politik häufig verschwiegene oder beschönigte Themen. In den großen Städten im Baltikum sterben jedes Jahr dutzende Menschen, weil sie entweder in ihren Wohnungen erfrieren oder sich dort ein offenes Feuer anzünden. Anfang September kündigte der lettische Wirtschaftsminister Artis Kampars an, für die Einkommensschwächsten des Landes Strom gratis zur Verfügung zu stellen, damit sie über den Winter kommen. Der Minister schätzte, dass bis zu 100.000 Haushalte betroffen sind - rund 15 Prozent der Kunden des staatlichen Stromversorgers Latvenergo. Zuletzt hatte man dort unbezahlte Stromrechnungen in der Höhe von insgesamt acht Millionen Lats (11,4 Millionen Euro).

Dass gegen diese Zustände in Estland gar nicht und im übrigen Baltikum nur spärlich protestiert wird, bringt Wirtschaftsforscherin Josing mit der Sowjetzeit in Verbindung: "Wir kommen aus einer Gesellschaft, die für entwickelte Westler unvorstellbar war. Man musste aus nichts etwas machen." Die gegenwärtige Misere führt sie auf das Versäumnis der Regierungen zurück, in Zeiten des Aufschwungs ausreichende Reserven zu bilden. (Andreas Stangl/DER STANDARD-Printausgabe, 15.12.2009)

  • Für Obdachlose gibt es in Estland nur wenig Hilfe.In Tallinn gibt es gerade einmal 500 Notschlafplätze. Die Regierung hat die Einführung des Euro zur nationalen Priorität Nummer eins erklärt.
    foto: epa/nietfeld

    Für Obdachlose gibt es in Estland nur wenig Hilfe.In Tallinn gibt es gerade einmal 500 Notschlafplätze. Die Regierung hat die Einführung des Euro zur nationalen Priorität Nummer eins erklärt.

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