Meidling statt Südbahnhof

Stoßgebet und Fluchspruch

Maria Sterkl, 14. Dezember 2009, 16:46

Vor allem ältere Menschen stöhnen unter der Bahnhofs-Verlegung von Südbahnhof nach Meidling - eine Reportage

"Denen mach ich einen Wirbel! Da können S' Gift drauf nehmen!" Frau Weill ist etwas errötet. Sie will nach Bruck an der Leitha, und das schon seit einer Stunde. Der Zug fährt zwar pünktlich ab, aber leider am anderen Bahnhof. Dort kommt sie gerade her. "Ich schwör Ihnen, die haben mich vom Südbahnhof nach Meidlung geschickt! Und Sie wollen mir einreden, ich muss wieder zurück?" Ein bedauerndes Nicken dringt aus der roten Kaputze des jungen ÖBB-Servicemanns. Dann hilft er der Dame zum Bahnsteig und sagt: "Viel Glück".

"Es war zu erwarten, dass da das Chaos ausbricht", sagt der Student, der heute siebeneinhalb Stunden im kalten Bahnhof verbringen wird, um Info-Folder auszuteilen. Zwar sei alles gut organisiert. "Aber vor allem die alten Leute tun sich halt schwer mit der Umstellung."

Fahrstuhl "ein bisschen versteckt"

Eine andere Dame steht vor der Rolltreppe und signalisiert Verzweiflung. "Wie soll ich mit meinem Wagerl da raufkommen?", fragt sie. Dass es zu jedem Bahnsteig einen eigenen Lift gibt, hat ihr niemand erklärt, danach gefragt hat sie auch nicht. Der ÖBB-Promoter kennt das Problem: "Viele Leute suchen den Lift. Die Kabinen sind halt ein bisschen versteckt."

Oben am Bahnsteig 3 steht eine Frau mit einem Advent-Gesteck in der Hand und flüstert unhörbar Stoßgebet oder Fluchspruch. "Am Telefon haben sie mir gesagt, der Zug fährt um 12.03 ab." Jetzt ist es zehn nach zwölf. "Am Schalter haben sie jetzt gemeint, er geht in einer Viertelstunde. Und da auf der Anzeige steht wieder was anderes." Frau S. weiß nicht, was sie glauben soll und hofft auf einen Glücksengel. Dabei ist alles ziemlich simpel: Der Zug nach Wiener Neustadt hat zwanzig Minuten Verspätung, daher scheint auf der Anzeige die S-Bahn nach Mödling auf. Für geübte Abfahrtsplan-Lesende kein Problem - doch Frau S. war bisher nie gefordert, sich mit ÖBB-Digitaltafeln herumzuschlagen. "Bis jetzt bin ich am Südbahnhof immer am selben Bahnsteig eingestiegen. Und der Zug ist immer pünktlich weggefahren."

"Die stehen nur herum"

Dass es keinen Endbahnhof gibt, wo man schon zwanzig Minuten vor Abfahrt Waggonplätze mit Zeitung, Jackenbergen und Leberkässemmeln markieren kann, verärgert scheinbar viele. Wie immer sind es die am wenigsten Verantwortlichen, die den Grant abfedern. "Es beschweren sich schon einige", sagt Shuangwen Liu. Im roten ÖBB-Jacket ist sie menschlicher Kummerkasten am Bahnhof Meidling. Nicht nur Umstellungs-Schwierigkeiten nach dem Südbahnhof-Ende, auch der neue Zugfahrplan ist in den Augen vieler Menschen ihre Schuld. Die Sinologie-Studentin nimmt es gelassen und sieht den Nebenjob als Feldstudie. "Gestern waren zwei Touristen aus China hier. Ich habe ihnen Fahrkarten gekauft, einen Stadtplan besorgt und die wichtigsten Sehenswürdigkeiten erklärt." Eine Frau mit Raulederjacke weiß trotzdem, was sie vom Info-Personal halten soll: "Die stehen nur herum und kennen sich nicht aus und wenn man sie was fragt, drücken s' einem ein Hefterl in die Hand."

