"Machttrunken, amerikabesessen"

14. Dezember 2009, 19:11
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Ex-Premier Tony Blair wegen des Irakkrieges im Kreuzfeuer der Kritik

Mit einem furiosen Charaktermord an Ex-Premier Tony Blair sorgt der frühere Leiter der britischen Generalstaatsanwaltschaft, der obersten Anklagebehörde des Landes, für Aufsehen. Einen "Trickser und Täuscher, selbstverliebt, machttrunken und amerikabesessen" nennt Ken Macdonald den früheren Regierungschef, dessen Rolle bei der britischen Beteiligung am Irakkrieg 2003 derzeit wieder heftig in der Öffentlichkeit diskutiert wird. Die amtliche Untersuchungskommission mahnt der Spitzenjurist zu härterem Vorgehen und klarer Sprache, um das Vertrauen der Öffentlichkeit in die politische Klasse wiederherzustellen.

Einsame Entscheidung

Mit seinem Beitrag für die Zeitung The Times reagierte Macdonald auf ein TV-Interview des derzeitigen Nahost-Vermittlers Blair, in dem sich dieser ausführlich über sein Verhältnis zu Glauben und Religion äußerte. Von der BBC-Interviewerin nach dem Irakkrieg gefragt, sprach der 56-Jährige von einer "sehr einsamen Entscheidung" und betonte die Bedrohung durch das Regime Saddam Husseins. Auch ohne die nicht vorhandenen Massenvernichtungswaffen "hätte ich es für richtig gehalten, ihn von der Macht zu vertreiben" .

Die Äußerung hat die ohnehin tobende Auseinandersetzung um die schwierigste Episode britischer Außenpolitik der vergangenen Jahrzehnte angeheizt.

Kritiker wie der Völkerrechtsprofessor Philippe Sands sahen erstmals die Möglichkeit, Blair wegen Vorspiegelung falscher Tatsachen vor Gericht zu stellen. Bisher galten die Äußerungen des gelernten Anwalts Blair als nicht justiziabel, wenn sich auch weite Teile der britischen Öffentlichkeit sowie der damalige Oppositionsführer Michael Howard "eindeutig in die Irre geführt" fühlen durch die Beteuerungen des damaligen Premierministers über Saddam Husseins angebliche Massenvernichtungswaffen.

Die Erkenntnisse westlicher Geheimdienste seien "detailliert, ausführlich und zuverlässig" , hatte der Labour-Regierungschef 2002 dem Unterhaus gesagt. Die Untersuchung durch einen hinter verschlossenen Türen tagenden Ausschuss ergab hingegen schon 2004: Was die Geheimdienstler wussten, war "begrenzt, verstreut und zusammengestoppelt" .

In den bisherigen Sitzungen der Irak-Kommission unter Leitung von John Chilcot haben Spitzenbeamte, Diplomaten und hohe Militärs immer wieder verdeutlicht, wie eng Blair mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush zusammenarbeitete.

Vergleich mit Thatcher

Der damalige britische Botschafter in Washington, Christopher Meyer, verglich den Labour-Politiker unvorteilhaft mit dessen legendärer Amtsvorgängerin Margaret Thatcher: Diese hätte, anders als Blair, das britische Interesse im Auge behalten und die Amerikaner dazu gedrängt, für die Nachkriegssituation im Irak Sorge zu tragen.

Der furiose Kritiker Macdonald kam unter Blair 2003 in sein Amt als Generalstaatsanwalt, das er bis 2008 ausübte. Mittlerweile arbeitet er wieder in der renommierten Anwaltskanzlei Matrix, zu deren Juristenteam auch Blairs Ehefrau Cherie gehört.

Erfahrene Blair-Exegeten streiten seit langem über die Frage, ob der Brite wissentlich gelogen und die Öffentlichkeit in die Irre geführt hat oder ob er immerhin in gutem Glauben handelte. Der ehemalige UN-Inspekteur Hans Blix brachte am Wochenende eine dritte Interpretation ins Spiel: Bush und Blair hätten "erst sich selbst und dann die Öffentlichkeit" in die Irre geführt. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, Printausgabe 15.12.2009)

London - Der frühere britische Generalstaatsanwalt Ken Macdonald hat Ex-Premierminister Tony Blair wegen der Beteiligung seines Landes am Irak-Krieg scharf angegriffen. In einem Beitrag für die Londoner Tageszeitung "The Times" warf der frühere Leiter der britischen Anklagebehörde Blair am Montag vor, zusammen mit dem damaligen US-Präsidenten George W. Bush einen "erschreckenden Betrug" betrieben zu haben. Blair habe sein Land "in die Irre geführt", um die Menschen von dem "tödlichen" Krieg zu überzeugen.

Blair hatte die britische Beteiligung am Irak-Krieg am Sonntag verteidigt. Er hätte sich im Jahr 2003 auch für den Krieg im Irak entschieden, wenn er gewusst hätte, dass dessen Machthaber Saddam Hussein nicht über Massenvernichtungswaffen verfüge, sagte der frühere Labour-Regierungschef dem Sender BBC.

Großbritannien war der wichtigste Verbündete der USA, als diese im März 2003 den Irak überfielen. Als Grund nannten die beiden Regierungen damals, dass der Irak Massenvernichtungswaffen habe. Das stellte sich aber als falsch heraus. Ende November begannen in London öffentliche Anhörungen zur britischen Beteiligung am Irak-Krieg. Anfang kommenden Jahres soll auch Blair vor der Untersuchungskommission des Unterhauses aussagen. (APA/AFP)

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    "Selbstverliebter Trickser" : Tony Blair in den Augen eines Kritikers.

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