Hier regiert das Chaos

15. Dezember 2009, 07:06
80 Postings

Zwanghaftes Sammeln lässt Messies im Chaos versinken - Weshalb sie Dinge horten und was sie von normalen "Sammlern" unterscheidet

Sie sammeln zwanghaft Berge von Papieren, Zeitungen oder diversen Gegenständen, Wertloses besitzt für sie oft einen unmessbaren Wert: die Rede ist von Messies. Die Bezeichnung leitet sich vom englischen Wort "mess" ab, das so viel bedeutet wie "Unordnung, Durcheinander". Messies leiden an einer chronischen Desorganisation, einer Unfähigkeit, Ordnung zu halten. Betroffene suchen Halt in Materiellem - das Sammeln wird zu ihrer Sucht. "Dinge kann man kontrollieren, die können nicht weglaufen, mit denen kann man machen, was man will", erklärt Elisabeth Vykoukal, Leiterin der Messie-Selbsthilfegruppe an der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien, im derStandard.at-Interview. "Wer nicht ständig aussortiert und wegwirft, kann kein normales Leben führen", so Vykoukal. Das erfahren Menschen mit dem Messie-Syndrom am eigenen Leib, denn für sie ist eine Reduktion auf das Wesentliche unmöglich.

derStandard.at: Was zeichnet das Messie-Syndrom aus?

Elisabeth Vykoukal: Einerseits besitzen betroffene Menschen zu viele Gegenstände und haben schwerwiegende Defizite in der Fähigkeit, die eigene Wohnung ordentlich zu halten. Die vielen Dinge, die herumstehen und -liegen hindern sie daran, ihre Wohnung als Erholungsraum nutzen zu können. Andererseits scheitern sie auch oft an der Organisation des Alltagslebens und haben häufig Probleme mit der Einhaltung von Zeitstrukturen.

Vielleicht ist das Messie-Syndrom auch ein Symptom unserer Zeit. Es gibt so viele Dinge, die man nicht braucht, aber ständig bekommt. Man denke alleine an die Berge von Post oder Werbung. Wer nicht ständig aussortiert und wegwirft, kann kein normales Leben führen.

derStandard.at: Verniedlicht der Ausdruck "Messie" diese doch sehr ernste psychische Störung?

Vykoukal: Der Ausdruck "Messie" ist eine Kombination aus Verharmlosung bzw. Verniedlichung durch das "ie" am Wortende und aus Entwertung. Der Name wurde von Betroffenen selbst kreiert. Viele identifizieren sich stark mit dem Ausdruck und für manche hat er sogar eine persönlichkeitsbildende Funktion. Es gibt ihnen eine gewisse Ich-Stärke, wenn sie sagen können: "Ich bin ein Messie und ich schätze Dinge mehr als andere Menschen." Das ist etwas, was manche Menschen in dieser Störung hält, es ist strukturbildend zu einer Gruppe zu gehören.

derStandard.at: Wie viele Menschen sind in Österreich betroffen? Leiden mehr Männer oder Frauen daran?

Vykoukal: Uns an der Sigmund Freud PrivatUniversität sind 200 bis 300 Personen mit dem Syndrom bekannt. Wir schätzen die Messie-Dunkelziffer aber relativ hoch, denn jedes Mal, wenn ein Beitrag darüber in den Medien erscheint, melden sich viele Betroffene und Angehörige bei uns. In Deutschland sind laut Statistiken 300.000 Menschen betroffen. Legt man diese Zahl auf Österreich um, wären das 30.000.

Im Vergleich zu anderen Störungen ist hier der Männeranteil relativ hoch. Frauen suchen im Gesundheitsbereich eher Hilfe als Männer. Beim Messie-Syndrom haben Männer jedoch scheinbar weniger Hemmungen, nach Unterstützung oder Auseinandersetzung zu suchen - oder es gibt einfach mehr Männer mit dem Syndrom.

derStandard.at: Sehen Messies den eigenen Lebensstil als normal an, oder ist er ihnen peinlich?