Rot und Neongelb

Jeder vierte Mensch hier am Bahnhof Meidling trägt heute Rot oder Neongelb. Wiener Linien und ÖBB haben ganze Kompanien an Service-Leuten abgestellt, um dem befürchteten Chaos vorzubeugen. Herr H. steht schon den ganzen Morgen hier, ihm ist ein bisschen fad. "Gestern am Südbahnhof war schon einiges los", schwärmt er: Ein nur beinahe fertig gebauter Fahrstuhl, ein defekter Ticket-Automat und schlecht beschilderte Wege zur Ostbahn - "da haben schon viele Leute Fragen gehabt, und die meisten haben kaum Deutsch können." Bratislava-PendlerInnen seien an der spärlichen und einsprachigen Beschilderung am ÖBB-Bahnhof gescheitert, erzählt der Wiener Linien-Beauftragte. Hingegen sei im U-Bahn-Bereich "heute gar nicht mehr los als an anderen Tagen."

Der Weg zu Bim und Bus ist gut und auf Deutsch und Englisch angeschrieben. Haarig wird's, wenn es um Taxis geht. Weder Hinweistafeln noch Wiener Linien-Servicedame wissen Auskunft über den nächst gelegenen Taxistand zu geben. Kein Wunder, meint Taxifahrer Abdullah, sichtlich verärgert: "Man hat uns einen Platz gegeben, wo uns garantiert niemand sieht. Das ist ein Wahnsinn." Ganze drei Stellplätze gibt es in der Nähe des Bahn-Aufgangs - und die sind gut hinterm Autobus-Standplatz versteckt. Auch, dass Bahnreisende am Weg zu seinem Taxi erst über zwei Auto-Fahrbahnen und zwei Straßenbahngleise marschieren müssen, ärgert Abdullah: "Was sollen die alten Menschen machen?"

Verunsichert

Frau S. wartet weiter auf den verspäteten Zug in Richtung Wiener Neustadt. Nicht, dass sie einen Termin erreichen müsste - sie fährt zum Friedhof in Sollenau. Dass jetzt alles anders ist als sonst, verunsichert sie trotzdem. Ihr einziger Trost ist die Vergänglichkeit des ÖBB-Fahrplans: "Der Südbahnhof ist ja nur bis 2012 gesperrt. Dann wird es wieder so sein wie vorher." (Maria Sterkl/derStandard.at, 14.12.2009)

Kommentar posten
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Rudolf Pernusch
02
19.12.2009, 18:01
Nach Kopenhagen ist dies freilich banal!

Wenn man 20 ist, scheint ein 60jähriger uralt, und wenn man auf die 80 zugeht, kann man eine 70erin reizvoll finden. Soweit zur Relativität der Betrachtungsweisen.
Wenn ich also im Prinz Eugen absteige, weil ich dort reserviert, bevor ich von der Sperrung des Südbahnhofes erfuhr, dann ist der Weg zur Südbahn mit Koffern nur mittels Taxi machbar, und ich schlage vor, sich einmal via Internet die Wegerklärungen der "Wiener Linien" für den Weg vom (geschlossenen) Südbahnhof zum Meidlinger Bahnhof anzusehen, wenn man dort nach kurzen Fußwegen fragt. Wie soll das jemand, der Wien vor 35 Jahren verlassen hat, verstehen können?
Eine mangelhafte Infrastruktur kann man selbst durch die Beistellung von Beratungspersonal nicht maskieren.

Lord Chaos
02
17.12.2009, 16:14


Also wenn das alles an Problemen war haben die ÖBB einen recht guten Job gemacht. Davor, dass sich Leute ärgern weil nicht mehr alles so ist wie früher, bzw unfähig sind sich auf veränderte Situationen einzustellen können sie nix.

peter schmidt
 
02
15.12.2009, 16:51
so dramatisch kanns eigentlich nicht sein

die züge der südbahn sind auch bisher alle in meidling stehen geblieben. viele leute sind immer schon erst in meidling zugestiegen.

die ostbahn ist natürlich exotischer.

cfa
02
15.12.2009, 13:46

Ich hatte weder gestern noch heute Probleme, herein und wieder heim nach Neustadt zu fahren. Da war die Zeit im Sommer/Herbst schlimmer wo jeder Zug mindestens 10 - 20 Minuten Verspätung hatte und die Züge mitten auf der Strecke stehen geblieben sind und keiner wusste was los ist!

