Fallbeispiel 1

Reizdarm (Colon irritabile)

Evemarie Wolkenstein, 12. Jänner 2010, 08:05

Typisch für das Reizdarmsyndrom: Am Ende einer diagnostischen Abklärung bleibt nicht viel übrig - Die Betroffenen fühlen sich mit dieser funktionellen Störung häufig allein

„Es begann mit plötzlich auftretenden Bauchschmerzen, die mir unglaubliche Angst machten. Da ich noch nie solche Schmerzen hatte, beschloss ich eine Spitalsambulanz aufzusuchen, denn ich dachte an einen Blinddarmdurchbruch oder irgendetwas furchtbar schlimmes."

Vor mir sitzt eine junge Frau Mitte zwanzig. Sie wirkt sichtlich erschöpft, hat in den letzten Wochen einige Kilogramm an Gewicht verloren. Der Verdacht auf eine Blinddarmentzündung hatte sich zuvor im Spital nicht bestätigt. Die Patientin wurde nach sorgfältiger Durchuntersuchung mit der Diagnose Reizdarmsyndrom wieder entlassen. Vorderhand war die Patientin von diesem Ergebnis durchaus angetan, jedoch sah sie sich auch in den kommenden beiden Wochen mit denselben Beschwerden konfrontiert, wenn auch nicht in dieser Heftigkeit wie zuvor. Was die Patientin schlussendlich zu mir in die Praxis geführt hat, beschreibt sie mit folgenden Worten: „ Ich traue mich kaum noch zu essen, weil ich Angst davor habe, dass die Schmerzen wieder kommen." 

Bis zum Zeitpunkt der ersten Schmerzattacke waren der Frau Verdauungsbeschwerden vollkommen unbekannt. Stress und der Beginn einer neuen Arbeit als Regieassistentin an einem Theater zieht sie selbst als Auslöser für die Symptomatik in Erwägung. Mit der Diagnose Reizdarmsyndrom weiß sie wenig anzufangen.

Funktionelle Störung

Berechtigterweise, denn das Reizdarmsyndrom dient nur als „Etikett" für Beschwerden, die sich für die Schulmedizin ohne medizinisch ersichtlichen Hintergrund darstellen. Das bedeutet: Schmerzen, Blähungen oder Stuhlunregelmäßigkeiten lassen zwar eine Darmentzündung (Colitis) vermuten, bei genauer Betrachtung der Darmschleimhaut mit Hilfe eines Endoskops (Colonoskopie) zeigt sich jedoch häufig eine völlig unauffällige Darmschleimhaut. Für die junge Frau ein erfreulicher und dennoch unbefriedigender Befund: „Ich habe mich dumm und unverstanden gefühlt. Der Arzt sagt mir, dass ich gesund bin und ich habe trotzdem unerträgliche Schmerzen". 

Eine „eingebildete Kranke" ist die Patientin nicht, auch wenn der makroskopische Befund eigentlich das Gegenteil besagt. Die Vorgeschichte ihrer Beschwerden hat mir die entscheidenden Hinweise geliefert: Im vorangegangenen Jahr litt die Frau mehrfach unter einer Blasenentzündung, die sie mit Hilfe eines Antibiotikums immer wieder zum Abklingen brachte. 

Die kurze Harnröhre bei Frauen und die anatomische Nähe der genitalen zur analen Region begünstigt die Infektion der weiblichen Harnblase mit Escherichia coli. Dieser Keim ist Bestandteil natürlichen Darmflora und damit Teil des Mikroimmunsystems. Die Einnahme eines Antibiotikums zeigt bei Blaseninfektionen in der Regel zwar rasche Wirkung, jedoch wird dabei ein Punkt häufig übersehen: Antibiotika arbeiten nicht selektiv, sondern töten Bakterien im Kollektiv. Das bedeutet: E.coli Bakterien verschwinden zwar aus der Blase, aber ebenso jene im Darm. Das Ergebnis hat einen Namen: Reizdarmsyndrom (RDS).

Darmflora aus der Balance

Ganz typisch für den Verlauf eines RDS: Die Symptome stellen sich nicht unmittelbar nach der Antibiotikaeinnahme ein. Der menschliche Organismus ist vorerst darum bemüht das bakterielle Ungleichgewicht selbst wieder in Balance zu bringen. Gelingt ihm das nicht mehr, kommen die Beschwerden. Ich habe meine Patientin deshalb auf die Möglichkeit einer Stuhluntersuchung hingewiesen, mit deren Hilfe es gelingt die Verteilung der Mikroorganismen im Darm genau zu analysieren. Das Ergebnis zeigte sowohl eine deutliche Verminderung an E. coli, wie auch der anderen physiologischen Darmflora. Ein Teil davon, Lactobazillen und Bifidusbakterien lassen sich mühelos über Joghurt ersetzten, E. coli müssen aber durch in der Apotheke erhältliche Präparate zugeführt werden.