Vykoukal: Messie-Sein ist mit Scham besetzt, vielen ist es peinlich. Zunächst muss man aber bekennende von nicht-bekennenden Messies unterscheiden. Jene, die von sich aus Hilfe in Anspruch nehmen, haben das Gefühl, dass etwas mit ihnen nicht in Ordnung ist. Die andere Gruppe sieht ihre Störung nicht ein und bekennt sich nicht dazu. Oft sind es dann die Angehörigen, die bei uns Hilfe suchen.

derStandard.at: Wie lässt sich feststellen, ob ein nicht-bekennender Messie doch einer ist?

Vykoukal: Viele sagen von sich, sie seinen kein Messie, ihre Alltagsgewohnheiten deuten aber auf etwas anderes hin. Betrachten wir die alltäglichen Gewohnheiten und die Lebensweise genauer, zeigen sich Tendenzen. Werden einige ausschlaggebende Fragen von Personen mit dem Messie-Syndrom und nicht-bekennenden Messies gleich beantwortet, ist das ein starker Hinweis dafür, dass die Person, auch wenn sie es selbst nicht zugibt, ein Messie ist. Solche Fragen können zum Beispiel sein: Wie lange brauchen Sie um ihre Wohnung so herzurichten, dass Sie Freunde empfangen können? Oder: Könnte jederzeit ein Arzt bei Ihnen Zutritt haben?

derStandard.at: Wie dünn ist die Grenze zwischen exzessivem Sammeln bzw. Unordnung und dem Messie-Syndrom als psychologischem Störungsbild?

Vykoukal: Die "normalen" Sammler wissen, dass sie von allem Möglichen ein bisschen zu viel haben. Sie haben ihr Sammeln aber im Griff, geben hin und wieder etwas ihrer Schätze her, tauschen oder werfen ab und zu etwas weg. Betroffene messen sachlich Wertlosem viel Wert bei und sind meist unfähig, den realen Wert der gesammelten Gegenstände einzuschätzen. Messies sammeln bevorzugt Gedrucktes, Frauen zusätzlich häufig Kleidung, manchmal Geschirr und Männern oft technische Dinge - uralte Computer und Werkzeug.

Jeder hat irgendwo Laden, Fächer in Schränken oder Ecken, wo sich Dinge ansammeln, die man eigentlich nicht mehr benötigt, aber trotzdem nicht wegwirft. Bei den Messies breiten sich diese so genannten "Messie-Nester" aus und bleiben nicht auf eine Lade beschränkt.

Nebenbei bemerkt: Es ist uns aufgefallen, dass viele Personen, die therapeutisch oder begleitend beginnen, mit Messies zu arbeiten, selbst ordentlicher werden. Es schürt irgendwie Ängste, dass man den nötigen Überblick verlieren könnte, über das, was man wirklich braucht.

derStandard.at: Haben Menschen mit dem Messie-Syndrom ähnliche Biografien? Was kann ausschlaggebend für die Entwicklung des Syndroms sein?

Vykoukal: Es gibt viele verschiedene Ursachen. Ein relativ häufiger Auslöser ist ein traumatisches Erlebnis wie der Verlust eines Menschen durch Trennung oder Tod, ein Mangel an Zuneigung oder ein oftmaliger Wechsel der Bezugsperson in der Kindheit. Wie bei den meisten psychischen Störungen kann der Ursprung durchaus in der Kindheit liegen. Ein traumatisches Erlebnis, das nicht bewältigt wurde, kann Jahre schlummern, bis ein anderes schockierendes Erlebnis als Auslöser des Syndroms fungiert. Das kann der Verlust der Arbeit oder eine Mobbing-Situation sein - eine Lage, in der man sich sehr allein gelassen fühlt und den Dingen mehr Vertrauen zumisst als den Menschen. Dinge kann man kontrollieren, die können nicht weglaufen, mit denen kann man machen, was man will.

derStandard.at: Weisen Menschen mit dem Messie-Syndrom häufig auch noch andere Symptome psychischer Störungsbilder auf?

