Freiheitsdrang trotz Kettenpflicht

14. Dezember 2009, 17:51
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Phänomenal: Starregisseur Jossi Wieler inszeniert Aischylos' "Gefesselten Prometheus" an der Berliner Schaubühne

Gerade ist der Schweizer Jossi Wieler als Intendant an die Oper nach Stuttgart berufen worden. Lange Zeit war dieses Haus unter Klaus Zehelein im deutschen Südwesten die Vorzeige-Hochburg für eine Art von Theater, das nicht nur Feuilletonruhm brachte, sondern auch sein Publikum hatte. Wieler war nicht nur dort als Opernregisseur erfolgreich. Dabei ist er kein Verschrecker, sondern ein kluger Hinterfrager. Und eigentlich ein Mann des Schauspiels. Mit seiner Uraufführung von Elfriede Jelineks Rechnitz (Der Würgeengel) vor einem Jahr in München etwa hat er nachhaltigen Eindruck gemacht - und gastiert bei den Festwochen.

Jetzt hat er den Berliner Tragöden vom Dienst, Ernst Stötzner, an die Betonwand der Berliner Schaubühne gekettet. Als Aischylos' Prometheus. Ein gefallener Gott und Freund der Menschen, die aus der olympischen Perspektive nur "Eintagswesen" sind. Bestraft, weil er ihnen Feuer und Hoffnung brachte und sie alles lehrte, was es für die Menschwerdung braucht.

Jens Kilian hat den Raum vor dem grauen, nackten Halbrund knöcheltief unter Wasser gesetzt und Prometheus auf einen Betonsockel gestellt: Da unten schwingt Niels Bormann als Hephaistos seinen Hammer, hierher verirrt er sich als von Zeus bedrängte Io, hier schwebt er als Hermes von ganz oben zum Verhör ein. Die Zuschauer blicken tief nach unten auf diesen Helden. So wie der verkniffene Anzugträger Okeanus, der bei Thomas Bading der personifizierte Opportunismus ist.

Der Raum, das Bild, diese Atmosphäre des verlassenen Verlieses machen Eindruck, ja, sie rühren an. Auch wenn einem dann doch nicht wirklich schwindlig werden kann bei diesem Blick in den Abgrund. Davor bewahrt die Neuübersetzung von Kurt Steinmann, die jedes Pathos maßvoll bricht, wie ein bewusster, fast nüchtern kluger Blick von heute aus wirkt und sich sogar gelegentlich eine Prise von selbstironischem Witz gönnt. Das bei Stötzner durchscheinende Wissen um die Variationen zum Thema Tyrannenmacht und Umsturz schafft wohl diese Melange von Nähe und Distanz. So wie es auf andere Weise auch dieser Okeanus vermag: Der duckt sich wie ein ganz "normaler" Mensch weg vor dem Klirren der Ketten des Prometheus und balanciert lieber vorsichtig am Abgrund entlang, den die offene Rebellion aufreißt. Was in Stötzners klarer Sprache vor allem nach oben dringt und nachwirkt, ist der Geist der Freiheit in Ketten. Da ist einer infiziert mit dem Virus Mensch. Und das ist am Anfang der Geschichte eine fast noch ungetrübte Hoffnung. Eine, die diesem Prometheus die Ketten leicht macht.

Diese reichliche Stunde Aischylos von Jossi Wieler und mit Ernst Stötzner liefert heuer ein glasklares Argument für die Wichtigkeit des Hauptstadttheaters. (Joachim Lange aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe 15.12.2009)

 

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