Repräsentant der Gefühle

Aus Sicht der Chinesischen Medizin ist der Dünndarm eng mit dem Herzen verbunden (Yang/Yin Organe). Diese seltsam anmutende Sichtweise ist aus der Beobachtung entstanden, dass Emotionen eine erhöhte Pulsfrequenz, Bauchgrimmen und Durchfall verursachen können und einen Einfluss auf die Harnblase besitzen. Im Zusammenhang mit Prüfungssituationen ist den meisten Menschen dieses Gefühl vertraut. 

Aus der Embryologie wiederum wissen wir, dass sich ab der dritten Lebenswoche die Muskulatur des Magen-Darm-Trakts, der Blutgefäße und des Herzens aus dem gleichen Keimblatt (Mesoderm) entwickeln. Es gibt also eine Verbindung, eine Wechselwirkung, die sich in Mozarts viel zitiertem Satz bestätigt: „ wenn´s Arscherl brummt, ist´s Herzerl g´sund". In der Traditionell Chinesischen Medizin ist das Herz das Zentrum der Emotionen und der Regent des Gehirns (shen 神Geist). Über die Yin/Yang Verbindung können sich daher emotionale Probleme als Darmprobleme repräsentieren.
Der menschliche Organismus selbst ist dabei intelligent genug um herzbeunruhigende Emotionen, wie Liebeskummer, Stress oder Angst, im wahrsten Sinne des Wortes eine Abfuhr zu erteilen. Ein gesunder Prozess, der für die Betroffenen mitunter jedoch höchst unangenehm ist. Aus meinen Erfahrungen in der Praxis weiß ich: Menschen die unter RDS leiden, kämpfen häufig sehr „tapfer" gegen ihre Emotionen an.

Ausgleich durch Akupunktur

Die Domäne der Akupunktur ist es, im konkreten Fall einen Ausgleich von Herz und Dünndarm zu bewirken und damit das Problem kausal zu beheben. In der Kombination mit der Wiederherstellung der physiologischen Darmflora durch die Zufuhr verschiedener Präparate, hat die Behandlung bei meiner Patientin relativ rasch zum Erfolg geführt. Die junge Frau hat sich nach drei Sitzungen selbst als geheilt entlassen. (Evemarie Wolkenstein, derStandard.at, 12.1.2010)

Zur Serie: TCM in zwölf Fällen

Evemarie Wolkenstein erklärt wie traditionell chinesische Medizin funktioniert. Die Allgemeinmedizinerin stellt Patientengeschichten aus Ihrer Praxis vor.

Zur Autorin

Evemarie Wolkenstein ist Ärztin für Allgemeinmedizin und Präsidentin des Vereins für komplementäre Präventionsmedizin.

Link: Institut Wolkenstein

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contains sugar
31
31.1.2010, 17:16
wann kommt der nächste beitrag?

ich freue mich immer wieder, wenn der standard auch über alternative behandlungsmethoden berichtet.

alexanderletten
 
00

"Die Allgemeinmedizinerin stellt Patientengeschichten aus Ihrer Praxis vor."
Vieleicht sind alle anderen Patientengeschichten ja noch nicht austherapiert/abgeschlossen?


Vieleicht aber brauch Qualität einfach,... seine Zeit?;-)

contains sugar
10

da die frau ärztin und nicht journalistin von beruf ist, könnte es auch sein, dass sie grad wichtigere dinge zu tun hat. ;)

Godesberg
11

Sorry, aber sowas wie da oben schreib ich Ihnen in 15 Minuten zusammen.

contains sugar
10

als pharmareferent gehört das ja auch zum berufsbild.

Godesberg
10

Äh, nein. Die Pharmareferenten die bei mir auftauchen müssen das ganz sicher können.

Ich finde es interessant, dass Sie jedem der eine rationale, wissenschaftliche Sicht auf medizinische Dinge hat vorwerfen "Pharmareferenten" zu sein und dann nicht mal wissen was die überhaupt tun.

Godesberg
10

War ja klar ;-)


"müssen das ganz sicher NICHT können."

alexanderletten
 
00

Das müsste doch vorher klar gewesen sein, denke ich.
Könnte ja sein, dass urplötzlich dermaßen viel Patienten die Wolkenstein-Klinik stürmten mit Reizdarm-Syndrom,
Könnte auch sein, dass sie wirklich wichtigere Dinge zu "tun" hat als Serien zu schreiben,
Könnte auch sein, dass sie nicht allein an den Teilen Serien feilt.

Jedenfalls ist der erste Teil nun wirklich gründlich ausgelesen und beschrieben worden. ;-)

contains sugar
00

ich würde mich auch über einen nächsten teil freuen.

alexanderletten
 
00

Ich glaube auch, dass nicht wenige auf eine neue Folge dieser Serie warten..

alexanderletten
 
00

Korrektur:
Natürlich muß "an den Teilen der Serie" dastehen.