Ronald Tekener
25
15.12.2009, 13:33

Wenn der Lift ein wenig versteckt ist, dann ist das nur gut so. Weil er dann wenigstens hauptsächlich denen zur Verfügung steht, die ihn wirklich benötigen. Sonst fahren nämlich alle damit und Kinderwagenschieber, ältere Leute sowie Rollstuhlfahrer können mitunter ewig warten.

Deep Sky
03
15.12.2009, 12:43

Also ich war positiv überrascht (pendle täglich zw. Südbahnhof und Wr. Neustadt)

cu

PjotrV
17
15.12.2009, 12:23

Meines Erachtens nach, werden Menschen mit Aufgaben beauftragt, von denen sie keine Ahnung haben können.

Solche Adventures zu organisieren, oder die Inneneinrichtung v. U-Bahnwaggons (z.B. d. der neuen U6 Garnituren) zu designen, sollte nicht an Menschen delegiert werden, die seit ihren Kindheitstagen nie wieder eine U-Bahn oder einen Zug von innen gesehen haben.

Solche Jobs sollten ausschl. langjährige Öffi-Nutzer ausführen und nicht jene die kaum über d. Stoßstangen ihrer Autos hinausblicken.

Angelika70
00
16.12.2009, 08:50

"Meines Erachtens nach, werden Menschen mit Aufgaben beauftragt, von denen sie keine Ahnung haben können."

Das gilt für alle Manager, Politiker und andere Elitenwappler.

ama2deus
02
15.12.2009, 17:00

das innendesign der neuen tranche T-garnituren der U6 unterscheidet sich doch, bis auf die sitze und die haltegriffe, großteils gar nicht von den alten...

Stephan Weinberger
03
20.12.2009, 12:55

Außerdem sehe ich da nichts was man wesentlich besser machen könnte. Die Radkästen sind durch die Grundkonstruktion vorgegeben, darüber platziert man logischerweise Sitze. Der Rest ist recht geräumig. Die schrillen Farben sind Absicht um sehbehinderten Fahrgästen die Orientierung zu erleichtern (und ehrlichgesagt: wenn ich im Begriff bin auf die Pappm zu fliegen bin ich auch froh darüber wenn die Griffstangen knallgelb und somit leicht zu erkennen sind).

Dorian Gray
66
15.12.2009, 12:08
Der Artikel und die Postings bestärken mich

darin das die Menschen in Österreich auf der Welt sind um zu Nörgeln.

derKleine
02
15.12.2009, 16:34

warum du ein rotes stricherl hast, würde ich gerne wissen.. es ist ja so wahr.

anstatt das man geduldig schaut wo man hin muss, regt man sich lieber auf und schiebt die schuld ja brav auf alle andere.

man kann auch ganz einfach andere passagiere fragen die meisten helfen doch eh gerne.

das geht ganz freundlich und einfach

Jene Grüne Straßenkatze
42
15.12.2009, 11:35
...

"Man hat uns einen Platz gegeben, wo uns garantiert niemand sieht. Das ist ein Wahnsinn."

"Das ist ein Wahnsinn" muss nicht wiedergegeben werden - im Satz eines Wieners hat das die gleiche Bedeutung wie "Äh".

Geruhs Durtglpdd
13
15.12.2009, 11:17
2 Kritikpunkte.

Einen für die ÖBB: Warten am Bahnsteig ist die Hölle. Wetterschutz bereitgestellt für ca. 10 Personen pro Bahnsteig.
Der Rest friert sich den ARxxx ab.