Vykoukal: Das Messie-Syndrom ist kein eigenständiges psychisches Störungsbild, es ist ein Teil der Symptomatik, nie die einzige. Es kann zwar sein, dass Messie das Hauptsymptom ist, meist ist es aber eine Begleiterscheinung. Die meisten Betroffenen weisen häufig andere Störungen wie Depressionen, Zwangs- und Angststörungen oder posttraumatische Belastungsstörungen auf. Es wäre mir aber ein Anliegen, Messie als eigenes Störungsbild zu kategorisieren, weil es viele als ihre Hauptstörung empfinden.

derStandard.at: Wenn Medien das Syndrom in Reportagen aufgreifen, sieht man Bilder von Wohnungen, die aufgrund des vielen Mülls fast nicht mehr zugänglich sind oder nur mehr enge Fußwege aufweisen. Kommen diese extremen Fälle der "Vermüllung" häufig vor?

Vykoukal: Ich kann nur von jenen Betroffenen sprechen, die bei uns Hilfe suchen: Etwa ein Drittel kommt erst dann, wenn die Wohnsituation bereits ziemlich schlimm aussieht - also die Wohnung oft nur mehr durch enge Wege begehbar ist. Die Situation kann aber auch dann durchaus noch funktional sein - das heißt, wichtige Wohnbereiche sind begehbar oder verwendbar. Für uns sind Kriterien zur Bestimmung des Schweregrades etwa die Benützung von Bad, WC, Küche und Bett. Menschen mit einer sehr schweren Ausprägung des Syndroms, das sind rund fünf Prozent, können diese Örtlichkeiten nicht mehr in ausreichendem Ausmaß benutzen.

derStandard.at: Wie kann Messies geholfen werden?

Vykoukal: In unserer Ambulanz bieten wir Betroffenen viele verschiedene Angebote an, aus denen sie die für sie passende Therapiemöglichkeit auswählen. Manche sind auch so genannte Therapie-Messies, die alle Angebote sammeln, die wir anbieten. Wir verbieten das aber nicht, denn damit können sie sich ihre Wohnung nicht "zumüllen".

Wir bieten beispielsweise Einzel- und Gruppentherapie, Selbsthilfegruppe, Kunstgruppe oder Hausbesuche an. Bei Hausbesuchen greift der „Coach" nicht persönlich ein und säubert die Wohnung, sondern gibt Ratschläge und hilft Betroffenen, ihre täglichen Aufgaben besser zu strukturieren. Die Berater unterstützen Betroffene, die sich dadurch leichter tun bzw. selber zutrauen, etwas wegzuwerfen - einfach, weil sie nicht alleine sind. Ganz wichtig ist es, die Entscheidung den Betroffenen zu überlassen, denn das Entrümpeln der Wohnung kann ziemlich traumatisierend sein. Durch geduldige Betreuer oder Angehörige wird der Schweregrad der Ausprägung oft sehr eingedämmt. Sie erreichen in kleinen Schritten immer wieder, dass Sachen weggeworfen werden. "Zwangsentrümpelungen" werden nur gemacht, wenn etwa schwere hygienische Missstände auftreten oder Feuergefahr besteht. (Ursula Schersch, derStandard.at, 15.12.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Messies" sind unfähig, Ordnung zu halten. Betroffene messen sachlich Wertlosem viel Wert bei und sind meist unfähig, den realen Wert der gesammelten Gegenstände einzuschätzen.

  •  Elisabeth Vykoukal ist Psychotherapeutin und Gruppenpsychoanalytikerin sowie Mitbegründerin und Vizerektorin der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU). Sie arbeitet seit dem Jahr 2000 mit Messies und ist für die Leitung der Messie-Selbsthilfegruppe an der Ambulanz der SFU verantwortlich.
    foto: privat

    Elisabeth Vykoukal ist Psychotherapeutin und Gruppenpsychoanalytikerin sowie Mitbegründerin und Vizerektorin der Sigmund Freud PrivatUniversität Wien (SFU). Sie arbeitet seit dem Jahr 2000 mit Messies und ist für die Leitung der Messie-Selbsthilfegruppe an der Ambulanz der SFU verantwortlich.

Share if you care.