Godesberg
00

Genau und deshalb hat sie diese Werbeserie auch auf 12 Teile angelegt.

Der Artikel ist hoffentlich nicht in mehr als 15 Minuten geschrieben worden.

Demnächst ist der 12. Februar, wenn die Serie nicht wenigstens monatlich ist wirds lustig.

Godesberg
12

Die PR-Agentur hat Angst, dass Leute wie ich das kritisieren und Leute wie Sie das verteidigen.

Hlodyn
20

Gröhl, das könnte sein XD

Vögelchen
11
31.1.2010, 14:21

Ich war der Meinung, dass viele Österreicher in ihren politischen Ansichten klein kariert und engstirnig sind. Die postings hier haben mich eines Besseren belehrt.
Da mache lieber wellness und lass mich - klassisch oder auch alternativ massieren. Durch diese Beiträge sind für mich die Schulmediziner weniger glaubhaft geworden.

contains sugar
00

lass dich nicht beirren, nur weil hier ein paar fanatiker und pharmareferenten ihr unwesen treiben. viele schulmediziner schätzen komplementärmedizin und empfehlen diese sogar bzw. helfen einem, wie man diese günstig bekommt.
es ist immer eine frage der offenheit des geistes.

Godesberg
00

Besonders wenn der Geist so offen ist, dass er sich alles verkaufen lässt.

Ich bin froh dass mein Geist ein Filter mit ganz feinen Poren ist.

utarefson
10
Was hat Wahrheit mit Politik zu tun?

Werden die Meridiane wahrscheinlicher, wenn es die Rechtsprechung gestattet mit Humbug geld zu verdienen?


Godesberg
11
28.1.2010, 17:44

Ob das jetzt still und heimlich verschwindet?

utarefson
11
28.1.2010, 19:10
Leider wissen wir nicht, ob Wolkenstein die Internetdiskussion verfolgt.

Ich nehme an, es handelt sich um bezahlte (Pseudo)-Information, also Werbung für ihr Institut.
Daher ist die weitere Annahme nicht abwegig, daß irgend eine Werbequetsche dahinter steckt, die der guten Fr. Dr. Wolkenstein die Aktion als Marketingmaßnahme verkauft hat.
Und jetzt fällt die gute - Omen est Nomen - wie ein Stein aus allen Wolken über Aufmerksamkeit, die sie erregt hat.
In den Wänden ihres Institutes ist ihr sicher noch nie Kritik entgegen gebracht worden, weil natürlich die Aufmachung des "Institut Wolkenstein" ein Filter ist, der dafür sorgt, daß "nur" entsprechend konditionierte Klientel sich angesprochen fühlt.
Aber im Internet gibt es halt auch noch Menschen die nicht konditioniert sind und nicht an "Wunder" glauben!

Godesberg
13
28.1.2010, 23:23

Ich fürchte dass die Redaktion des Gesundheitsteils sowas auch ohne PR-Agentur dazwischen mit Frau Wolkenstein auskungelt.

utarefson
10
29.1.2010, 07:36
Da hat er höchstwahrscheinlich recht

Am Niveau hätt ich das erkennen sollen!

beethovenfries
01
28.1.2010, 01:44

Ganz selten habe ich bisher im Leben (und das dauert jetzt doch schon einige Jahrzehnte) etwas gesehen, das den Begriff des Wiederholungszwangs deutlicher auf den Punkt bringt als dieser Thread.

Godesberg
10
28.1.2010, 10:03

Wow, und das mussten Sie uns um 1:44Uhr noch mitteilen?

Wassn datt fürn Zwang?

utarefson
21
28.1.2010, 08:51
Die Frage ist, ob man es zulassen soll, daß Unsinn, wenn er nur oft genug wiederholt wird, plötzlich zum Geschäftssinn werden darf und soll.

Soll man das einfach durchgehen lassen?
Soll man es einfach durchgehen lassen, daß medizinisch unsinnigste Behauptungen und Vermutungen zum Geschäftemachen etisch und moralisch verantwortbar sind?
Niemand bestreitet Beschwerden einzelner Patienten!
Was macht unsere Fr. Dr. Wolkenstein?
Sie erklärt mit erwiesenermaßen Irrealen heilen zu können. Daß Zuspruch und Empathie bewirken bekanntlich viel, aber auch Zufall, Zeit und Änderung unbekannter Umstände lassen "plötzlich" verschiedenste Beschwerden veschwinden.
Dr. W. schwindelt ihren Patienten Kausalitäten vor, die so schlicht nicht gegeben sind, und erklärt sie bzw. ihre Methoden - bar jeder Evidenz - hätten geheilt. Dabei hilft der Zeitgeist! So werden "Wunder" erzeugt und zu Geld!

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