Die Entstehung des Autorenkinos aus dem Fernsehen

13. Dezember 2009, 19:04
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Eine Retrospektive und ein neues Buch des Filmarchiv Austria würdigen das Film- und Fernsehschaffen von Regisseur Peter Patzak - Dieser feiert im Jänner seinen 65. Geburtstag

Wien - Wien sieht irgendwie so anders aus. Vielleicht liegt es an dem Aufeinandertreffen von reinsten Fiktionen mit ganz konkreten Räumen. Am gewählten Ausschnitt, der etwa Jugendstilarchitektur oder Gemeindebauten, soziale wie städtische Randlagen an die Stelle von Wien-Klischees setzt.

Oder an der Aufladung der Stadt mit Figuren und Erzählungen, die man viel eher aus dem internationalen Kino kennt: ein kriminelles Mastermind, das den Tresor der Österreichischen Postsparkasse räumen lässt (Situation, 1973); ein übermütiger jugendlicher Held, der sich zum Vollstrecker mit Maschinenzügen wandelt (Zerschossene Träume, 1976); Weltstars wie Rita Tushingham, Carroll Baker oder Raymond Pellegrin, die ganz selbstverständlich neben Guido Wieland, Christine Böhm oder André Heller agieren.

"Kottan", "Kassbach" ...

Als Peter Patzak, 1945 in Wien geboren, nach Kunst- und Lebensstudium ebendort und in New York seine ersten Langfilme dreht, da ist ein österreichisches Kino praktisch kaum mehr vorhanden. Letzte Ausläufer vormalig florierender Studioproduktion sind die ein, zwei frivolen Komödien, die Franz Antel jährlich inszeniert. Es fehlt nicht an ambitionierten Autoren oder Regisseuren, nur gibt es keine öffentliche Filmförderung; dafür finden sich in der heimischen Fernsehanstalt ebenso ambitionierte Verantwortliche.

So etwas wie Autorenkino findet hierzulande folglich ausgerechnet im damals jüngsten, konkurrenzierenden Massenmedium einen überraschenden Verbündeten. Die Regisseure, die ORF-Produktionen mitentwickeln und inszenieren, heißen Axel Corti, Michael Haneke oder eben Peter Patzak. Seinen unumstrittenen Platz in der Geschichte des Laufbilds und der österreichischen Popkultur erarbeitet sich Letzterer mit der 1976 gestarteten Serie um den Ermittler Kottan (den nacheinander Peter Vogel, Franz Buchrieser und schließlich Lukas Resetarits verkörpern), eine Erfindung des Schriftstellers Helmut Zenker.

In dieser geglückten Arbeitsgemeinschaft wird neben Kottan nicht nur der Kinofilm Kassbach (1979) entstehen, sondern auch weitere TV-Filme für den ORF: Jetzt oder nie (1980) zum Beispiel - ein "Filmmärchen" mit Liedern von Georg Danzer, das gesellschaftlichen Veränderungen und neuen Mitbürgern mit entschlossener Neugier (und Geschäftssinn) begegnet.

Oder Match (1980), den man fast als österreichisches Pendant zum damaligen Teenie-Komödien-Hit La Boum bezeichnen könnte - mit ein bisschen weniger Party und stattdessen Augenmerk auf den Alltag von Lehrlingen und Gymnasiasten, inklusive des gerechten Zorns über autoritäre Lehrherrn und Lehrer, aus dem je nachdem filmreifer Aktionismus oder solidarisches Handeln folgen. Geschichten über ganz zentrale Lebensabschnittserfahrungen, die das Fernsehen hier schon lange nicht mehr interessieren.

Jugendliche hieß im Übrigen schon Patzaks erste Arbeit für den ORF: Eine 1971 mit Peter Huemer entwickelte dokumentarische Umschau in den Lebenswelten österreichischer Teenager und im Stil des Direct Cinema. Ein Projekt mit Seltenheitswert, welches nun eine Fortsetzung finden wird.

Peter Patzak selbst wird im Jänner 65 Jahre alt. Das Filmarchiv Austria widmet ihm aus ebendiesem Anlass derzeit nicht nur eine ausführliche Retrospektive, die bis zur Doderer-Verfilmung Die Wasserfälle von Slunj aus dem Jahr 2002 reicht. Auch ein Buch ist erschienen, in dem zahlreiche Autoren das Werk des "Regisseurs, Autors, Malers" beschreiben sowie künstlerische Weggefährten und Patzak selbst zu Wort kommen (herausgegeben von Karin Moser und Andreas Ungerböck) - zwei wichtige Beiträge zur Vergegenwärtigung heimischer Filmgeschichte. (Isabella Reicher, DER STANDARD/Printausgabe 14.12.2009)

Bis 10. 1. im Metro-Kino

  • Popkultur-helden: Peter Patzak (li.), Lukas Resetarits und Helmut Zenker in den 1980ern beim Dreh von "Kottan ermittelt".
    foto: filmarchiv austria

    Popkultur-helden: Peter Patzak (li.), Lukas Resetarits und Helmut Zenker in den 1980ern beim Dreh von "Kottan ermittelt".

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