Der andere für die W. Linien: Die Busstation beim Mc Doof wurde in letzter Sekunde umgebaut. Mit tollem Ergebnissen: Die Echtzeitanzeige - verschwunden. Der Würstelstand - verschwunden. Der wirkungsvolle Wetterschutz musste diesen elenden wirkungslosen Blechhauberln weichen. Die vorher 2 Spurige Straße is auf der länge der Haltebucht schmäler und ohne Mittelstreifen. Die Haltebucht - nach Stadtauswärts verlegt, die Busse bleiben so weit wie geht vorne stehen und damit beginnt bei schlechtwetter der Wettlauf über 25 Meter zum Bustürl.
Die Gehsteigkante enspricht keiner Bus - Fahrlinie.

derKleine
00
15.12.2009, 16:36

Für einen Taxler sind das aber Verluste. Der lebt davon, das in Touristen finden.

Und für Touristen ist es auch unangenehm wenn man müde aus dem Zug aussteigt, nur noch ins Hotel will und man keine Mercedes mit gelben Schild findet.

Senftube
13
15.12.2009, 12:22
Der wirkungsvolle Wetterschutz...

...war seit vielen Jahren ein ungustiger, völlig verdreckter Ort, an dems mir schon gegraust hat, mich hinzusetzen. Fett, Kaugummi, Luller von nächtlichen Passanten... alles klebte dort am Boden und am Mäuerchen des Wetterschutzes - und dazu noch der unwiderstehliche Duft nach gammeligem Fett vom Würstelstand...
Nein - dem weine ich keine Träne nach.

Nach meinem Wissen war die Ursache für den Umbau die Verlegung des Radweges in diesem Bereich. Der lief ja vorher genau vorm Eingang zur Arcade und war entsprechend zweckfrei.

Vedralo-Spiralo
31
15.12.2009, 10:32

Dieser Erfahrungsbericht zeigt doch ganz eindeutig, dass hier einiges schiefgelaufen ist. Ältere Menschen sind verunsichert, es gibt Probleme bei Menschen mit Behinderung etc...

der_kleine_pariser
 
00
20.12.2009, 02:15
ältere menschen verunsichert alles, was heute anders ist als gestern.

die sind ganz einfach verunsichert wenn seit, 13.12.09 der zug nicht mehr am bahnsteig 12 sondern am bahnsteig 15 abfährt!

da dürfen's ganz einfach NIX mehr verändern. geschweige denn einen bahnhof zusperr'n!

derKleine
22
15.12.2009, 16:37

dann müssen sich ältere Menschen halt von jungen helfen lassen.

Keppeln machts nicht besser.

leitfaden
37
15.12.2009, 11:59

ältere menschen sind immer verunsichert.

wirdeinlichtleinseinamendedestunnels
02
15.12.2009, 23:55
jetzt

bin ich mir ned sicher, weil ich bin doch schon etwas über 20!

Der Unkurze
16
15.12.2009, 11:57

bauen sie mal etwas um, ohne damit ältere menschen zu verunsichern ;) das geht nicht

Martina77
11
15.12.2009, 10:00
Kassa

Gibt es eigentlich einen Schalter zum Kauf von Fahrkarten am Bhf. Meidling? Ich habe jedenfalls keinen gesehen.

Die Leute in den gelben Umhängen sind sehr bemüht, nur kennen sie sich auch nicht sehr gut aus bei den Fahrkartenautomaten. Zwei Helfer haben beim Automaten unterschiedliche Preise herausbekommen für Wien-Sopron-Wien (22 Euro und 24 Euro). Wie sollen sich die Fahrgäste auskennen, wenn das Personal sich nicht so gut auskennt?

ama2deus
00
15.12.2009, 17:04

es gibt in der bahnhofshalle ein öbb-reisezentrum mit mehreren schalten, gleich zwischen den 4 fahrkartenautomaten, neben dem öbb-reisebüro, der öbb-lounge, dem bankomat und der verkehrsbankfiliale, bzw. direk unter dem großen öbb-logo ;)

Quim Barreiros
00
15.12.2009, 19:01

Und neben dem Hintereingang bei der Dörfelstraße gibt es auch einen Schalter im Container.

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