"Die Pille gegen Promille ist ein Märchen"

15. Dezember 2009, 17:07
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Restalkoholisierung wird oft unterschätzt: Alkohol baut sich nur langsam ab, der Prozess lässt sich auch nicht beschleunigen

"Wenn man ordentlich getrunken hat, ist der Promillespiegel in der Früh noch immer hoch - auch wenn man geschlafen hat", sagt  Arbö-Verkehrsmediziner Josef Nagler. Der Abbau entspreche ungefähr 0,1 bis 0,15 Promille pro Stunde. Der Blutalkoholspiegel steigt jedoch noch nach dem Trinken an, der Höhepunkt ist unter Umständen erst nach einer Stunde erreicht. "Alkohol baut sich nur langsam im Körper ab und der Prozess lässt sich nicht beschleunigen", meint Nagler. Viele Autofahrer unterschätzen das Risiko: "Wir haben in fast jeder Nachschulungsgruppe für Alkolenker einen Klienten, der brav mit dem Taxi nach Hause gefahren ist, aber am nächsten Tag in die Arbeit mit dem Auto", berichtet Verkehrspsychologin Bettina Schützhofer.

Die Klienten haben nicht damit gerechnet, dass der Alkoholspiegel noch so hoch ist. Der subjektiv empfundene Rauschzustand ist nach einer kurzen Schlafperiode zwar nicht mehr vorhanden, aber eine Beeinträchtigung ist dennoch vorhanden. Alkohol wird vornehmlich in der Leber abgebaut, neuere Forschungen zeigen, dass der Abbau schon im Magen und Darm beginnt. Als Faustregel gilt, dass eine erwachsene und gesunde Person rund ein Gramm Alkohol pro zehn Kilogramm Körpergewicht in der Stunde verbrennt.

"Restalkohol ist ein ganz wichtiges Thema. Denn es dauert sehr lange, bis hohe Alkoholisierungen abgebaut werden", sagt Schützhofer. In den Nachschulungskursen am Institut "sicher unterwegs" von Bettina Schützhofer wird daher immer das Thema Alkoholabbau besprochen: "Restalkoholisierung ist natürlich auch ein Thema am Arbeitsplatz, denn in fast allen Arbeitsverträgen ist Alkohol am Arbeitsplatz verboten."

"Russisches Roulette"

"Der Alkoholabbau hängt von unterschiedlichen Faktoren wie Alter, Erkrankungen, Nahrungs- oder Medikamentenaufnahme und Tagesverfassung ab", erklärt Nagler. Psychopharmaka können zudem die Wirkung sogar verstärken. Und Frauen bauen in der Regel Alkohol schlechter ab als Männer. Das liegt daran, dass Frauen im Verhältnis zu ihrem Körpergewicht mehr Fett, als Wasser haben. Bei Männer rechnet man, dass das Körperwasser rund 68 Prozent des Körpergewichts ausmacht, bei Frauen nur 55 Pozent. Daher steigt bei einer Frau die Alkoholkonzentration wahrscheinlich stärker, als bei einem Mann mit dem gleichen Körpergewicht.

Es gibt noch einen zweiten Unterschied: Alkohol wird in der Leber durch das Enzym Alkoholdehydrogenase, kurz ADH, abgebaut. Frauen besitzen davon in der Regel weniger. Es sei daher unsinnig, sich nach Tabellen oder Rechnungen wie die Widmark-Formel an eine Promillegrenze "heranzutrinken", betont Nagler: "Das ist russisches Roulette."

Promillekiller

Seit Jahrzehnten versprechen unterschiedliche Hersteller, dass sie Tabletten, Getränke oder Speisen herstellen können, die den Abbau der Alkoholkonzentration im Körper beschleunigen. "Die Pille gegen Promille ist ein Märchen", bestätigt Nagler im Gespräch mit derStandard.at. Eine Wirksamkeit konnte bislang für kein Präparat wissenschaftlich nachgewiesen werden. Meist handelt es sich bei diesen "Promillekillern" um Limonaden, die eine extrem hohe Konzentrationen an Fruchtzucker und Vitamin C enthalten. Nebenwirkungen können Durchfall, Brechreiz und Übelkeit sein. Auch koffeinhaltige Getränke wie Kaffee oder Energy-Drinks beschleunigen den Alkoholabbau nicht. Zwar fühlt sich der Konsument kurzzeitig subjektiv leistungsfähiger, das ändert aber nichts an der Beeinträchtigung.

Auch auf das Speckbrot oder andere fette Speisen als "Trinkunterlage" ist kein Verlass. Zwar verlangsamt Fett die Aufnahme von Alkohol im Blut, verringert sie aber nicht. Es kommt lediglich zu einer zeitlichen Streckung. Wärme und Zucker beschleunigen hingegen diesen Prozess, weshalb sich nach dem Konsum von alkoholischen Heißgetränken wie Punsch oder Grog oft ein schnelleres Rauschgefühl einstellt. (jus, derStandard.at, 15. Dezember 2009)

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