Gebrochene Flügel

14. Dezember 2009, 18:04
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Roland Düringer spielt die Titelrolle in Horváths düsterem Volksstück "Kasimir und Karoline" - Ein geglückter Coup am Landestheater NÖ

Auch in Zeiten der Krise vergnügen sich die Leute gerne, gehen aufs Oktoberfest und fahren mit der Achterbahn. Manche haben für derlei Eskapismus mehr Talent als andere: Karoline (Julia Schranz) etwa, die sich lebensfroh dem Vergnügen hingibt. Ihr Verlobter Kasimir (Roland Düringer) hingegen: arbeitslos. Missmutig der Umstände wegen, jähzornig "von Natur aus" und Pessimist aus Überzeugung, ist doch "ein jeder intelligente Mensch Pessimist" . Immerhin wehrt er sich noch dagegen, von seinem Bekannten, dem Merkl Franz (Dietrich Siegl), auf die schiefe Bahn gezogen zu werden. Doch es kommt zu Streit und zur Trennung vom "Fräulein Braut" .

Daraufhin entfesselt sich ein Reigen verirrter Sehnsüchte, in dem sich alle Beteiligten in Gewalt verstricken. Regisseur Thomas Richter hat Horváths 1932 uraufgeführtes Stück sehr stimmig inszeniert, dank der Schauspielleistung des Ensembles und nicht zuletzt der beiden Hauptdarsteller auch kurzweilig. Düringer ist zwar nicht immer Kasimir, sondern manchmal auch Düringer. Doch auch das funktioniert.

In Horváths düsterer Milieustudie entlarven sich auch der Herr Kommerzienrat Rauch (Hannes Gastinger) und sein Saufkumpan, der Landgerichtsdirektor Speer (Helmut Wiesinger), als brutale, triebgesteuerte Existenzen. Eindrucksvoll sind aber die Frauenrollen des Stücks: Julia Schranz überzeugt als lebenshungrige Karoline, die ihr herausforderndes Auftreten bezahlt, indem sie an die Grenzen der ihr zugewiesenen gesellschaftlichen Rolle stößt; nicht weniger überzeugend Antje Hochholdinger als gebrochene Erna.

Gemeinsam ist den Protagonisten die diffuse Einsicht, dass es eine verkehrte Welt ist, in der sie hier aufeinandertreffen. Oder wie es Karoline ausdrückt: "Man hat halt so eine Sehnsucht in sich - aber dann kehrt man zurück mit gebrochenen Flügeln und das Leben geht weiter, als wäre man nicht dabei gewesen." (Stefan Mayer, DER STANDARD/Printausgabe 15.12.2009)

Info
Landestheater NÖ, St. Pölten, wieder am 17. 12.

  • Prekäre Verhältnisse: Kasimir (Roland Düringer, li.) kämpft dagegen - mit O. Rosskopf, A. Hochholdinger.
    foto: landestheater nö / beck

    Prekäre Verhältnisse: Kasimir (Roland Düringer, li.) kämpft dagegen - mit O. Rosskopf, A. Hochholdinger.

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