Vom Nachteil entführter Herzen

14. Dezember 2009, 17:58
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Premiere von "Antonia und der Reißteufel" an der Wiener Volksoper: Der eklektische Mix aus Operette und Musical reüssierte beim jungen Publikum durch bunt-imposante Ausstattung und tadellose Gesänge

Wien - Dem Pflichtschulalter längst entwachsene Volksopernbesucher könnten ein bisschen neidisch werden - auf das Zielpublikum dieser neuen Produktion: Letzteres kommt zunächst in den Genuss einer Seltenheit, einer Uraufführung. Und auch die Art und Weise, wie bei Antonia und der Reißteufel von Christian Kolonovits (Musik) und Angelika Messner (Text), die Geschichte von geraubten Herzen und gestohlenen und wiedergewonnenen Kinderstimmen besungen und bebildert wird, stellt so manches in den Schatten, was im Haus am Gürtel Erwachsenen als Premiere kredenzt wird.

Mit bunter Opulenz umschmeichelt Ausstatter Christof Cremer: Der Reißteufel (blendend Daniel Schmutzhard), der die Kinder in den Keller führt, um sie ihrer Stimmen zu berauben und in Käfige zu sperren, sieht aus wie ein Falstaff mit Hörnern und Klumpfuß. Der Zeitfresser (lustig Martin Winkler), der im Besitz des entwendeten Reißteufel-Herzens ist, wirkt noch imposanter - quasi als Batman-Pinguin mit jener Haarpracht, die in der Rocky Horror Show Diener Riff Raff trug. Vorne Glatze, hinten extrem lang!

Allein, auch seine Assistenten (Eile, Sorge, Stress, Neid und Gier) sind putzig anzusehen, zudem das räumliche gewisse Etwas: Da sind die mobilen Wände, in denen schmale Gänge verborgen sind; da ist das prunkvolle Bett, in dem die Urstrumpftante (Ulrike Steinsky) schlafend Zaubersprüche aufsagt. Und insbesondere frappiert schließlich das große Uhr-Räderwerk, das nach der Pause seinen Auftritt hat.

Es soll natürlich nicht verschwiegen werden, dass die Angelegenheit erst nach der Pause so richtig in Märchenfahrt kommt. Da können auch die lieben Fledermäuse Toby und Roby (sympathisch Martina Dorak und Thomas Markus) so herzig flattern, wie sie wollen, und auch die Urstrumpftante darf ihren Reißteufel ärgern:

Es bleibt der erste Teil, in dem die gefangene Antonia (tadellos Johanna Arrouas) sich befreit und einen Plan zur Rettung der stimmlosen Kinder ersinnt, ein bisschen langsam. Schwer zu sagen, womit das zusammenhängt. Die junge Gäste jedenfalls geraten nicht in Unruhe, bleiben ganz Aug' und Ohr. Erst zum Finale kommt jedoch (auch im Zuschauerraum) große Munterkeit auf. Als der Reißteufel sein Herz wiederbekommt (dessen Fehlen ihn zum Bösewicht gemacht hat) und die befreiten Kinder beginnen, über die Segnungen der Aufmüpfigkeit zu rappen, kriegt dieses Werk die Kurve.

Elegante Eklektik

Als Pop-Oper angekündigt, wirkt Antonia und der Reißteufel eher wie ein "Operettical" mit kleinen Popeinsprengseln. Egal. Christian Kolonovits (er dirigiert auch das gut klingende Volksopernorchester) hat sich als routinierter, eleganter Eklektiker vorgestellt, der durchaus Sinn für einprägsame Melodien hat. Seine Arrangements sind von leichter und stimmungsvoller Art, auch voll diverser Tanzformen, und begleiten und illustrieren das Bühnengeschehen einigermaßen.

Wären sie noch ein bisschen durchkomponierter gewesen und etwas weniger nummernhaft angelegt - die Musik hätte auch die Inszenierung von Volksopernchef Robert Meyer beflügelt. Diese ist aber präzise, ohne fulminant zu sein - und das ist schon eine ganze Menge. Frenetischer Familienapplaus für alle. (Ljubiša Tošić, DER STANDARD/Printausgabe 15.12.2009)

 

Info
Restkarten: 01/513 15 13

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    Der Reißteufel (Daniel Schmutzhard) macht sich frisch: Aber auch sonst ging es am Sonntag an der Wiener Volksoper ziemlich bunt zu - und gesungen wurde auch sehr schön.

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